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Fussball-EM 2016 in Frankreich : '80 - '92 - '04 - '16: Alle zwölf Jahre ein EM-Wunder – Islands Weg ist frei

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Es gibt da ein Mysterium: Bei jedem dritten EM-Turnier startet ein krasser Außenseiter durch. Doch noch nie war es so schön wie diesmal.

shz.de von
erstellt am 28.Jun.2016 | 17:12 Uhr

Fangen wir mal so an. Die „Zwölf“ ist die Zahl auf der Uhr, wo am höchsten Punkt der kleine zum großen Zeiger aufschließt und etwas Neues entstehen lässt. Welch Metapher für den Fußball, für Island gegen England!

Die Begeisterung der isländischen Fans überwältigt ganz Europa.
Die Begeisterung der isländischen Fans überwältigt ganz Europa. Foto: dpa

Über die biblische Zahl zwölf lässt sich sowieso fantastisch orakeln. Das Christentum deutet die Zwölf (drei mal vier) als Heilige Zahl der Begegnung Gottes. Auch die nordische Mythologie kennt die Zwölf zu genüge. Nur so ein Beispiel: In Asgard, dem Heim der Asen, befinden sich zwölf Paläste für die zwölf Götter.

Und auch im Fußball-Jargon kommt der „Zwölf “ eine tragende Rolle zu: Da gibt es den „12. Mann“, die magische Zuneigung des Publikums – ein entscheidender Faktor bei den Isländern. Oder auch den Ball, der einem „voll auf die Zwölf“ ins Gesicht drischt, wenn man unaufmerksam ist oder eiskalt erwischt wird. So müssen sich Englands Spieler nebst Torwart am Dienstag fühlen.

Im europäischen Fußball hat sich auch ein historischer Mythos um das himmlische Dutzend entwickelt. Denn alle zwölf Jahre passiert etwas Europäisch-Weltgeschichtliches, das sich dann irgendwie mit einem kuriosen Ausgang einer Fußball-Europameisterschaft verzwirbelt.

1980: Belgisches Abseits-Spektakel

Foto: imago/WEREK

So auch 1980: Nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan ab Dezember 1979 fordert US-Präsident Jimmy Carter die Welt zum Boykott der Spiele in Moskau auf. Viele westliche Staaten kommen dem nach, so auch Deutschland. Das EM-Gastgeberland Italien wird überdies in der Saison vor der EM von einem Skandal um manipulierte Liga-Spiele erschüttert. Der Leistungssport ist in einer Krise. Doch die Euro findet fünf Wochen vor Moskau auch unter diesen Vorzeichen wie geplant statt. Außenseiter Belgien trumpft ganz groß auf. Die Mannschaft von Trainer Guy Thys kommt ungeschlagen ins Finale – was bis heute der größte Fußball-Erfolg des Landes ist. Qualifiziert für das Endspiel hatte man sich nach dem damaligen Modus als Gruppenerster in einer Hammer-Gruppe mit Italien, England und Spanien. Die Belgier marschierten nicht nur im Sog der Leidenschaft gegen die Elite, sondern narrten ihre Gegner vor allem taktisch. Nie zuvor hatte eine Nationalmannschaft die Abseitsfalle zu ihrem Kernelement gemacht. Man scheitert erst an Deutschland im Finale.

1992: Danish Dynamite

Was zwölf Jahre später in Schweden geschieht, ist natürlich ungemein größer im fußballhistorischen Sinne. Die Teilnahme der Jugoslawier scheitert wegen der Bürgerkriegswirren auf dem Balkan durch Disqualifikation. Dänemark, in der Qualifikation an der Balkan-Elf gescheitert, darf nachrücken. Zehn Tage vor Turnierbeginn bekommt Dänemarks Trainer Richard Møller Nielsen die Botschaft. Das kam natürlich nicht ganz so überraschend, wie es im Nachhinein überliefert wurde. Dennoch: Es bleibt den Dänen nur eine gute Woche für die Vorbereitung und niemand, wirlich niemand hat sie auf dem Schirm, bis sie am Ende der „Butterfahrt nach Malmö“ plötzlich die Trophäe hochhalten. Getragen von der Leichtigkeit marschieren sie, steigern sich, gewinnen Runde für Runde. „Danish Dynamite“ und „Roligans“ werden Teil des Fußball-Lexikons. Im Finale krönen sie das wohl größte EM-Märchen der Geschichte im Finale gegen Weltmeister Deutschland und hissen den EM-Pokal in den Göteborger Himmel.

Fußball-Sensationen: Eine Auswahl

Eine Auswahl von elf handfesten Überraschungen:
WM 1950: USA - England 1:0 Die alte Fußball-Welt glaubt an einen Übermittlungsfehler aus Belo Horizonte. Doch es ist wahr: Die USA schlagen die überheblichen Three Lions bei deren ersten WM-Teilnahme im Gruppenspiel.

WM 1966: Nordkorea - Italien 1:0 Italien kassiert die größte Turnier-Blamage seiner Historie. Im letzten Gruppenspiel in Middlesbrough schockt Pak Doo-ik die Azzurri.

Sein Name sorgt in Italien noch heute für Kopfschütteln.

WM 1966: Ungarn - Brasilien 3:1 Brasilien reist als zweimaliger Champion und Titelverteidiger nach England. Dann aber leitet die Pleite gegen Ungarn in Liverpool - mit dem angeschlagenen Pelé auf der Ersatzbank - das Vorrunden-Aus ein.

WM 1974: DDR - Bundesrepublik Deutschland 1:0 Auf dem Weg zum Heim-Triumph kassieren Beckenbauer, Müller und Co. in Hamburg die überraschende Pleite im einzigen deutsch-deutschen Länderspiel. Torschütze Sparwasser wird in der DDR zum Volksheld.

WM 1978: Österreich - Deutschland 3:2 Diesmal blamiert sich die DFB-Elf mit Folgen: Nach der „Schmach von Cordoba“ im letzten Zwischenrundenspiel ist der Traum vom Titel dahin - und Österreich wird dank Doppeltorschütze Krankl „narrisch“.

WM 1982: Algerien - Deutschland 2:1 Deutschland verpatzt den Turnier-Auftakt, Lakhdar Belloumi und Rabah Madjer schocken die Elf von Bundestrainer Derwall. Die „Schande von Gijon“ gegen Österreich (1:0) rettet das Team in die zweite Runde.

WM 1990: Kamerun - Argentinien 1:0 Weltstar Maradona erlebt in seiner Wahlheimat Italien den ersten Schreck: Im Eröffnungsspiel in Mailand siegt Turnierüberraschung Kamerun. Das Tor erzielt Omam-Biyik nach Patzer von Torwart Pumpido.

EM 1992: Dänemark - Deutschland 2:0 Die Dänen sind schon im Urlaub, als sie wegen des Krieges in Jugoslawien doch zur EM dürfen. In Schweden trumpften sie auf - und krönen ihr Fußball-Märchen im Finale gegen Weltmeister Deutschland.

WM 2002: Senegal - Frankreich 1:0 Eine blamable WM samt Vorrunden-Aus beginnt für den Titelverteidiger schon im Eröffnungsspiel: Ohne den angeschlagenen Zidane verlieren die Bleus in Seoul gegen Senegal nach einem Tor von Diop.

EM 2004: Griechenland - Portugal 1:0 Die Hellenen mit Trainer-Oldie Rehhagel überraschen Europas Elite. Die Final-Krönung: In Lissabon lässt Bundesliga-Profi Charisteas die Gastgeber um Figo, Rui Costa und dem jungen Cristiano Ronaldo weinen.

EM 2016: Island - England 2:1 Das „Mutterland des Fußballs“ wird in Nizza vom Fußball-Zwerg Island im Achtelfinale gedemütigt. Statt einem Duell mit Gastgeber Frankreich wartet auf die Engländer danach nur noch Häme und Spott.

2004: Ottos Wertarbeit mit der Gummiwand

Foto: dpa

Zwölf Jahre später: 2004 steht ganz im Zeichen vom Traum von einem „neuen Europa“, im Nachhinein im negativen Sinne. Die europäische Union nimmt bei ihrer größten Erweiterung zehn Mitglieder auf und auch der Vertrag über eine EU-Verfassung wird von den Regierungschefs feierlich unterzeichnet. Davon dass er nach gescheiterten Referenden doch noch abgelehnt werden wird, weiß man in Straßburg und Brüssel noch nichts. Danach wird nichts mehr so sein, wie vorher. Aber dort, wo die Demokratie und damit auch der Gedanke von Europa ideengeschichtlich verortet wird, in Griechenland, wird in diesem Jahr ein großer Plan ausgeheckt. Ein ausgedienter deutscher Trainer von 66 Lenzen präpariert Fußball-Zwerg Griechenland mit grauhaarigem Libero und brachialer Defensivstrategie für ein Fußball-Märchen. Der Coup der einfachen Dinge gelingt, die Griechen werden sich mit ihrer Gummiwand herkulesartig zur Unschlagbarkeit aufplustern und Gastgeber Portugal im Finale schlagen. Ecke, Kopfball, Tor.

2016: Islands und die Sache mit dem Jahrtausend

Foto: dpa

Seitdem sind ja schon wieder ein paar Jahre vergangen. Um genau zu sagen zwölf. Es wäre also Zeit. Während der Brexit als wohl welthistorisches Ereignis durch das Turnier schwingt, rennen die Isländer mit so viel Commitment, Raffinesse und innerer Überzeugung über England und das Turnier, dass man nicht glauben kann, sie jemals im Tal der Fußball-Zwerge verortet zu haben. Zwölf (Uhr) steht ja überdies für geradeaus – und Geradlinigkeit entspricht ihrer Spielweise noch am Besten. Der 12. Mann, die Zuschauer, scharen sich in Massen um die Symphathen von der Insel, denn was gibt es derzeit Schöneres als sich über das Siegtor eines Sigþórsson gegen abtrünnige, satte Engländer zu freuen?

Für die isländischen Spieler bedeutet dieses Turnier – da reicht ein Blick in die Gesichter vor dem Anpfiff – weit mehr als ein Dutzend. Wenn die Lagerbäck-Elf mitsamt der Fans vor dem Spiel die Nationhymne zwölf(!)-versige „Lofsöngur“ singt, dann geht es auf dem Höhepunkt so:

„Für dich ist ein Tag wie tausend Jahre,
und tausend Jahre ein Tag, nicht mehr,
ein Blümchen der Ewigkeit mit zitternden Tränen,
das zu seinem Gott betet und stirbt.
Islands tausend Jahre,
Islands tausend Jahre,
ein Blümchen der Ewigkeit mit zitternden Tränen,
das zu seinem Gott betet und stirbt.“

Tausend Jahre, genau jetzt, in diesen 90 Minuten, in diesem Moment. Zu unwirklich, um eine Last zu sein. Die Zahl bezieht sich auf den 2. August 1874, an dem das Jubiläum der Besiedlung Islands mit dieser Hymne gefeiert wurde. Seit 1983 ist der „Lobgesang“ offiziell Nationalhymne. Das vorherige Nationallied erklang übrigens in der Melodie von „God save the Queen“.

 

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