Achtefinale gegen Kolumbien : Fußball-England träumt vom WM-Coup

Nationalspieler Ashley Young (l) und Englands Trainer Gareth Southgate nehmen bei einer Pressekonferenz teil.  /PA Wire
Nationalspieler Ashley Young (l) und Englands Trainer Gareth Southgate nehmen bei einer Pressekonferenz teil.  /PA Wire

Jetzt beginnt das Turnier auch für England richtig. Und in der jüngeren Vergangenheit war es danach auch schon wieder vorbei. Seit 2006 haben die Briten kein K.o.-Spiel gewonnen. Die Partie gegen Kolumbien sehen viele dennoch nur als Durchgangsstation.

shz.de von
02. Juli 2018, 18:13 Uhr

Seit zwölf Jahren kein K.o.-Spiel gewonnen, seit 22 Jahren alle fünf Elfmeterschießen verloren, aber vor dem Achtelfinale gefühlt schon im Endspiel: Die Euphorie um Englands Fußball-Nationalmannschaft ist Dauer-Twitterer und Überall-Experte Gary Lineker suspekt.

«Es wirkt so, als hätten wir die wichtigste Stammtischparole des Fußballs vergessen: Immer ein Spiel nach dem anderen angehen», schrieb der ehemalige Stürmer genervt: »In diesem Spiel geht es darum, nach zwölf Jahren mal wieder ein K.o.-Spiel bei einem großen Turnier zu gewinnen. Damit ist doch alles gesagt.»

Doch nach der guten Vorrunde und mit der Verlockung der wahrscheinlich leichten Turnierhälfte träumen die leidgeplagten britischen Fußball-Fans schon vor dem Achtelfinale am Dienstag im Moskauer Spartak-Stadion gegen Kolumbien vom Coup. Angesichts eines möglichen Viertelfinals gegen die Schweiz oder Schweden und einem Halbfinale gegen Russland oder Kroatien sogar vom ersten Endspiel seit dem Titelgewinn 1966.

Harry Kane strotzt nur so vor Tatendrang. «Jetzt kommt der Moment der Wahrheit», sagte der bereits fünffache Turniertorschütze: «Mein Selbstvertrauen ist unendlich und ich bin zu allem bereit.» Und auch Trainer Gareth Southgate ist optimistisch, dass der Weg seiner Three Lions diesmal in die nächste Runde führt. «Es ist eine brillante Gelegenheit für unser Team, weiter zu kommen als frühere Teams», sagte der 47-Jährige.

Der derzeitige Hype ist so groß, dass die von Southgate getragenen Anzugwesten auf der Insel zum Renner werden. «Ich kenne meine Stärken und weiß, dass ich kein David Beckham bin», entgegnete dieser schmunzelnd: «Das zeigt also wieder nur, dass im Leben alles möglich ist.»

Doch der Euphorie im Lager der sonstigen Dauer-Pessimisten traut Southgate nicht ganz. Deshalb war er vor «Englands wichtigstem Spiel seit zehn Jahren» sogar froh über Kritik an seiner Wechselarie vor dem Gruppenfinale gegen Belgien (0:1). «Um ehrlich zu sein: Ich habe mich nicht ganz wohlgefühlt mit der ganzen Beweihräucherung», sagte er: «Deshalb finde ich es ganz gut, dass es nun auch ein bisschen Gegenwind gibt.»

Die Niederlage des eigenen B-Teams gegen das belgische sowie die Kritik haben die Sinne innerhalb der Truppe geschärft. Zumal alle Spieler, zumindest nach außen, Southgates Entscheidung mit acht Wechseln stützen. Sogar Kane, obwohl dieser unbedingt WM-Torschützenkönig werden will. «Er sagte zu mir: «Natürlich will ich den Golden Schuh gewinnen. Aber das Wichtigste ist die Mannschaft»», berichtete Southgate: «Er hat es zu 100 Prozent verstanden und gezeigt, dass er ein echter Führungsspieler ist.»

England will seine beiden Traumata überwinden. Gegen die Angst vor dem Elfmeterschießen hat der Coach mit Psychotests, regelmäßigem Training und fest geregelten Abläufen angekämpft. «Elfmeterschießen ist definitiv kein Glück. Und es hat auch nichts mit Zufall zu tun», sagte ausgerechnet Southgate, der im EM-Halbfinale 1996 gegen Deutschland als einziger verschoss. Doch seinen Spielern hat er Selbstvertrauen eingeimpft. Alle gaben an, im Fall der Fälle ohne Zögern schießen zu wollen.

Doch dass England seit einem 1:0 dank Beckham im WM-Achtelfinale 2006 gegen Ecuador kein K.o.-Spiel gewonnen hat, lag nicht nur an der Nervenschwäche. «Dafür gab es viele verschiedene Gründe», sagte Southgate: «Elfmeter, ja. Aber auch disziplinarische Gründe. Und manchmal waren wir einfach nicht gut genug.»

Das soll nun anders sein. «Uns ist egal, was in der Vergangenheit war. Wir haben einen anderen Trainer, wir sind ein anderes Team. Wir schauen nur nach vorne», sagte WM-Debütant Dele Alli zur schwarzen Serie: «Und wir richten uns nicht mehr nach dem Gegner. Wir spielen unser Spiel. Und damit wollen wir so weit wie möglich kommen.» Das scheint in dieser Turnierhälfte gut möglich. Doch für Southgate ist das noch kein Thema. «Ich will nicht darüber nachdenken, was nach morgen ist. Wir müssen uns auf Kolumbien konzentrieren.»

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