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EM-Kolumne: Sinas Spielfeld : Von wegen Rumpelfußball

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Manche Leute vernichten beim EM-Gucken die Fußballer auf dem Platz. Unsere Kolumnistin Sina Wilke ist genervt.

Wissen Sie, was mich nervt? Mit Leuten Fußball zu gucken, die nichts davon verstehen. Ich weiß, dass das womöglich überheblich klingt. Das Risiko gehe ich ein. Es geht mir auch gar nicht darum, dass einer nicht weiß, bei welchem Verein Jonas Hector spielt oder was passives Abseits ist. Sondern um Leute, die ständig an den Spielern herummäkeln, aber offenbar noch nie selbst einen Ball am Fuß hatten – oder für den Moment vergessen haben, wie das ist. „Mensch, ist das schlecht! Wie kann man den denn nicht reinmachen?!“ Tja, der war halt sehr schwer zu nehmen. „Der kann überhaupt kein Fußball spielen!“ Äh, Özil? Doch! „Mann, Mann, Mann, noch immer kein Tor!“ Naja, es sind ja auch erst zwölf Minuten gespielt... Es geht dabei nicht um Kritik. Sondern um Vernichtung.

In Deutschlands dunklen Zeiten war die besonders beliebt. Also zu Rumpelfußballzeiten, meine ich. Der Widerwille gegen das deutsche Spiel kämpfte, ach, gegen die Liebe zur Mannschaft. Liebe? Nehmen wir die Europmameisterschaft  2000. Carsten Jancker, Jens Jeremies, Carsten Ramelow. Kann das wirklich Liebe sein? Ich guckte die Vorrunde mit altgedienten Fußballfans. „Das wird nix!“ „Das ist einfach zu schlecht!“ „Ich guck mir das nicht länger an!“ Abwinken. Kann man ja gleich nach Hause gehen. Ist ja auch egal. Doch dann schoss Deutschland ein Tor, und auf einmal sprangen sie alle von ihren Stühlen und jubelten wie Kinder. Die Sache ist ja die: Fans ist das Spiel ihrer Mannschaft nie egal. Nie. Sie tun bloß so.  Sie wünschen so sehr, dass der Spieler den Ball einnetzt, und wenn er ihn dann meterweit übers Tor zimmert, sind sie nicht nur enttäuscht, sondern wütend und persönlich beleidigt.

Aber inzwischen spielen nicht mehr Jancker und Jeremies, sondern Toni Kroos, Thomas Müller  und Joshua Kimmich. Der Ball geht also ziemlich oft rein, wenn der Weltmeister spielt. Kein Gerumpel mehr wie vor 16 Jahren. Nur das Genörgel ist geblieben. Jeder Torschuss muss sitzen, und wenn die Deutschen ihre Gegner nicht an die Wand spielen, ruft es „Versager“. Ich ärgere mich auch. Aber es hilft, sich daran zu erinnern, dass es immer um Gelingen und Nichtgelingen geht, egal auf welchem Niveau. Oder: Bitte einfach mal wieder selbst kicken gehen!

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erstellt am 28.Jun.2016 | 12:42 Uhr

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