Nationale Euphorie : Fußball-Fieber in England und Kroatien

Fans der englischen Nationalmannschaft jubeln bei einem Public Viewing, während die britische Nationalhymne gesungen wird. /AP
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Fans der englischen Nationalmannschaft jubeln bei einem Public Viewing, während die britische Nationalhymne gesungen wird. /AP

England kann am Mittwoch zum zweiten Mal in ein WM-Finale einziehen, Kroatien zum ersten Mal. Das Fußball-Fieber in beiden Ländern ist riesig und treibt einige seltsame Blüten.

shz.de von
10. Juli 2018, 19:40 Uhr

Bei der Ticket-Verlosung für das Rudelschauen im Hyde Park brachen alle Server zusammen, Königshaus und Edelfans zittern mit, Außenminister Boris Johnson muss sich für seinen Rücktritt zum falschen Zeitpunkt kritisieren lassen - und all das ist vielleicht nur der Anfang.

In England hat die ewig vorhandene Fußball-Begeisterung vor dem WM-Halbfinale gegen Kroatien am Mittwoch (20 Uhr MESZ) neue Ausmaße erreicht. «Die Jungs von 1966 werden heute noch verehrt», sagte Englands Trainer Gareth Southgate mit Blick auf Englands einzigen WM-Titel vor 52 Jahren: «Aber heute, im modernen Zeitalter, wäre das alles noch viel verrückter.»

Das vorletzte Kapitel ihrer Heldengeschichte wollen die Three Lions gegen Kroatien schreiben. Doch schon jetzt steht die Insel kopf. Dass es kein Public Viewing geben wird, liegt nur am Namen. Denn das ist der englische Begriff für «Leichenschau». Dafür wird es «Public Screenings» geben. Das größte im Londoner Hyde Park, wo auch die Band Lightning Seeds auftreten und die sehnsüchtigen Zeilen «Football's Coming Home» singen wird. Die Nachfrage überstieg die Anzahl von 30 000 Tickets deutlich. Die Glücklichen mussten ausgelost werden - so manches WM-Ticket war einfacher zu ergattern. Und die Nachfrage so groß, dass die Technik versagte.

«Das WM-Fieber hat London und die ganze Nation gepackt», sagte Londons Bürgermeister Sadiq Khan. Und die Three Lions sehen sich deshalb bei der WM auch im gesellschaftlichen Auftrag unterwegs. «Unser Land ist durch einige schwierige Zeiten gegangen, wenn es um die Einheit geht», sagte Coach Southgate. «Sport und Fußball im Besonderen haben die Kraft, das anzusprechen. Es ist ein besonderes Gefühl und ein Privileg für uns.»

Längst hat der Fußball alle gepackt. Aus dem Kensington Palast twittert Prinz William höchst persönlich, was sehr selten ist. «Ihr wolltet Geschichte schreiben und nun tut Ihr genau das», schrieb der Thronfolger. Popstar Robbie Williams posierte dieser Tage in der England-Trainingsjacke und twitterte: «FOOTBALL'S COMING HOME». Der Fußball kommt nach Hause, der Titel jenes Songs von 1996 ist für das Fußball-Mutterland längst zum Motto geworden.

Ein Fan ließ sich den Torschützen vom Sieg gegen Schweden, Harry Maguire, aufs Bein tätowieren. Maguire versprach ihm ein Trikot, eine Modefirma will ihn gar für den Rest seines Lebens umsonst einkleiden. Für Southgate haben die Fans derweil einen Song umgedichtet, der derzeit nicht nur in England, sondern auch in Russland überall auf den Straßen und in den Pubs zu hören ist. In ihrer Version des Popsongs «Whole Again» der Girlgroup «Atomic Kitten» gestehen sie ihre Zuneigung zu dem Erfolgscoach: «Southgate, Du bist der Einzige.»

Ähnlich verrückte Ausmaße nimmt die Fußball-Euphorie in Kroatien an. Das normale Leben in dem Vier-Millionen-Einwohner-Land wird am Mittwochabend fast zum Erliegen kommen. Die Theater haben ihre Vorstellungen abgesagt, die Supermärkte schließen pünktlich zum Anpfiff. Die Originaltrikots der «Vatreni» sind seit zwei Wochen fast im ganzen Land ausverkauft. Nationaltrainer Zlatko Dalic ist fest davon überzeugt, dass seine Mannschaft den ganz großen Coup landen kann. «Wir sind eine Land, in dem alles möglich ist - vier Millionen Einwohner, vier Millionen Trainer, vier Millionen Spieler», sagte er am Dienstagabend.

Die größte Boulevardzeitung «24sata» lobte Handschuhe von Nationaltorhüter Danijel Subasic für das schönste Anfeuerungsfoto aus. Es kamen Bilder von Kleinkindern und Hunden im Nationaltrikot. Ein Paar streifte sogar das Nationaltrikot über Hochzeitskleid und Anzug. «Kroatien hat die totale Fußball-Hysterie erfasst», schrieb das Promi-Portal «Index». Staatspräsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic, die den Viertelfinal-Sieg in der Kabine mit den Spielern feierte, wird zum dritten Mal im Stadion sein und bringt diesmal auch Regierungschef Andrej Plenkovic mit.

In diesem Emotions-Gemisch müssen sich die Spieler beider Seiten auf ihre sportliche Aufgabe konzentrieren. Denn die Ausgangsposition ist kurios: Sie können Geschichte schreiben - England war nur einmal im Finale, Kroatien noch nie - und haben schon viel erreicht. Eine Niederlage am Mittwoch würde trotzdem ewig als vergebene Chance in Erinnerung bleiben. Die Engländer versuchen es mit Lockerheit. «Das hier fühlt sich an wie ein großer Urlaub», versicherte Routinier Ashley Young, der am Montag seinen 33. Geburtstag feierte: «Es ist keine Sekunde langweilig, wir genießen jeden Moment.»

Doch eine solch große Geschichte ist längst zur nationalen Angelegenheit geworden und wird mit anderen Dingen vermischt. Die «Sun» konnte sich für das Titelblatt offenbar nicht zwischen dem Spiel und dem Rücktritt des britischen Außenministers Boris Johnson entscheiden. Also zeigte das Boulevard-Blatt am Dienstag Johnson im England-Trikot in verzweifelter Geste und titelte: «Wisst Ihr nicht, dass da ein verdammtes Spiel ansteht?» Ganz nach dem Motto: Der Rücktritt hätte jetzt aber wirklich noch zwei Tage Zeit gehabt.

Auch in Kroatien schlug der prominente Kommentator Goran Vojkovic den Bogen zur Politik und fragte: «Warum sind die kroatischen Fußballer viel erfolgreicher als Kroatien.» Die Zeitung «Jutarnji list» freut sich derweil darüber, dass der kroatische Fußball nach dem handfesten Korruptionsskandal um Funktionär Zdravko Mamic wieder positive Schlagzeilen schreibt. «Nach Jahren beklemmender Realität, Streitigkeiten, Polarisierung und Boykott wegen eines einzigen Menschen hat der kroatische Fußball die Chance, die hässliche Vergangenheit abzuschließen und eine neue Seite in der Geschichte aufzuschlagen», hieß es dort.

Es geht also am Mittwoch um Sport-Geschichte. Und doch auch um mehr als um Fußball.

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