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EM 2016 : Was Bundestrainer Jogi Löw zum Lächeln bringt

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Gegen Polen nur 0:0 - und trotzdem ist Jogi Löw gelassen gut gelaunt. Er stärkt Boateng und gibt den Spielern frei.

shz.de von
erstellt am 18.Jun.2016 | 15:07 Uhr

Genau so einen Spielerchef wünscht sich der Bundestrainer. Jérôme Boateng ist im deutschen EM-Kader zur absoluten Führungskraft aufgestiegen und darf sich auch Kritik an seinen Kollegen erlauben. „Innerhalb der Mannschaft ist er absolut respektiert und anerkannt. Ich fand es gut, dass er nach dem Spiel die Dinge so klar angesprochen hat“, erklärte Chefcoach Joachim Löw am Samstag. Damit nahm er allen Diskussionen um die klaren Worte seines Abwehrchefs nach der Nullnummer gegen Polen die Schärfe.

„Das war ja keine Kritik, die persönlich abgezielt war. Er hat das ausgesprochen, was auch klar zu sehen war. In der Defensive standen wir gut, vorne haben wir uns nicht durchsetzen können. Das war eine Kritik, die vollkommen zutreffend war. Warum soll sich da jemand angegriffen fühlen?“, sagte Löw in Évian-les-Bains. Einige Kollegen hatten sich vor und nach dem zweiten EM-Gruppenspiel allerdings über die deutliche Kritik von Boateng gewundert.

So hatte André Schürrle im Stade de France der Zurechtweisung durch Boateng entgegnet, „dass er ein bisschen ruhiger bleiben soll“. Auch Benedikt Höwedes und Thomas Müller bekamen klare Worte zu hören. „Ich reg' mich auf. Wenn dadurch eine Chance für den Gegner kommt, dann habe ich das Recht, als Führungsspieler etwas zu sagen“, begründete Boateng im ZDF seine emotionalen Ausbrüche auf dem Spielfeld.

Ein solches Verhalten verlangt Löw sogar von seinem Abwehrchef. „Ich habe ihn vor dem Turnier nochmal aufgefordert, mehr zu sprechen, sich zu exponieren in seiner Position als Innenverteidiger, wo er das ganze Spiel vor sich hat“, berichtete der Bundestrainer am freien Tag im Quartier am Genfer See. „Er ist schon länger Führungsspieler, nicht erst seit diesem Spiel“, sagte Löw. „Bei der WM 2014 war er in einer überragenden Verfassung. Und beim Finale war seine Leistung mitentscheidend, dass wir den Titel gewonnen haben“, erinnerte Löw.

Zugleich sieht der erfahrene Turniercoach die Rolle von Boateng als besten Beweis dafür, dass es ein Führungsspieler-Vakuum in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nicht gibt. „Innerhalb der Mannschaft ist er absolut respektiert und anerkannt“, erklärte Löw.„Wir müssen mal zum Abschluss kommen. Da müssen wir uns verbessern, sonst kommen wir (bei der EM) nicht weit“, hatte Boateng deutliche Kritik an der Offensivfraktion im DFB-Team geäußert.

 

Die ganze „Führungsspieler-Diskussion“ zaubere ihm „irgendwie ein Lächeln ins Gesicht“, bemerkte Löw amüsiert. „Das hatten wir auch 2014 - dann sind wir Weltmeister geworden. Dann waren alle diese Leute - Basti, Hummels, Müller, Neuer - die großartigen Leader. Jetzt spielen wir einmal 0:0 bei einem Turnier, und die Diskussion kommt wieder.“ Auch die derzeitige Reservisten-Rolle von Kapitän Bastian Schweinsteiger hatte die neuen Debatten mit ausgelöst.

Schweinsteiger, Thomas Müller, Mats Hummels, Manuel Neuer und noch andere Spieler hätten „großartige Führungsqualitäten“, unterstrich der Bundestrainer: „Sie kommunizieren, denken mit, kommen zum Trainer. Die Spieler sind mündig und kritisch.“ Auch für Oliver Bierhoff verkörpert Boatengs Auftritt das, „was wir in der Mannschaft wollen, dass sie sich auseinandersetzen, unterstützen und anfeuern. Das geht nicht immer freundlich“, betonte der Teammanager.

Der 27 Jahre alte Boateng hat sich seine Position innerhalb des Weltmeisterteams vor allem durch seine sportliche Stärke erarbeitet.„Er ist angesehen, weil jeder weiß, dass er ein Weltklasse-Innenverteidiger ist und nicht nur defensiv, sondern auch offensiv viele Impulse gibt“, unterstrich Löw.

Die Selbstkritik hat auch etwas Gutes: Löw verzichtet auch nach der tristen Nullnummer gegen Polen auf jeglichen Aktionismus und gönnt den Fußball-Nationalspielern vor dem Start der konzentrierten Vorbereitung auf das abschließende EM-Gruppenspiel gegen Nordirland einen ersten kompletten Tag zum Durchschnaufen am Genfer See. Statt Straftraining oder Zusatzschichten auf dem Fußballplatz dürfen sich Kapitän Bastian Schweinsteiger und seine 22 Kollegen über einen freien Samstag freuen. „Wir sind seit fast vier Wochen zusammen, die Belastung war zuletzt sehr hoch“, begründete Löw die für ihn nicht ungewöhnliche Maßnahme.

Man werde mit Blick auf das finale Vorrundenspiel gegen die Nordiren am kommenden Dienstag in Paris auch weiter an Details arbeiten. „Aber jetzt war es mir einfach wichtig, dass die Spieler mal komplett abschalten und den Kopf frei bekommen können“, erläuterte Löw.

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