Weltmeister prangern an : Allein gegen alle: Hummels und Boateng rütteln auf

Die Innenverteidiger Mats Hummels und Jerome Boateng waren mit dem Defensivverhalten ihrer Mitspieler nicht zufrieden. F. Gambarini
Die Innenverteidiger Mats Hummels und Jerome Boateng waren mit dem Defensivverhalten ihrer Mitspieler nicht zufrieden. F. Gambarini

Ein Konter nach dem anderen. Mats Hummels und Jérôme Boateng kämpften beim WM-Fehlstart der deutschen Elf auf verlorenen Posten. Den Weltmeistern schmeckt das lasche Abwehrverhalten der Vorderleute überhaupt nicht. Ein Rückblick auf 2014 könnte helfen.

shz.de von
18. Juni 2018, 13:15 Uhr

Jetzt kommt es auf die Wirkung der Hallo-wach-Appelle an. Nach dem einsamen Kampf gegen flinke mexikanische Angreifer prangerten die Weltmeister Mats Hummels und Jérôme Boateng deutlich die fehlende Balance im deutschen WM-Ensemble an.

«Wenn sieben oder acht Mann offensiv spielen, dann ist klar, dass die offensive Wucht größer ist als die defensive Stabilität», monierte Hummels und kratzte sich etwas ratlos am Kopf. Selten wurde eine deutsche Nationalmannschaft so überrumpelt. Fast schon desillusioniert stellte Boateng nach dem 0:1 zum WM-Auftakt fest: «Wir haben es drei Tage lang jetzt besprochen, mehr können wir nicht machen.» Und nun?

Nach dem ernüchternden 1:2 gegen Österreich und dem mauen 2:1 mit krassen Defensivschwächen gegen Saudi-Arabien wurden die Lücken in der deutschen Wackel-Abwehr noch mit Hinweis auf die WM-Testphase abgetan. Schließen konnte die DFB-Elf die großen gegnerischen Arbeitsräume zum Turnierstart aber wieder nicht.

«Wir haben wie gegen Saudi-Arabien gespielt, nur gegen einen besseren Gegner», fasste der zerknirschte Hummels im ZDF zusammen. «Ich verstehe nicht so ganz, warum wir so gespielt haben, obwohl wir gegen Saudi-Arabien schon einen Schuss vor den Bug bekommen haben.»

Angekommen sind die Warnschüsse aus den Freundschaftsspielen jedenfalls nicht bei allen. Auf dem Flügel von Fast-Rechtsaußen Joshua Kimmich war die deutsche Defensive blank. Im Mittelfeld mit den gegen Mexiko zweikampfscheuen Sami Khedira und Toni Kroos waren die Lücken riesengroß. Und in vorderster Front leiteten Fehlpässe immer wieder Gegenstöße der Lateinamerikaner ein.

«Ich sehe es grundsätzlich so, dass wir gemeinsam angreifen und gemeinsam verteidigen», entgegnete Marco Reus, angesprochen auf die Kritik von Hummels. Der in der 60. Minute eingewechselte Dortmunder räumte aber auch mannschaftliche Versäumnisse im Moskauer Luschniki-Stadion ein. «Es war in der ersten Halbzeit schon so, dass wir in zwei Hälften geteilt waren. Das darf uns nicht passieren, wir hatten das deutlich angesprochen», betonte Reus.

An ein «bisschen Reibung» stört sich Teammanager Oliver Bierhoff nicht. «Wenn man nach dem Spiel zur Tagesordnung übergehen würde, wäre es auch nicht gut. Mir ist lieber, ein Spieler spricht was an. Bei Mats weiß man, dass es nicht bösartig gemeint ist», sagte Bierhoff. «Wir werden das entsprechend klar intern diskutieren.»

Vielleicht auch mit einem Rückblick auf 2014. Beim Triumph in Brasilien war es vor allem die aufopferungsvolle Defensivarbeit der gesamten Mannschaft, die den Weg zum goldenen Pokal ebnete. Ganze vier Gegentore kassierten die Weltmeister im ganzen Turnier.

Mexiko hätte bei einem abgeklärteren Konterverhalten schon im Auftaktmatch locker drei Treffer erzielen können. «Mit so einer Leistung kannst du kein WM-Spiel gewinnen», bemängelte Boateng. Der 29-Jährige führte fehlende Kommunikation auf dem Platz und Abstimmungsfehler als Hauptschwächen an.

Der nach sechs Wochen Wettkampfpause erst kurz vor der WM zurückgekehrte Boateng rettete wiederholt im letzten Moment. Hummels klärte auch oft. Doch er öffnete vor dem mexikanischen Siegtor die Abwehr, rutschte im Mittelkreis weg - und hatte so maßgeblichen Anteil am Treffer von Hirving Lozano. «Wir müssen jetzt zwei Spiele gewinnen, sonst war es das mit der WM», warnte der 29-Jährige.

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