Vor Viertelfinale gegen Uruguay : Frankreichs Paul Pogba: Lehrling oder Meister?

Im Achtelfinale gegen Argentinien zeigte Frankreichs Paul Pogba seine Klasse. Foto: imago/Moritz Müller
Im Achtelfinale gegen Argentinien zeigte Frankreichs Paul Pogba seine Klasse. Foto: imago/Moritz Müller

Im Viertelfinale wird sich zeigen, ob Spieler wie Pogba so stabil sind, um Frankreich zu einem WM-Titel zu tragen.

shz.de von
04. Juli 2018, 17:10 Uhr

Kasan/Nischni Nowgorod | Es gehört zu den Eigenheiten dieser WM, dass sich die Europäer zumeist gegenüber den Südamerikanern klar in der Unterzahl befinden. Zumindest was die mitgereisten Anhänger angeht. Ein besonders krasses Beispiel gibt dabei die französische Nationalmannschaft ab, die bisher jeden Vergleich mit Fangruppen des Gegners haushoch verloren hat. Zahlenmäßig. Und stimmungstechnisch. Es grenzt fast an Zufall, einem Grüppchen Franzosen zu begegnen, die irgendwo in einem Restaurant einen Wein trinken oder Trikots in der Fußgängerzone tragen. Der Équipe Tricolore scheint die geringe Anwesenheit von Landsleuten indes bei der Russland-Reise nicht zu schaden, denn das Ensemble von Trainer Didier Deschamps kann nach dem Achtelfinale gegen Argentinien (4:3) nun im Viertelfinale gegen Uruguay in Nischni Nowgorod (Freitag, 16 Uhr MESZ) die nächsten südamerikanische Delegation auf die Heimreise schicken.

"Kollektive Energie mit individueller Qualität"

Und spätestens seit der Torgala von Kasan schreiben Beobachter den Franzosen ein titelreifes Fundament zu. Die Forderung von Deschamps, der vor dem ersten Auftritt gegen Australien fast flehentlich darum bat, dass sich "kollektive Energie mit individueller Qualität" in seinem Kader zu einem erfolgsversprechenden Gemisch verbinden möge, scheint befolgt. Was mit einem Spieler zu tun hatte, der hinter dem so unglaublich rasanten Superstar Kylian Mbappé dem ganzen Gebilde nicht nur die Stabilität, sondern auch die Inspiration gab.

Wann hat Paul Pogba zuletzt ein so starkes Länderspiel gemacht? Selbst langjährige Berichterstatter vom Fachblatt "L’Équipe" kratzten sich am Kopf, weil sie sich beim 57-fachen Auswahlspieler nicht erinnern konnten. Trotz seiner 1,91 Meter machte Pogba – übrigens auch in einer sehr wechselhaften Saison bei Manchester United – doch viel zu selten den Unterschied. Tauchte ab statt auf. Und plötzlich die Wende: Fast in allen Fachblättern war Pogba mit Mbappé der Notenbeste. Der Mann, der immer pathetisch bekannt hatte, der "Patron" sein und dafür "sein Herz" geben zu wollen, ging wirklich voran.

Kritik an Pogba im Vorfeld

Nur zur Erinnerung: Vor der WM bei einem Testspiel in Nizza war beim Publikum trotz eines 3:1-Sieges gegen Italien mehr als nur Grummeln vernehmbar. Vielen Zuschauern hatte mal wieder die Körpersprache der Nummer sechs nicht gefallen, die irgendwo zwischen protzig-trotzig und arrogant-angeberisch wirkte. Das alte Thema: Der als Sohn guineischer Eltern in Roissy-en-Brie, einer Gemeinde im Pariser Ballungsraum, aufgewachsene Fußballer haftet der Makel der Selbstüberschätzung an.

Es gehört zu den Wesenszügen eines selbst ernannten Anführers, dass er nach dem Achtelfinale die Leistung nicht kleinredete. Der 25-Jährige verkündete fast großspurig: "Was wir gemacht haben, was wir gezeigt haben – mental, physisch, technisch – ist einer großen Mannschaft Frankreichs würdig. Wir haben Frankreich zum Vibrieren gebracht." Es war "Krake" Pogba, die mit ihren langen Tentakeln dem Gegner die Bälle stiebitzte und dann auf eine noch längere Reise schickte, bis sie Mbappé fast am gegnerischen Strafraum empfing.

Kraftzentrum mit Kanté

So entstand beispielsweise der frühe Elfmeter, den Antoine Griezmann verwandelte. Zusammen mit dem bärenstarken, weil noch ballsicheren N’golo Kanté gab Pogba das Kraftzentrum eines Geheimfavoriten, der dummerweise gegen die zähen Urus seine gerade eingespielte Statik zwischen Mittelfeld und Angriff wieder verändern muss: Mit dem gesperrten Blaise Matuidi bricht ein wichtiger Faktor heraus, der Aufgaben in Offensive und Defensive geschickt zu verzahnen weiß.

Also muss Pogba noch ein bisschen besser die Balance wahren. Er ist an guten Tagen ja ein Prototyp des kampf-, lauf- und spielstarken Alleskönners, weswegen Manchester United vergangenen Sommer 105 Millionen Euro ausgab, um einen in jungen Jahren selbst ausgebildeten Mittelfeldspieler zurückzuholen. Und doch wirkt er manchmal wie einer, der noch sein inneres Gleichgewicht sucht. Seine wechselnden Frisuren sind vielleicht der äußere Ausdruck. Oder gehört es zu jener Form an Selbstdarstellung, die so viel Kritik hervorruft? Mit der TV-Dokumentation "Pogba Mondial", Pogbas Welt, hat sich der Kicker überwiegend mal keinen Gefallen getan, weil er alle Klischees einer Kunstwelt bediente, in der Fußballprofis seinen Kalibers mittlerweile leben. Völlig abgehoben von der Wirklichkeit.

Deschamps als Förderer und Mahner

Wohl auch deshalb ist Lehrmeister Deschamps zwar nach innen ein großer Förderer, nach außen aber auch ein ständiger Mahner. Lieblingssatz des 49-Jährige über Pogba: "Er ist ein großartiger Spieler mit großartigem Potenzial." Der General weiß, dass da einer auch die strategischen Fähigkeiten besitzt, um ihm selbst nachzueifern. Jener verehrten Weltmeister-Generation von 1998, die vor 20 Jahren mit dem Titelgewinn im eigenen Land auch ein starkes gesellschaftliches Zeichen für den Zusammenhalt der Grande Nation aussendete.

Aber es hilft nicht, so viele Worte über die Parallelen der beiden Generationen zu verlieren, wenn keine Taten folgen. Wohl auch deshalb hat Deschamps in der "Sportbild" gerade eine interessante Ansage getätigt. Obwohl er Stars wie Griezmann oder Pogba in seinem Team habe: "Dennoch bleiben meine Spieler noch Lehrlinge." Und Deschamps wiederholte auch das Mantra, dass es zum großen Wurf eigentlich Spieler braucht, die – wie er damals – eine Menge Erfahrung mitbringen. Soll für das Spiel gegen Uruguay heißen: Niemand darf sich gegen die ausgebufften Stürmerstars Edinson Cavani und Luis Suarez schon als Meister fühlen.

Nicht nachlassen

Ein Nachlassen – und alles kann vorbei sein. Wer erinnert sich noch, dass Pogba 2014 von der Fifa im Nachgang zum besten Nachwuchsspieler der WM gewählt wurde? Der viel wichtigere Titel ging in Brasilien bekanntlich an Deutschland, die im Viertelfinale für die damals schon von Deschamps trainierten "Les Bleues" das Stoppschild aufstellten. Pogba hatte zuvor im Achtelfinale gegen Nigeria den Weg mit einer überragenden Leistung geebnet und sich als "Man ot the Match" schon über finale Visionen ausgelassen. Im Viertelfinale waren den großen Worten eher kleine Taten gefolgt.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen