Frauenfußball bei Holstein Kiel : Reaktion auf Ausgliederung: Fußballerinnen setzen Zeichen

„Holsteiner Jungs, Holsteiner Jungs – unsere Mädls sind leider keine Holsteiner Jungs“ steht auf einem Spruchband. Das Frauenteam sitzt davor auf dem Rasen.
„Holsteiner Jungs, Holsteiner Jungs – unsere Mädls sind leider keine Holsteiner Jungs“ steht auf einem Spruchband. Das Frauenteam sitzt davor auf dem Rasen.

Die Aktion für mehr Vielfalt ist offenbar eine Reaktion auf die Präsidiumsentscheidung, die Frauenteams auszugliedern.

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29. April 2018, 13:30 Uhr

Kiel | Der Ball rollt, doch etwas ist merkwürdig an diesem Sonntag beim Spiel der 2. Damenmannschaft der KSV Holstein gegen ATSV Stockelsdorf an der Waldwiese. Die Kieler Spielerinnen in neutralen weißen Trikots stehen fast regungslos auf dem Platz und lassen den Gegner gewähren. Eine ATSV-Spielerin netzt ohne Gegenwehr zum 1:0 ein. Nach dem Wiederanpfiff setzt sich das Team aus Kiel auf den Rasen und bleibt sitzen. Danach setzen sich auch die Stockelsdorfer Spielerinnen hin. Was ist da los?

Die Reaktion hat offenbar einen Hintergrund. Am Freitagabend wurde aus dem Präsidium des Vereins bekannt, dass die Frauenabteilung der KSV Holstein ausgegliedert werden soll. Ab der kommenden Saison sollen sich die Frauen dem VfB Kiel anschließen, da man sich „ganz der Arbeit im Herrenbereich und im männlichen Nachwuchs“ widmen wolle. Matthias Lachmann, Trainer der 2. Frauenmannschaft, sagte auf Nachfrage von shz.de am Freitag, man sei von der Nachricht völlig überrumpelt worden. Das sehen die Clubverantwortlichen etwas anders: „Wir haben die Fußballerinnen rechtzeitig informiert und das Einverständnis der Abteilungsleitung erhalten“, hieß es am Sonntag von Seiten des Vereins.

Die 2. Frauen des KSV Holstein Kiel trägt neutrale Trikots und legt während der Partie gegen Stockelsdorf die Arbeit nieder.
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Die 2. Frauen des KSV Holstein trägt neutrale Trikots und legt während der Partie gegen Stockelsdorf die Arbeit nieder.

Zuschauer und auch die Gegnerinnen an diesem Sonntag zeigten sich während der Aktion „Aufstehen für Vielfalt“ solidarisch mit den Kielerinnen. Derzeit spielt die 2. Frauenmannschaft in der Landesliga Holstein, die 1. Mannschaft in der Regionalliga und die B-Juniorinnen in der Oberliga Schleswig-Holstein.

Kritik an der Ausgliederung kommt von den Grünen

Am Sonnabend schrieb der Grüne Landtagsabgeordnete Lasse Petersdotter auf Twitter: „Frauen dürfen bei Holstein Kiel also nur noch als Cheerleader mitmachen? Das ist so unfassbar.“

Aminata Touré, gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen Landtagsfraktion, und Lydia Rudow, sport- und gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen Ratsfraktion in Kiel schrieben in einer Stellungnahme: „Der Rauswurf der Frauenabteilung durch Holstein Kiel ist vollkommen daneben.“ Die Entscheidung sei einsam durch den rein männlich besetzten Vorstand des KSV Holstein getroffen worden. „Öffentliche Fördergelder beanspruchen aber Gleichstellungspolitik aus dem vorletzten Jahrhundert praktizieren – das passt nicht zusammen“, kritisieren Touré und Rudow. „Das ganze Vorgehen ist ein Armutszeugnis für die Gleichstellung von Frauen und Männern im Fußball.“

Schon lange werde bei Holstein Kiel mit zweierlei Maß gemessen. „Während der männliche Nachwuchs im Leistungszentrum Projensdorf spielen darf, wurden die Frauen im Winter auf einen Hartplatz verbannt. Auch das mit städtischen Geldern betriebene Holstein Stadion bleibt ausschließlich der Herren-Mannschaft vorbehalten, die Frauen tragen ihre Pflichtspiele hingegen auf der sogenannten 'Waldwiese' aus. Die jetzige Entscheidung, die Frauenabteilung ganz auszugliedern, setzt dem ganzen die patriachale Krone auf und ist geradezu unverschämt“, sagt Rudow. 

Die drei Mannschaften der „Holstein Women“ tragen ihre Heimspiele bereits seit der Saison 2010/11 auf der Waldwiese des VfB Kiel aus. Die KSV Holstein investierte dort seinerzeit einen sechsstelligen Betrag in die Sanierung des Kabinentrakts, wie aus der Pressemitteilung vom Freitag hervorgeht.

„Es kann nicht sein, dass die Stadt 1.733.400 Euro für den Ausbau des Stadions bereitstellt, aber das Geld nur der Herren-Mannschaft zugute kommt“, sagt Rudow. Die Stadt Kiel müsse nun überprüfen, ob die Grundlagen für die Förderung des Holstein-Stadions überhaupt noch gegeben sind. Touré ergänzt: „Das Land übernimmt rund sieben Millionen und damit zwei Drittel der Gesamtkosten für den Ausbau des Holstein-Stadions. Diese Förderung muss nun aus gleichstellungspolitischer Sicht neu bewertet werden.“

Holstein-Sprecher Wolf Paarmann sagte auf Anfrage von shz.de, man wolle sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Nur so viel: „Möchten die Frauenmannschaften beim VfB Kiel in ihrer bisherigen Spielklasse weiterspielen, wird Holstein Kiel die Teams dabei unterstützen.“

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