Von Wolfsburg zum Weltmeister? : De Bruyne befeuert Belgiens Träume

Kevin de Bruyne (2.v.l.) führt die Belgier an.
Kevin de Bruyne (2.v.l.) führt die Belgier an.

Die Rolle von Kevin De Bruyne ist bei WM-Mitfavorit Belgien stark gewachsen. Auf den Ex-Wolfsburger wird im Team gehört. Der hochmotivierte Rotschopf schießt manchmal auch über's Ziel hinaus.

shz.de von
01. Juli 2018, 10:41 Uhr

Gleich in der ersten Trainingseinheit in Russland wollte Kevin De Bruyne ein klares Zeichen setzen.

Also sprintete er zur Außenlinie, mähte mit einem völlig übertriebenen Foul seinen Teamkollegen Adnan Januzaj um und spielte danach im elf gegen elf weiter, als wäre nichts gewesen. Eigentlich müsste ein Trainer stinksauer sein, wenn ein Führungsspieler die Gesundheit eines Kollegen derart aufs Spiel setzt. Belgiens Trainer Roberto Martínez aber sagte: «Man kann die hohe Intensität in unserem Training sehen.» Es untermauerte, dass De Bruyne nicht nur auf dem Feld führen will, sondern auch in der Gruppe.

Der Ex-Wolfsburger und der frühere Premier-League-Coach Martínez, das ist ein ständiges Geben und Nehmen. Mit taktischen Änderungen hat der Spanier seinem Top-Schützling eine Ausnahmerolle zugeschanzt. Aus dieser zentralen Rolle heraus soll der 27-Jährige auch das Achtelfinale gegen Japan an diesem Montag (20.00 Uhr) in Rostow am Don prägen. Belgien will wie 2014 und 2016 in die Runde der letzten Acht - und mit dem enormen Potenzial soll es diesmal endlich mit dem großen Wurf für die goldene Generation klappen.

De Bruyne ist seit dem Trainerwechsel von Marc Wilmots auf Martínez alleiniger Stratege, während Kapitän Eden Hazard auf den Flügel ausgewichen ist. Der Trainer weiß um den Wert des Stars von Manchester City. «Kevin ist immer noch unterschätzt, wenn man unser Spiel bewertet. Er ist ein entscheidender Spieler, er setzt die Offensiven in Szene», urteilte der Coach.

De Bruyne ist Mahner und Kritiker zugleich. Obwohl die Belgier unter Martínez seit mehr als eineinhalb Jahren unbesiegt sind, attackierte er öffentlich taktische Schwächen in dessen System. Seine Botschaft: System zu defensiv, zu viele Spieler greifen an, kein klarer taktischer Plan, keine Lösungen für Unterzahl-Situationen in der Abwehr. «Wir müssen etwas ändern», forderte De Bruyne. Derartig deutliche Systemkritik gab es beim entthronten Titelverteidiger Deutschland nicht einmal nach dem historischen in der WM-Vorrunde mit Niederlagen gegen Mexiko und Südkorea.

Dass De Bruyne mit dem System nicht hundertprozentig zufrieden ist, hat auch mit seiner eigenen Rolle zu tun. 2016 spielte er noch im 4-2-3-1-System als Zehner mit doppelter Absicherung, im jetzt gespielten 3-4-3 spielt er selbst defensiver. «Er spielt tiefer, dafür hat er oft den Ball. Und je öfter er den Ball hat, desto besser ist es für uns. Wir werden noch viele schöne Dinge von ihm bei dieser WM sehen», lobte Flügelstürmer Dries Mertens.

76 Millionen Euro überwies Man City 2015 an den VfL Wolfsburg für all die schönen Dinge, die De Bruyne einer Mannschaft bringt. Selbst im Multi-Millionen-System des englischen Meisters ist das ein Rekordtransfer. 2015 Wolfsburg, 2018 Weltmeister? Tatsächlich scheint der große Coup für das Team um De Bruyne, Hazard und Top-Stürmer  Romelu Lukaku möglich zu sein. 

Vor allem der technisch feine Rotschopf, Spezialität zentimetergenaue Tor-Vorlagen, entwickelte sich auf der Insel zum Weltklassespieler und forderte als gereifter Premier-League-Profi fortan auch bei den Roten Teufeln eine größere Rolle ein. Kevin sei ein Sieger, der seinen Kollegen «alles abverlangt», sagte Trainer Martínez. Er weiß am besten: Nicht nur ihnen.

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