Vor dem WM-Halbfinale : Englands Trainer Gareth Southgate: "Das Kollektiv ist der Schlüssel"

Mit Spaß bei der Sache: Das junge englische Team um Kapitän Harry Kane (Mitte) zeigt sich vor dem Halbfinale gegen Kroatien gelöst.
Mit Spaß bei der Sache: Das junge englische Team um Kapitän Harry Kane (Mitte) zeigt sich vor dem Halbfinale gegen Kroatien gelöst.

England steht etwas überraschend im WM-Halbfinale, obwohl sie früher durchaus schon einen besser besetzten Kader hatten.

shz.de von
10. Juli 2018, 16:10 Uhr

Sankt Petersburg | Gareth Southgate ist bislang nicht als Selbstdarsteller aufgefallen, er macht einen bescheidenen und demütigen Eindruck. Von daher war es vermutlich nicht als Eigenlob gemeint, sondern eher als sachliche Beschreibung der Situation, als er nach dem vollbrachten Einzug ins WM-Halbfinale gegen Kroatien an diesem Mittwoch über die Schwierigkeiten sprach, vor die er als englischer Nationaltrainer gestellt wird, und mit denen er erfolgreich umgeht. "Es ist bemerkenswert, dass wir so weit gekommen sind. Uns stehen nur 30 Prozent der Spieler aus unserer Liga zur Verfügung. Das ist ein Problem", sagte er.

Premier League dominiert Weltmeisterschaft

Die Premier League gilt als die beste Liga der Welt. Das Turnier in Russland unterstreicht diesen Ruf. Fast die Hälfte der Profis im Kader der WM-Halbfinalisten, nämlich 40 von 92, sind in England angestellt. Die Liga zieht wegen ihrer finanziellen Mittel und ihrer Strahlkraft hochklassige Fußballer aus allen Winkeln des Planeten an. Das bedeutet allerdings, dass es englische Spieler in der heimischen Liga schwer haben. Schwerer noch als deutsche Fußballer in der Bundesliga oder Spanier in der Primera División. Englische Profis werden in England immer mehr zur Randerscheinung. Die prägenden Spieler bei Meister Manchester City sind der Belgier Kevin De Bruyne oder der Argentinier Sergio Agüero. Bei Manchester United ragen der Spanier David De Gea oder der Franzose Paul Pogba heraus. Liverpools Stützen sind der Niederländer Virgil Van Dijk oder natürlich der Ägypter Mohamed Salah. Dass Engländer ins Ausland wechseln, um im Verein mehr zu spielen, ist unüblich.



Das alles bringt zwei Probleme für Englands Nationaltrainer Southgate. Er hat, erstens, nur ein überschaubares Angebot an Spielern zur Verfügung. Und es handelt sich dabei, zweitens, nicht um die Stars der Premier League, sondern um Profis, die bei ihren Klubs oft nur Mitläufer oder Füllmaterial sind. Zum Teil auch, weil sie noch jung sind. Die Engländer sind bei der WM mit dem zweitjüngsten Kader aller Teilnehmer nach Nigeria gestartet. "Viele unserer Spieler sind noch keine Weltklassespieler. Sie haben sich noch nicht im Verein etabliert, geschweige denn auf internationalem Level", sagt Southgate. Ihm dürften dafür einige Beispiele einfallen.

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England: Zweitjüngstes WM-Team

Nationaltorwart Jordan Pickford hat gerade seine erste Saison beim FC Everton hinter sich. Verteidiger John Stones ist bei Manchester City nur dritte Wahl hinter Nicolás Otamendi aus Argentinien und dem Belgier Vincent Kompany. Jesse Lingard hat bei Manchester United den Chilenen Alexis Sánchez vor sich und ist oft nur Ersatz. Angreifer Raheem Sterling (ebenfalls Manchester City) hat zwar eine beeindruckende Saison gespielt, ist aber keiner der Unverzichtbaren in der Mannschaft von Trainer Josep Guardiola. Selbst Jordan Henderson, Kapitän des FC Liverpool und mit 28 Jahren schon ein Veteran im englischen Team, ist im Klub kein Star und dürfte niemals annähernd den Status von Liverpool-Legende Steven Gerrard erreichen. Im Grunde ist Englands Spielführer Harry Kane von Tottenham Hotspur das einzige Mitglied der Russland-Reisegruppe, das im Verein und in der Nationalelf einen gleichermaßen herausragenden Status besitzt.



Dass die Premier League durch Importe aus dem Ausland dominiert wird und heimische Spieler vergleichsweise schlecht gestellt sind, wurde in den vergangenen Jahren gerne als Begründung dafür genannt, dass England immer wieder tragisch gescheitert ist bei großen Turnieren. Trainer Southgate ist es gelungen, diesen Nachteil auszugleichen. Nein, mehr noch: er hat ihn sogar in einen Vorteil verwandelt.

Southgate bemüht Außenseiter-Mentalität

Er hat seinen Spielern vermittelt, dass sie bei der WM eine Chance haben, die sie im Alltag selten bekommen. Sie haben den ganz großen Auftritt und können sich beweisen. "Wie haben junge Spieler, die auf großer Bühne zeigen wollen, dass sie mutig spielen können und mental stark sind", sagt Southgate. Die Außenseiter-Mentalität, die Englands Team bei der WM nach außen ausstrahlt, wird auch intern gelebt. Der Trainer sagt dazu: "Wir sind eine Mannschaft, die sich noch entwickelt. Wir wissen, wo wir stehen. Wir haben nur deshalb Erfolg, weil jeder hart arbeitet."

Die Engländer spielen in Russland die beste WM seit 1990 und dem Halbfinal-Aus gegen Deutschland, obwohl sie in den vergangenen Jahren deutlich besser besetzt waren, zumindest auf dem Papier. Sie hatten eine goldene Generation mit Spielern wie Rio Ferdinand, John Terry, David Beckham, Frank Lampard, Gerrard oder Wayne Rooney. Ikonen in ihren Vereinen, mehrfache Meister, Champions-League-Sieger. Doch wenn sie zusammen für England aufgelaufen sind, blieben sie stets unter den Erwartungen. Und vielleicht ist das ganz logisch.

Ferdinand, Lampard, Gerrard - nie eine Einheit

Im vergangenen November haben Ferdinand, Lampard und Gerrard in einer Fernsehrunde bei BT Sport erstaunlich offen darüber gesprochen, dass das Wohl ihrer Klubs immer Priorität vor dem Erfolg in der Nationalmannschaft gehabt und die Rivalität zwischen Manchester United, dem FC Chelsea und Liverpool ein konstruktives Miteinander verhindert habe. Bei großen Turnieren gab es deshalb nie bedingungslosen Zusammenhalt. Der Umgang war distanziert und von Skepsis geprägt. "Ich wollte mit den anderen über nichts sprechen, das ihren Vereinen einen Vorteil verschafft hätte. Ich wollte auch nicht wissen, was die anderen Klubs machen. So haben wir alle gefühlt. Das war ein ungeschriebener Kodex", sagte Ferdinand. "Die Nationalspieler aus anderen Ländern konnten es immer kaum erwarten, zu ihrer Nationalmannschaft zu fahren. Dieses Gefühl hatten wir nicht", sagte Gerrard. Und Lampard gestand sogar, nie eine WM genossen zu haben.

Bei Englands aktueller Auswahl ist das anders. Die Spieler arbeiten erfolgreich zusammen, weil sie eben nicht die Stars ihrer Klubs sind, weil sie noch keine oder erst wenige Erfolge im Lebenslauf stehen haben, und weil sie nicht getrieben sind von der Paranoia ihrer Vorgänger. Sie wissen, dass sie einander brauchen, um Erfolg zu haben. "Das Kollektiv ist der Schlüssel", sagt Trainer Southgate. So lässt sich auch der Nachteil auffangen, dass die englische Liga ein schwieriges Umfeld für Engländer ist.

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