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EM in den Niederlanden : „Frauen sollen Fußball spielen, aber nicht im Fernsehen“

vom
Aus der Onlineredaktion

Es tut dem Männerauge weh, wenn eine Frau umgegrätscht wird. Aber das ist nicht das Problem.

shz.de von
erstellt am 25.Jul.2017 | 12:57 Uhr

Utrecht, Mainz | Am Dienstagabend gibt es wieder echtes Qualitätsfernsehen im ZDF: Fußball-EM der Frauen, das dritte Vorrundenspiel Russland – Deutschland. Uns blühen noch vier Spiele der Damen. Hurra, nein doch nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch. Nichts in mir sehnt sich nach Männerrunden oder dem Zustand der Tour de France, wo Frauen nur schmückendes Accessoire für heroiserte Männer sein dürfen. Das durch die Stille der Zuschauer wahrnehmbare Gekeife auf dem Platz nervt mich auch nicht, genausowenig wie mich wahrhafter Trash abschreckt. Aber Frauenfußball gehört für mich weiterhin in die Sportschau-Rubrik „Sport aus aller Welt“. Live im TV kriege ich bei dem gebremsten Geeiere nämlich einen Krampf.

Moment. Ich liebe Fußball und ich liebe Frauen. Das Konglomerat aus beiden möchte ich auch gutheißen. Wäre da nicht diese penetrante Idee der Fußball- und Fernsehfunktionäre, aus Damenfußball unbedingt ein künstliches Prime-Time-Produkt kneten zu wollen (heute: 20.45 Uhr live, wie bei den Herren). Es gibt gewiss Bereiche, wo es eine Frauenquote braucht. Beim Fußball ist das nicht der Fall. Wirkliche Geschlechtergleichheit würde hier bedeuten: Frauen sollen Fußball spielen, aber nicht im Fernsehen.

 

Was macht Frauenfußball trotz des ausbleibenden Fankults zu einem attraktiven Produkt? Die Frage wird häufig mit dem Wort „Leidenschaft“ beantwortet. Leidenschaft gibt es allerdings auch hautnah in der Kreisliga, selbst bei Testspielen geht da die Post ab. Wollen Sie das um 20.15 Uhr im TV sehen? Wollen Sie 15-Kilometer-Gehen am Abend vorgesetzt bekommen und dazu auch noch Expertenkommentare hören?

Dummer Vergleich, keine Frage. Manche Mädchen und Frauen können ja richtig gut kicken und haben Spaß dabei. Das ist auch schön anzusehen, macht es aber noch lange nicht zum Fernsehvergnügen. Funktionärinnen wie Tanja Walther-Ahrens mahnen, dass man den Frauenfußball nicht mit Männerfußball vergleichen sollte. Es sind also zwei Sportarten, doch im TV wird alles gleichgemacht. Und das, was man sieht, täuscht nicht: Nach Expertenaussage ist das Spiel der Frauen im Schnitt ein Drittel langsamer als beim Männerfußball, an dessen Geschwindigkeit man sich als Zuschauer nun mal gewöhnt hat (bei mir selber wären es wahrscheinlich zwei Drittel Unterschied, aber ich habe glücklicherweise auch keinen Fernsehvertrag). Es liegen vier bis fünf Ligen Leistungsabstand allein auf der Tempobremse, genauso sieht man vergleichbare Ballannahmen eher im unteren Amateurbereich. Taktisch fehlt da auch ein Semester. Wer will denn sowas gucken?

Viele, denn die Quoten sind nicht so schlecht. 5,78 Millionen Zuschauer sahen den 2:1-Sieg des deutschen Teams gegen Italien zur besten Sendezeit – eine Tatort-Wiederholung aus Münster kam jüngst mal locker auf 7,81 Millionen. Mörder bekannt, Ergebnis bekannt. Deutschland gewinnt schließlich immer. Interessant wäre zu erfahren, wie viele „Erfolgsfans“ sich unter den Couch-Massen tummeln. Dafür müsste die Mannschaft mal ein paar Spiele verlieren. Geht aber nicht bei dieser Leistungsdichte.

<p>Die deutsche Elf.</p>

Die deutsche Elf.

Foto: dpa

Es ist schon ein paar Jahre her, dass ich das letzte Spiel sah, vielleicht habe ich etwas verpasst. Was mich wirklich von der Aufgeschlossenheit gegenüber dem Damenfußball weggetrieben hat, waren zwei Erlebnisse am Fernseher. Dazu gehört ein Elfmeterschießen mit deutscher Beiteiligung vor ein paar Jahren. Ich finde keine Anhaltspunkte, welches es nun war. Jedenfalls hatten die Spielerinnen nach 120 Minuten so erhebliche Probleme, die nötige Spannung ins Bein zu bekommen, dass die Bälle aufs Tor so butterweiche Flanken wurden, wie ich sie im Spiel gerne gesehen hätte. Die hilflosen Torhüterinnen kamen trotzdem nur einmal an den Ball.

Viel schlimmer wiegt aber eine Live-Erfahrung, die zeigt, dass diese Sportart einfach noch nicht so weit ist. Im WM-Spiel Australien gegen Äquatorialguinea von 2011 fängt eine Abwehrspielerin den Pfosten-Abpraller mit den Händen, hält ihn sekundenlang fest (!). Das Publikum merkt nichts, das Schiedsrichtergespann merkt nichts und die Moderatorin brüllt 30 Sekunden nach dem Vergehen „Handspiel!!!...Elfmeeeeter“, wofür sie trotz aller Eindeutigkeit eine Wiederholung brauchte. Seitdem fällt mir zu Frauenfußball endgültig nichts mehr ein.

Das wahre Problem ist freilich nicht der Frauenfußball, sondern der Männerfußball. Letzterer ist so hoch entwickelt, dass Ersterer als vergleichsweise junge Sportart eigentlich ein Nischenprodukt für den Nachmittag wäre. Drum lassen wir es doch bitte dabei. Denn wenn die Aufholjagd so weitergeht, wird der Damenfußball sich auch in einigen Jahrzehnten im Fernsehen sehen lassen. Hoffentlich ist es dann nicht so, dass man sich einfach nur daran gewöhnt hat.

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