Fröhling: Mein unglaublicher 9. November

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09. November 2009, 09:05 Uhr

Wenn man ihn auf den 9. November 1989 anspricht, lacht Torsten Fröhling. "Als Fröhling fliehen wollte, haben die lieber gleich die Mauer aufgemacht", scherzt der heute 43-Jährige, der als Trainer bei Holstein Kiel die U23 in die Regionalliga führen soll. Die Geschichte, die der gebürtige Mecklenburger rund um die Wendezeit vor 20 Jahren zu erzählen hat, ist eine der unglaublichsten, die diese ohnehin schon faszinierenden Tage der deutschen Geschichte zu bieten haben. "Ich habe alles mitgenommen", sagt er heute. "Es ist wirklich unglaublich, an welche Ereignisse man sich da immer wieder erinnert."

Fröhling war quasi weg aus der DDR. Als Günter Schabowski seine berühmt gewordenen Worte zur Reisefreiheit ("Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich.") in die Kameras sprach, lief in der Eisenhüttenstädter Wohnung des damals 23-Jährigen gerade die Abschiedsparty. "Es war alles vorbereitet, die Flucht über die Tschechei schon geplant", erinnert er sich. "Aber nur mein bester Freund Thomas Kluge war eingeweiht. Alle anderen dachten, es wäre eine normale Party."

Lange schon hatte Fröhlings damalige Frau darauf gedrängt, in den Westen zu flüchten. "Die sind besser als wir", hatte der mit seinem Wechsel von Motor Schönebeck zu Stahl Eisenhüttenstadt gerade vom Zweitliga- zum Oberliga-Fußballer aufgestiegene Verteidiger jedoch mit etwas Respekt auf den Fußball im Westen geblickt. "Außerdem habe ich im Osten ja auch nicht so schlecht gelebt", sagt er heute. "Als Fußballer waren wir ja auch quasi Profis, hatten ein paar kleine Privilegien. Aber es gab eben Beschränkungen, mit denen man nur schwer umgehen konnte." Einfach so weg, über Ungarn oder die damalige CSSR - das wäre jedoch damals kaum möglich gewesen. "Als Fußballer wurden wir natürlich beobachtet. Zu der Zeit brauchte man außerdem auch für diese Länder wieder ein Visum." Als die Entscheidung fiel, diese Pflicht am 1. November für die CSSR wieder aufzuheben, entschloss sich auch Fröhling. "Dann versuchen wirs, habe ich meiner Frau gesagt."

Als Termin für die Flucht suchten sie sich den 10. November aus. In den Tagen zuvor fuhr Fröhling mit seinem Trabant regelmäßig die knapp 250 Kilometer von Eisenhüttenstadt (wo er eine vom Verein bezahlte Wohnung hatte) nach Magdeburg, seit der Zeit im Sportinternat seine Heimat. "Ich habe aus meiner dortigen Wohnung viele Dinge zu den Schwiegereltern gebracht. Alles andere wäre ja ansonsten weg gewesen." Am 8. November bestritt er sein letztes DDR-Oberliga-Spiel in Berlin. "Wir haben beim BFC Dynamo mit Andy Thom ein 0:0 geholt", erinnert er sich. Auf der Rückfahrt nach Eisenhüttenstadt versuchte sein Kumpel Thomas Kluge, ihn noch umzustimmen. "Bleib hier, es verändert sich vieles so schnell, hat er gesagt." Doch Fröhlings Entschluss stand, die Einladungen für die letzte Party am nächsten Abend waren ausgesprochen. Doch die endete nicht wie geplant…

"Um kurz vor halb zehn rief jemand, dass die Mauer auf ist." Fernsehen und Radio bestätigten die sensationelle Neuigkeit schnell. Als die Mitspieler ihrer Freude freien Lauf ließen, konnte Fröhling nicht sofort mit einstimmen. "Ich wusste überhaupt nicht, was ich jetzt denken sollte. Sollte ich doch bleiben?" Schnell war aber klar: Es änderte sich nur der Weg, nicht aber das Ziel. Das hieß weiterhin Hamburg, wo ein Onkel der Frau lebte. "Ich habe dann eben nur ganz normal in Magdeburg ein Visum abgeholt, in der Schlange unter anderem ,Maxe Steinbach (früherer Nationalspieler, Anm. d. Red.) getroffen. Außerdem haben wir uns etwas mehr Zeit gelassen und ein paar mehr Sachen zusammen gepackt." Statt Freitag über Tschechien ging es nun Sonnabend im "Trabi" über Salzwedel nach Hamburg. "Über Prag wäre ich genauso schnell gewesen, so viel war da los", schmunzelt er heute über die "Völkerwanderung" auf der damaligen Transitstrecke.

In Hamburg landete er nach wenigen Tagen beim Onkel schon im noblen Volksdorf. "Eine ältere Dame vermietete ein Zimmer, wo sonst ein Dienstmädchen wohnte", lacht er. "100 Mark im Monat kostete das." Noch zu viel für ein Paar, das außer dem Begrüßungsgeld eigentlich keine Einnahmequelle hatte. "Es war schon ein komisches Gefühl, ohne Geld dazustehen", sagt er rückblickend.

Um das zu ändern, bot er seine Dienste als Fußballer bei den norddeutschen Profivereinen an, zunächst bei Hannover 96. "Der HSV und St. Pauli spielten damals beide in der Bundesliga. Fang lieber erstmal kleiner an, habe ich gedacht." In Hannover lernte er schnell, dass es nicht überall so hart zuging wie im Osten. "Trainer Michael Krüger begrüßte mich mit Zigarette in der Hand und Füßen auf dem Tisch", erinnert sich Fröhling. Auch sportlich legte er den Respekt schnell ab. "Ich hatte ein paar Tage nichts gemacht, war aber konditionell überlegen und habe einen guten Eindruck hinterlassen." Aus dem fast sicher geglaubten Vertrag wurde aber nichts. "Ich hätte noch Ablöse gekostet. Das wollte sich der Verein nicht leisten. Ich war ganz schön geknickt." Zudem war das Begrüßungsgeld fast auf einen Schlag futsch. "Das Hotel für die Tage hat der Verein bezahlt. Dass das nicht für das Telefon galt, hat man mir aber nicht gesagt." 80 Mark musste er für damals noch teure Ferngespräche hinblättern.

Der zweite Anlauf führte ihn zum FC St. Pauli. "Doch da wurde mir am Telefon gesagt, ich solle erstmal bei den Amateuren vorspielen." Landesliga - das war dem Erstliga-Kicker dann doch zu wenig. Beim HSV hatte er mehr Glück. Nicht nur, weil dessen Amateure in der Oberliga, damals die 3. Liga, spielten. Sondern auch, weil er Horst Eberstein, den langjährigen Amateurobmann und späteren Aufsichtsrat, traf. "Er hat mich sofort zum Essen eingeladen, die Trainingsmöglichkeit gegeben und die Ablöseformalitäten in die Hand genommen." Auch sportlich klappte es. "Trainer Gerd-Volker Schock hat auf mich gesetzt, mich später auch in der Bundesliga gebracht." Für die 1. Liga reichte es hier auf Dauer nicht, dafür schnappte im zweiten Anlauf dann St. Pauli zu, wo Fröhling Zweitliga-Stammspieler wurde und bis zu einer schweren Verletzung auch noch drei Erstliga-Einsätze sammelte.

Im Winter 1989/90 war also dank des HSV der Lebensunterhalt gesichert. Der "Trabi" hatte auch ausgedient. "Ich kannte mich mit der Benzin-Öl-Mischung nicht aus", schmunzelt Fröhling. Doch in Hamburg gab es das fertige Gemisch für die DDR-Zweitakter nicht an Tankstellen. "Also habe ich immer am Berg geparkt, um zur Not anschieben zu können." Als ein anderer Wagen erschwinglich war, überschrieb Fröhling das Vehikel seiner Mutter im heimischen Bützow. Die hatte übrigens aus der Zeitung von der Ausreise des Sohnes erfahren. "Sie hatte nach dem frühen Tod meines Vaters einen Hauptmann der Reserve geheiratet. Das Risiko, sie vorher zu informieren, war mir zu groß." Spitzel saßen zu jener Zeit überall, und Republikflüchtlinge hatten harte Sanktionen zu befürchten. Die Erkenntnis, dass diese Zeiten endgültig vorbei waren, musste noch etwas reifen. "Obwohl ich wusste, dass die jeden durchwinken, war ich froh, dass ich sowohl den bundesdeutschen Pass wie auch den DDR-Pass hatte, als ich über die noch bestehende Grenze nach Hause fuhr. Den DDR-Pass musste ich bis heute nicht abgeben, den habe ich immer noch."

20 Jahre später sprudelt es geradezu aus Fröhling heraus, wenn er über diese Tage erzählt. "Man könnte Bücher füllen", sagt er. Doch nicht nur wegen der vielen Anekdoten aus den geschichtsträchtigen Tagen freut sich der heutige Trainer, wenn er an den November 1989 denkt. Er hat im Rückblick einfach vieles richtig gemacht.

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