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Das Phänomen „WM 2006“ : Fußball ist Fußball ist Fußball: Die EM 2016 im Schatten des Produktwahnsinns

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Auto-Deko, Sammelpunkte, EM-Nahrungsmittel: Warum man vor lauter Fußball den Fußball nicht mehr sehen kann.

Flensburg | In der Sekunde als Deutschland 1996 Europameister wurde, hörte man Jubelschreie aus anderen Häusern und aus der Bar auf der anderen Straßenseite. Fußballfans feierten das goldene Siegtor in der 95. Minute von Oliver Bierhoff gegen Tschechien. Es war der dritte EM-Titel für die Deutschen. 20 Jahre danach hat sich auf und neben dem Platz einiges geändert.

Bei der EM 2016 in Frankreich gibt es kein Golden Goal mehr und die Frisuren der Spieler sind über die Jahre mit der Zeit gegangen. Von Vokuhila, Bürstenschnitt und Schwänzchen ist nicht mehr viel übrig. Der moderne Fußballer trägt Undercut oder eine dicke Schicht Pomade. Die Trikots sind enger und der Zuschauer, der sich ausschließlich für das Treiben auf dem Rasen interessiert, ist zu Zeiten von EM und WM eher selten geworden. Die temporäre Fußballeuphorie überschwemmt die Bundesrepublik wie Wassermassen nach einem Deichbruch. 2006, 2008, 2010, 2012 und 2014 zeichnet sich ein neues Bild des Turnierfußballs in Deutschland ab und nimmt seit Gewinn des Weltmeistertitels vor zwei Jahren abnorme Ausmaße an. Marketing sei Dank.

Fanfeste und Public Viewing gibt es seit zehn Jahren in jedem Dorf, und Auto-Deko mit Flaggen, Flossen und Motorhaubenbannern gab es ebenfalls schon in den letzten Jahren. Über den Sinn und Unsinn, gemeinschaftlich eine Großleinwand anzufeuern, würden Verhaltensforscher sicherlich unterschiedliche Meinungen haben. Auch exzessive Auto-Korsos nach dem Sieg der „Mannschaft“ sind allgegenwärtig geworden. Längst geht es nicht mehr um das Fußballspiel, denn oft hört man von den feiernden Fans, dass sie Fußball eigentlich nur während der Endrunde interessiert. Dennoch wird ein Sieg auf der Straße zelebriert, als hätte man selbst das entscheidende Tor geschossen. Ratgeber diverser Medien setzen sich damit auseinander, welche Deko erlaubt ist und ob nach dem Abpfiff auch noch die Straßenverkehrsregeln gelten. Kurz zusammengefasst: Spiegelüberzüge dürfen nur Autos schmücken, die keine Blinker in den Seitenspiegeln haben und die StVO gilt auch nach dem Sieg der Nationalmannschaft noch. Wer dekoriert, sollte auch danach noch freie Sicht haben.

Zur EM 2016 kommen auch Fan-Lebensmittel in schwarz-rot-gold in ungeahntem Ausmaß in die Regale. Jeder Hersteller mischt in der Hoffnung mit, dass die Artikel beim Gruppengucken vor dem heimischen Fernseher auf dem Wohnzimmertisch landen. Nappos in schwarz-rot-goldener Alufolie, Fußball-Chips oder Snack-Salami aus dem trikotförmigen Beutel: Eine ganze Industrie instrumentalisiert die Europameisterschaft für ihre wirtschaftlichen Interessen. Und dabei hoffen hunderte Unternehmen auf im besten Falle sieben Spiele bis zum vierten EM-Titel. Nur dann lässt sich mit den Fußball-Produkten möglichst viel Geld machen. Im Wohnzimmer, beim Grillabend, auf der Fanmeile.

Punkte sammeln und Panini-Bildchen kleben sind Bestandteile vor Fußball-Großereignissen, die es seit Ewigkeiten zu geben scheint. Was neu ist, sind maßlos überdrehte EM-Aktionen. Vorne mit dabei sind Discounter wie Lidl, Penny und Aldi. Unter dem Motto „Fußball feiern wir als Team“ kann man sich ab Donnerstag mit EM-Artikeln bei Lidl eindecken. Da heißt die Pizza dann „Stürmer-Pizza“ und die Chicken Nuggets „Fußball-Nuggets“, die in Form an feiernde Fans erinnern oder es gibt EM-Eis-Boxen mit Nationalfarben-Wassereis in Cola-Kirsche-Orange-Geschmack. Highlight ist ein stinknormales 5-Liter-Fass Pilsener, das als „Fußball-Bier“ vermarktet wird.

Fußball gucken? Aber nur mit EM-Produkten auf dem Tisch.
Fußball gucken? Aber nur mit EM-Produkten auf dem Tisch. Foto: Screenshot/Lidl.de
 

Bei der Discounterkette Penny heißt das Pendant „Anstoßbier“. Dazu gesellen sich Produkte mit ähnlich wohlklingenden Fußball-Namen. Vom Freistoß-Filet über die „Dreierkette“-Antipasti und die „Fan“-Nudeln in den Nationalfarben, finden sich im Katalog auch Weingummis und Schaumküsse in schwarz-rot-gold. Um den optischen National-Albtraum abzurunden, finden sich im gut sortierten Supermarkt auch „Sieger Servietten“, „Ausputzer-Toilettenpapier“ oder Fußball-Lichterketten. Es ist unerträglich. Selbst für die Kleinsten gibt es Windeln mit Fußball-Muster.

Motto bei Penny: „Wir machen Fussballparty“.
Motto bei Penny: „Wir machen Fussballparty“. Foto: Screenshot/Penny.de
 

Große Marken sind wie die Discounter vorne mit dabei. Bei Berentzen gibt es die „Fun Fläschchen“ als „Kicker-Minis“ mit Gratis-Ball und Kleenex „Dick und Durstig“-Küchentücher kommen dieser Tage als Fan-Edition mit Deutschlandfahne und Torwarthandschuh.

Was natürlich auch nicht fehlen darf, ist ein neuer Fernseher. Das Fußball-Vergnügen soll in HD und auf möglichst großer Fläche zu sehen sein. Daher werben die Elektromärkte auch seit Wochen für die EM-Deals. Media Markt zum Beispiel mit Nationalspieler Mario Götze. Die Marktforscher der GfK haben ermittelt, dass die Fans zu Beginn einer WM oder EM schnell noch einen Fernsehr kaufen. Das war bereits 2010, 2012 und 2014 so. Gleiches gilt für Knabbersachen, Grillgut und Co. Ist das Wetter gut, steigt in den Sommermonaten der Absatz – bei Fußball-EM oder -WM nochmal deutlicher. Die Produkte werden offenbar gekauft.

Sicher ist allerdings: Chicken Nuggets bleiben Chicken Nuggets, Bier bleibt Bier und Klopapier bleibt Klopapier – egal ob mit oder ohne EM-Bezug. Warum diese Produkte entworfen werden, wissen nur Marketingvorstände. Der Fußball spielt dabei kaum eine Rolle mehr. Doch genau um den geht es dem Fußball-Enthusiasten. Es geht um die Mannschaft, die Spannung, die Tore und die Hoffnung auf abwechslungsreiche, lustige, schöne und unvergessliche Fußballmomente auf dem Platz. Mit dem Blick auf den Bildschirm gerichtet ist es ohnehin egal, ob die Chips in der Tüte die Form eines Fußballs haben oder ob die Grillwurst Teil einer EM-Edition ist. Am Ende ist es Wurst.

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erstellt am 07.Jun.2016 | 17:04 Uhr

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