WM-Achtelfinale 2014 : Deutschland – Algerien: Routine gegen Rachelust

Algerien schoss gegen Russland noch den Ausgleich. Das Unentschieden reichte für den Achtelfinaleinzug.
Algerischer Jubel gegen Russland. Das Unentschieden reichte für den Achtelfinaleinzug.

Einzug ins WM-Achtelfinale: Darauf hat Algerien 32 Jahre lang gewartet. Dass es nun ausgerechnet gegen Deutschland geht, bringt eine unerwartete Brisanz in ein Duell mit scheinbar eindeutigem Ausgang.

shz.de von
27. Juni 2014, 13:46 Uhr

„Wenn die DFB-Auswahl ihr Spiel nur ansatzweise durchziehen kann, dürfte es gegen diesen Gegner keine Probleme geben“, sagte Oliver Kahn nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Jürgens Klinsmanns US-Auswahl im ZDF zur kommenden Achtelfinal-Partie gegen Algerien. Der Ex-Nationaltorwart spricht es aus: Ein deutscher Sieg in Porto Alegre ist Pflicht.

Blickt man allerdings auf die Vergangenheit, sind die quirligen Kämpfer aus Nordwestafrika alles andere als ein Freilos. Zwei Spiele, zwei Niederlagen – so lautet die verblüffend negative deutsche Bilanz gegen die Wüstenfüchse („Fennecs“). Der vermeintliche Sparringspartner ist in Wahrheit ein Angstgegner.

Trainer Vahid Halilhodzic freut sich auf das Aufeinandertreffen gegen die Deutschen, gegen die der Fußball-Zwerg Algerien einst seinen größten Erfolg feierte. Eine gute Portion Rachelust schwingt mit. „Wir haben 1982 nicht vergessen, nicht Gijón, nicht Deutschland“, sagt der Erfolgstrainer. Jedes algerische Kind kennt schließlich die Geschichte des historischen 2:1-Sieges gegen Deutschland zum WM-Auftakt 1982 in Spanien und den bitteren Beigeschmack. Denn was dem Freudentaumel folgte, war das, was als „Schande von Gijon“ in die Fußball-Analen eingegangen ist: Deutschland und Österreich überließen im direkten Duell nichts dem Zufall und arrangierten sich mit einem 1:0 – mit dem Ergebnis kamen beide weiter. Wegen das deutsch-österreichischen Nichtangriffspaktes musste Algerien nach Hause fahren.

Am kommenden Montag könnte sich das algerische Märchen nach 32 Jahren Dornröschenschlaf zum Guten wenden. Die Kicker um das Kopfballungeheuer Islam Slimani können sich gegen den dreifachen Weltmeister in der Rolle des Außenseiters sonnen. „Es ist das kleine Algerien gegen das große Deutschland“, beschreibt Coach Halilhodzic die Situation vor dem Achtelfinale.

Karl-Heinz Rummenigge 1982 beim Kopfball bei der „Schande von Gijon“ gegen Österreich.
dpa
Karl-Heinz Rummenigge 1982 beim Kopfball bei der „Schande von Gijon“ gegen Österreich.
 

Vor allem in der ersten Halbzeit gegen Südkorea vermochten die Mannen um Stürmerstar Sofiane Feghouli zu glänzen. Hinsichtlich der Laufleistung gehören sie neben der DFB-Elf zu den Top-Mannschaften der WM. Anders als den Europäern bereitet ihnen die Witterung offenbar keine Probleme.

Für das Achtelfinale bahnt sich ein ähnlicher Schlagabtausch an wie beim Spiel Deutschland gegen Ghana. Bundestrainer Löw erwartet eine „erhöhte Dynamik und Brisanz“. Die Algerier pflegen einen auf Ballbesitz ausgerichteten Offensivstil mit schnellen Vorstößen, präsentieren sich kampfstark und quirlig. Gelegentlich tun sich Schwächen im Abwehrverhalten auf.  Die Truppe von Halilhodzic hat allerdings Moral bewiesen und ist in der Lage, Rückstände aufzuholen. Attribute, die so auch auf die deutsche Elf zutreffen. „Sie sind sehr agil, sie rennen rauf und runter, sind auch vom Einsatz her da. Am Ball können sie eigentlich alles“, mahnt Torhüter Manuel Neuer. Afrikanische Athletik gepaart mit europäischer Präzision – eine Erfolgsformel.

Begeisterungsstürme in Algier nach dem Einzug ins Achtelfinale.
dpa
Begeisterungsstürme in Algier nach dem Einzug ins Achtelfinale.

Auch wenn Algeriens Elf vor allem gegen Russland spielerisch nur wenig glänzen konnte, verspricht der Kader für die Zukunft einiges. Manche reden bereits von einer „goldenen Generation“. Die Schlüsselspieler sind jung und stehen bei europäischen Topclubs unter Vertrag. 16 der 23 Kicker wurden in Frankreich geboren und fußballerisch ausgebildet. Jungstar Saphir Taider (22) hat in dieser Saison bei Inter Mailand Fuß gefasst. Yacine Brahimi (24, FC Granada) hat bei der WM so überzeugt, dass große Vereine ihre Fühler nach ihm ausstrecken. Offensiv-Allrounder Sofiane Feghouli (24) vom FC Valencia hat sich zu einem der stärksten Vorlagengeber der Primera Divison entwickelt und dürfte die brüchige linke deutsche Abwehrseite vor einige Probleme stellen. Der Heldenstatus ist ihm garantiert: Gegen Belgien beendete er per Strafstoß die 28-jährige WM-Torflaute seines Landes.

In Deutschland reden derweil schon viele Fans vom Viertelfinale. Seit der Einführung der Runde der letzten 16 zur Fußball-Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko hat sich die Nationalmannschaft in der ersten K.o.-Runde immer durchgesetzt. Dabei gab es neben glanzvollen Erfolgen wie dem 2:1 gegen die Niederlande 1990 oder dem 4:1 gegen England vor vier Jahren auch Zittersiege. Bei einem Weiterkommen gegen Algerien würde im Viertelfinale der Sieger aus der Partie Frankreich gegen Nigeria warten. In der Vorschlussrunde würde auf jeden Fall eine Mannschaft aus Südamerika als Gegner lauern, womöglich sogar Gastgeber und Rekord-Weltmeister Brasilien.

Joachim Löw will den Dämonen des Überschwangs keinen Einhalt gewähren. Der Bundestrainer bremst die vorschnellen Titel-Träumereien vor dem Achtelfinale. „Bei einer Weltmeisterschaft gibt es keine Wunschgegner, auch keine einfachen Gegner, schon gar nicht in den K.-o.-Spielen“, sagte er am Donnerstagabend (Ortszeit) in gewohnter Manier und setzte als Mahnung hinterher: „Dass die Algerier unbequem sind, haben sie bewiesen. Jetzt geht es um alles oder nichts“.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen