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Marseille und Saint Etienne : Zwei sh:z-Redakteure in Frankreich: Von Kontrollen kann kaum die Rede sein

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Zwei Redakteure des sh:z sind in Frankreich bei der EM unterwegs. Sie berichten von ihren Erlebnissen bei den Spielen und ihren persönlichen Eindrücken von der Reise.

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erstellt am 20.Jun.2016 | 12:48 Uhr

Alle Neuigkeiten und Liveticker zur EM 2016 finden Sie unter shz.de/fussball-em.

Julian Heldt aus Marseille: Es ist der Ort der Schande der bisherigen Fußball-Europameisterschaft. Die schweren Ausschreitungen zwischen russischen und englischen Hooligans haben Marseille in ein schlechtes Licht gerückt. Eine Woche nach den Jagdszenen in Innenstadt und Stadion bemüht man sich am Mittelmeer um Normalität – sofern dies denn möglich ist. Ungarische und isländische Fans bestimmen dieser Tage das Bild der französischen Metropole. Alles unter der Aufsicht unzähliger Polizisten und Soldaten, die mit Maschinenpistolen bewaffnet durch die Stadt patrouillieren. Doch auch an diesem Wochenende bleibt es nicht immer friedlich.

Die Einlasskontrollen am Stade Velodrome sind unspektakulär. Die Fans passieren die erste Schleuse, an der die Eintrittskarten entwertet werden. Anschließend werden sie von den Ordnern gefilzt, es wird nach verbotenen Feuerwerkskörpern, Flaschen und anderen gefährlichen Gegenständen geschaut. Die Kontrollen sind nicht sonderlich gründlich – wie sich später herausstellt.

Im Stadion sind die Kräfte klar verteilt – ein Drittel der Fans kommt aus Island, zwei Drittel aus Ungarn. Letztere sind es auch, die bereits 90 Minuten vor dem Anpfiff für mächtig Ärger sorgen. Offenbar aus Unzufriedenheit mit der Sitzverteilung versuchen rund 100 Hooligans in den befreundeten Fanblock zu gelangen und geraten dabei heftig mit den Ordnungskräften aneinander. Es sind hässliche Szenen. Ein Randalierer versucht über einen Werbebanner aus Stoff die Tribüne zu wechseln – und stürzt mehrere Meter in die Tiefe. Wie durch ein Wunder überlebt der glatzköpfige Mann den Sturz scheinbar unverletzt. Das Spiel kann er dennoch nicht mehr schauen, er wird sofort von der herbeigeeilten Polizei festgenommen.

Anschließend beruhigt sich die Lage. Die Polizei richtet eine Pufferzone vor dem ungarischen Fanblock ein. Einige der Hooligans werden unter einem gellenden Pfeifkonzert abgeführt.

Die Mannschaften betreten den Rasen. Kurz nach den Nationalhymnen zeigt sich zum ersten Mal an diesem Tag, wie schwach am Eingang kontrolliert wurde. Es fliegen erste Bengalos auf das Spielfeld. Die Partie wird dennoch pünktlich angepfiffen. Unter dem frenetischen Jubel ihrer Fans liefern sich beide Mannschaften einen offenen Schlagabtausch. Die Stimmung ist ausgelassen, trotz oder gerade weil es im Stadion nur alkoholfreies Bier zu kaufen gibt – der halbe Liter Carlsberg kostet 6,50 Euro.

Erst als die Ungarn wenige Minuten vor Schluss die isländische Führung ausgleichen, schlägt die Stimmung wieder um. Aus lauter Übermut fliegen aus dem ungarischen Fanblock wieder Bengalos auf den Rasen und in Richtung der Ordner, auch Böller werden gezündet und lassen die Zuschauer zusammenzucken. Schiedsrichter Sergei Karasev aus Russland verzichtet nach intensiver Beratung mit seinen Assistenten auf eine Spielunterbrechung, auch weil die ungarischen Spieler und Offiziellen bereits versuchen, ihr Publikum zu beruhigen. Am Ende heißt es 1:1. Ein Ergebnis, mit dem beide Teams leben können und auch ihre Fans. Man merkt dies am Stadionausgang, isländische und ungarische Fans tauschen sich über das Spiel aus. Gemeinsam geht es zurück in die Innenstadt, der Abend verläuft friedlich.

Von einem erfolgreichen Tag können die französischen Sicherheitsbehörden dennoch nicht sprechen. Wieder zeigten sich eklatante Schwächen außerhalb und innerhalb des Stadions, wieder konnten unzählige Feuerwerkskörper in das Stadion geschmuggelt werden und wieder gingen hässliche Bilder um die Welt. Und die nächste Bewährungsprobe wartet schon: Am Dienstag treffen im Stade Velodrome die Nationalteams von Polen und der Ukraine aufeinander. Ein sogenanntes Hochsicherheitsspiel.

Arne Schmuck aus Saint-Etienne: „Wollen die heute gar nicht zündeln? In Zagreb ist doch auch immer die Hölle los.“ Als mein Begleiter auf der Euro-Tour durch Frankreich mit einem Anflug von Zynismus diese Worte loslässt, sind zwischen Tschechien und Kroatien 75 Minuten gespielt. Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir nicht: Rund zehn Minuten später sollen in St. Etienne die schlimmen Vorahnungen bestätigt werden.

Etwa ein Dutzend Bengalos fliegt binnen weniger Augenblicke aus dem Hardcore-Block der Kroaten auf den Platz. Auf der linken Abwehrseite ihrer Mannschaft leuchtet und qualmt es wie an Silvester. Als sich Ordner daran machen, die Bengalos zu entschärfen, wird einer von ihnen mit einem Feuerwerkskörper attackiert. Der Knall ist ohrenbetäubend und in Zeiten islamistischen Terrors in Westeuropa angsteinflößend. Der Ordner geht zu Boden, muss von mehreren Kollegen gestützt aus dem Brandherd gezogen werden. Derweil prügeln sich Fans der Kroaten heftig untereinander, schnell entsteht auf der Tribüne ein regelrechter Krater, weil Menschen zumeist panisch in alle Himmelsrichtungen laufen – entweder um Schutz zu suchen oder um den nächsten körperlichen Angriff zu starten. Die Szenen erinnern an die Ausschreitungen beim Spiel der Russen gegen England wenige Tage zuvor. Fans fallen meterweit die Ränge hinunter, stolpern über Sitzschalen und ziehen sich mutmaßlich mehr als nur blaue Flecke zu. Minutenlang sorgen die kroatischen Anhänger dafür, dass der Fußball seine gern zitierte Fratze zeigt.

Nach dem Spiel werden Spekulationen über rot-weiß-kariert verkleidete Serben oder Russen im besagten Fan-Block im Keim erstickt. Vielmehr sei es eine 30-köpfige Gruppe Kroaten, die immer wieder die Spiele des eigenen Teams sabotiert, klären uns kroatische Fans aus Hannover auf. Sie sind angereist, um ihre Elf auf friedliche Art und Weise zu unterstützen – und jetzt stinksauer auf die Radaubrüder. Diese Gruppe der Saboteure lehnt sich gegen den ihres Erachtens korrupten kroatischen Verband auf, Spiele vor leeren Rängen sind in ihrem Land längst Usus. So müssen die Südosteuropäer auch in der bevorstehenden WM-Qualifikation zwei Heimpartien ohne jegliche Zuschauer bestreiten. Weil das natürlich  den wahren kroatischen Fans wie denen aus Hannover nicht gefällt, kommt es fast zwangsläufig zu übelsten Auseinandersetzungen untereinander.

Beim neutralen Zuschauer daheim mögen Fragen bleiben. Wie kann es sein, dass  derart viel Pyrotechnik in ein EM-Stadion geschmuggelt werden kann? Ganz einfach: Die Kontrollen in St. Etienne sind ein Witz! Als ich das Stadion betrete, ist es warm. Meine dünne Jacke habe ich lässig über die Schulter geworfen. Sie und der Inhalt ihrer Taschen interessieren den Ordner nicht. Auch meine Gürteltasche würdigt er keines Blickes, meine Beine werden nur leicht touchiert. Er tastet mich ab, als würde ich mir Hartenholm gegen Kropp in der SH-Liga anschauen wollen. Es ist kein Vergleich zu St. Denis, wo tags zuvor der Sicherheitsmann mir die Fußsohlen kitzelt, weil er auch bezüglich meiner Schuhwahl beim Duell zwischen Deutschland und Polen auf Nummer sicher gehen will, und wo man vor dem Stadion gefühlt das ganze Waffenarsenal der französischen Staatsmacht begutachten kann.

Es ist wirklich kaum auszudenken, wenn Wahnsinnige eine Bombe in das Stade Geoffroy Guichard in St. Etienne hätten mitnehmen wollen. Mutmaßlich wäre es ihnen gelungen. Wer vor dem Turnier gedacht hatte, es gäbe in Frankreich die intensivsten Sicherheitskontrollen der Fußballgeschichte, der sieht sich dort zu 100 Prozent eines Besseren belehrt. Alle diesbezüglichen Ankündigungen und das Personalisieren der Tickets werden in St. Etienne ad absurdum geführt. Kein Wunder also, dass manchmal nicht nur in Zagreb die Hölle los ist

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