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Mega-Event European Qualifiers : Deutschland - Schottland: RTL im EM-Quali-Rausch

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Es ist ein Werbe-Event, das RTL am Sonntagabend abfeuert. Aus einem harmlosen Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft gegen Schottland wird ein Großereignis mit Heldenverehrung und allem drum und dran.

Dortmund | Wer gestern um 20.45 Uhr gewohnt auf ZDF schaltete, der erblickte keinen grünen Rasen, sondern das Melodram „Ein Sommer in den Bergen“. Auf RTL musste man schalten, um sich das EM-Qualifikationsspiel zwischen der Deutschen Nationalmannschaft und der Auswahl aus Schottland anzusehen. Wer aber den Fokus auf den Fußball setzte, wurde enttäuscht. Das Ereignis „EM-Quali-Auftakt“ wurde durch Werbeblöcke nahezu torpediert.

Was hatte der Sender gemacht? Zunächst bekam die EM Qualifikation einen neuen Namen, der perfekt auf die RTL-Zielgruppen zugeschnitten ist. Neudeutsch wurde daraus: „European Qualifiers“. Klingt nicht nur nach Anglizismus, ist auch einer. Der geschützte Begriff soll aufzeigen, dass sich die Fußball-Nationalmannschaften erst für die Endrunde der EM 2016 in Frankreich qualifizieren müssen. Das Wort „EM-Quali“ tat das vorher jedoch auch.

Fünf Stunden dauerte der RTL-Marathon rund um das Spiel der Nationalmannschaft, und man hatte fast den Eindruck, es wäre bereits EM-Finale. Gespickt mit Einspielern aus der glorreichen WM und der Hoffnung auf den nächsten Titel, der in Paris nur auf Jogis Jungs wartet, wurde fast 90 Minuten auf den Anpfiff hinzelebriert. Dazwischen immer wieder lange Werbeblöcke.

Ja, sogar das Interview mit dem Bundestrainer wurde nach dem Spiel durch einen Werbeblock auseinandergerissen.

Das Problem: Die sündhaft teuren Übertragungsrechte müssen irgendwie refinanziert werden. Für die Rechte haben sie immerhin geschätzte 100 Millionen Euro ausgegeben. Das geht beim Privatsender nur durch Werbeeinblendungen. Immerhin: Während der Halbzeiten wurde darauf verzichtet – noch. Auch HD-Liebhaber werden einen Unterschied zu ARD und ZDF bemerkt haben. Wer die Qualifikation auch künftig in High Definition sehen möchte, der muss für RTL HD zahlen.

Gab es zu viel Werbung während des Quali-Spiels auf RTL?

 

Bei RTL war am Sonntagabend Florian König als Moderator und Gastgeber eingesetzt – er wirkte lange Zeit überfordert. Der Moderator fängt normalerweise bei der Formel Eins die Stimmen ein – das kann er gut. Als Experten sind nicht wie gewohnt Oliver Kahn oder Mehmet Scholl befragt worden, sondern Jens Lehmann, der an der Seite von König mit verschränkten Armen analysierte, irgendwie fehl am Platz wirkte und dies auch ausstrahlte. Dennoch konnte Lehmann fachlich überzeugen, als er zum Beispiel sagte: „Müller spielt nominell rechts vor Rudy, zieht dann in die Mitte. Wie man mit so einem Körper so eine Leistung abrufen kann, ist schon phänomenal.“ Immer wenn Lehmanns Analysen interessant wurden, zog Florian König jedoch die Reißleine. Warum, bleibt jedoch sein Geheimnis. Kritik an Lehmann wurde unterdessen auf Twitter laut.

Fazit: Sportjournalismus wurde bei RTL an diesem Abend ausgebremst. Leider auch auf Kosten der Schotten, die kaum beachtet, lediglich in einem Einspieler vorgestellt wurden. Darin ging es aber weniger um Sport, sondern den Schotten als echten Mann. Sportlich überzeugte die Elf.

Einzig Kommentator Marco Hagemann war ein Kontrastprogramm zu dem bunten Fernsehabend, an dem der Fußball nur die Gastrolle spielte.

In der Aufplusterung eines Quali-Spiels zum Großevent blieb Hagemann ein realistischer und über weite Strecken der Begegnung ein sachlicher Berichterstatter. Der das deutsche Tor zum 2:1 wegen eines Fouls von Benedikt Höwedes nicht gegeben hätte und auch sonst neutral und in klarer Sprache durch das Spiel führte. Davon gerne mehr.

Bevor es um 20.45 Uhr, nach fast zwei Stunden Vorberichterstattung, endlich losging, wünschte Moderator Florian König viel Spaß bei der „Inszenierung“ der Zeit bis zum Anstoß. Dem folgte eine virtuelle Reise der Nationalmannschaft durch die Geschichte des deutschen Fußballs vom WM-Titel 1954 bis zum WM-Titel 2014. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) nannte das Schauspiel „eine Verschwörung der öffentlich-rechtlichen, um deren Unersetzbarkeit zu dokumentieren“.

Letzlich ist vieles ähnlich wie bei ARD und ZDF. Der Fußball wird in die Eventkiste gedrückt, denn einfach nur ein Spiel zu zeigen, scheint aus der Mode. Es muss immer Vorberichterstattung geben, immer Einspieler, immer Kommentare von Experten und grafisch aufwendige Analysen. Am Ende ist das Fußballspiel nur noch Nebensache. Einzig weniger Werbung, Nachrichten statt Werbeblöcken in der Halbzeitpause und das Fernseherlebnis in HD gibt den öffentlich-rechtlichen noch Pluspunkte. Eine Rückbesinnung auf das Wesentliche wäre beiden Formaten zu wünschen. Fußball aber bleibt eine Geldmaschine. Den DFB wird die Kooperation mit dem Privatsender RTL daher doch freuen. Genau so wie die 10,89 Millionen Fans, die im Schnitt am Sonntagabend den 2:1-Sieg verfolgten. Von dieser „überwältigenden Quote“ hatten die Kölner TV-Macher vor der Premiere kaum zu hoffen gewagt.

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erstellt am 08.Sep.2014 | 13:53 Uhr

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