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Nach Eklat bei Spiel Leverkusen-Dortmund : Fall Roger Schmidt vor dem DFB-Kontrollausschuss

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Das bizarre Kräftemessen zwischen Referee Felix Zwayer und Bayer-Coach Roger Schmidt beim Bundesliga-Spitzenspiel der Leverkusener gegen den BVB sorgt auch am Tag danach für lebhafte Diskussionen. Schmidt droht eine Sperre.

shz.de von
erstellt am 22.Feb.2016 | 13:42 Uhr

Leverkusen | Unwürdiger Auftritt, rufschädigendes Verhalten, überflüssiger Eklat - nach der bislang einzigartigen Spielunterbrechung von Leverkusen diskutiert Fußball-Deutschland über Bayer-Coach Roger Schmidt. Das trotzige Gebaren des Trainers im Spitzenspiel gegen Borussia Dortmund (0:1) wird zum Fall für den Kontrollausschuss des Deutschen Fußball-Bundes. Nach seiner Weigerung, den Anweisungen des Schiedsrichters Folge zu leisten und den Innenraum des Stadions zu verlassen, drohen sportrechtliche Konsequenzen. „Eine längere Sperre für Roger Schmidt ist durchaus denkbar“, sagte DFL-Schiedsrichterberater Hellmut Krug der „Bild“.

Leverkusen fühlt sich ungerecht behandelt, Schiedsrichter Zweyer handelte jedoch regelkonform, als er Trainer Roger Schmidt aus 45 Metern Entfernung auf die Tribüne verwies. Ein schnell ausgeführter Freistoß der Dortmunder zum 1:0-Endstand und ein nicht gegebener Handelfmeter für Leverkusen sorgen für zusätzlichen Zündstoff in der Diskussion.

Prognosen über ein mögliches Strafmaß sind mangels Präzedenzfall jedoch spekulativ. Es gilt als wahrscheinlich, dass der DFB nach Sichtung des Schiedsrichter-Sonderberichtes Ermittlungen einleiten und Schmidt um eine Stellungnahme bitten wird. Erst danach wird über eine Anklage vor dem Sportgericht des Verbandes entschieden. Für Nichtbefolgung der Anordnungen des Schiedsrichters sieht die Rechts- und Verfahrensordnung zumindest bei Spielern Sperren von einer Woche bis zu drei Monaten vor.,

Erst am Tag danach waren die Leverkusener bemüht, die Wogen zu glätten. „Ich werde mich zu diesem Thema nicht äußern. Es ist dazu viel gesagt - Qualifiziertes und Unqualifiziertes“, erklärte Bayer-Geschäftsführer Michael Schade auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur. „Warten wir ab, was passiert. Es nützt doch nichts, Öl ins Feuer zu gießen.“ Er habe mit Trainer Schmidt besprochen, das Geschehen öffentlich nicht weiter zu kommentieren: „Wenn es etwas gibt vom DFB, werden wir uns äußern.“ Am Abend zuvor ging es weniger diplomatisch zu. So dürfte der nur bedingt reumütige Auftritt von Schmidt rund eine Stunde nach dem Spiel kaum dazu beigetragen haben, die DFB-Juristen zu besänftigen.

 

Zwar räumte er ein, seiner „Vorbildfunktion als Trainer nicht gerecht geworden“ zu sein und sich „zu stur“ verhalten zu haben, erneuerte aber seine Kritik an Schiedsrichter Felix Zwayer. Der Coach stellte indirekt einen Zusammenhang her zwischen der fast zehnminütigen Spielunterbrechung und einer Fehlentscheidung von Zwayer wenige Minuten nach Wiederanpfiff der Partie bei einem Handspiel des Dortmunder Sokratis im Strafraum. „Dass der Schiedsrichter bei freier Sicht diesen Elfmeter nicht pfeift, vielleicht auch, weil ich vorher zu emotional war. Ich hoffe nicht, dass es so war, aber mir fällt keine andere Erklärung dazu ein.“ Zwayer gab nach Spielende zu, in diesem Fall falschgelegen zu haben.

Auch der Wutausbruch von Rudi Völler beim TV-Sender Sky, der schon kurze Zeit später im Internet zu einem echten Klick-Hit wurde, verbesserte die Leverkusener Verhandlungsposition eher nicht. „Dass war ein tausendprozentiger Strafstoß“, klagte der Leverkusener Sportdirektor. Das Fehlverhalten von Schmidt wertete er hingegen weniger kritisch: „Warum muss sich der Schiri so aufpumpen. So eine Nummer daraus zu machen, die Spieler müssen reingehen, als wäre hier was Furchtbares passiert - das ist übertrieben.“ Völler sieht die Leverkusener in der Opferrolle: „Ich weiß, die Schiedsrichter werden sich wieder alle gegenseitig in Schutz nehmen. Das Video zum Vorfall gibt es hier.

Jeder wird sagen, unser Trainer hätte vom Platz gehen müssen.“ Auf Fragen nach den nun drohenden Konsequenzen reagierte der Sportdirektor gar sarkastisch: „Ich weiß nicht, ob der Herr Zwayer nun gesperrt wird. Das kann ich mir nicht vorstellen.“ Das Regelwerk leistet den Leverkusenern keine Argumentationshilfe.

Dass der zum Dortmunder Siegtreffer führende Freistoß knapp sechs Meter vom „Tatort“ entfernt ausgeführt wurde, liegt im Ermessensspielraum des Schiedsrichters. Darüber hinaus ist der Referee nicht verpflichtet, dem Trainer die Gründe für den Tribünenverweis persönlich zu erläutern.

„Schiedsrichter Felix Zwayer hat in der Situation nach dem Dortmunder Treffer regeltechnisch richtig entschieden. Es kann nicht sein, dass der Trainer eine Entscheidung ignoriert und eine persönliche Erklärung des Unparteiischen durch sein Verhalten erzwingen will“, kommentierte Herbert Fandel, Vorsitzender der DFB-Schiedsrichterkommission.

Ähnlich argumentierte der Dortmunder Mats Hummels, der als Mannschaftskapitän genau wie sein Gegenüber Stefan Kießling von Zwayer während der Spielunterbrechung in die Schiedsrichter-Kabine gebeten worden war: „Als Schiedsrichter hast du so viele gegen dich. Wenn du eine Entscheidung gegen die Heimmannschaft triffst, hast Du elf Spieler, den Trainer, den Co-Trainer und 20.000 Fans gegen Dich. Da kannst Du dich nicht immer rechtfertigen und alles erklären.“

Spielunterbrechungen hat es im deutschen Profifußball schon häufiger gegeben. Meistens mussten die Schiedsrichter auf Fan-Ausschreitungen und Bengalos reagieren, Unwetter oder technische Malheure waren weitere Gründe. Eine Auswahl der kuriosesten Fälle:

15. Mai 2012 Das Bundesliga-Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC (2:2) wird mehrmals wegen Bengalischer Feuer unterbrochen. In der Nachspielzeit stürmen Düsseldorfer Fans vor Abpfiff den Platz, was zu einer 20-minütigen Unterbrechung durch Schiedsrichter Wolfgang Stark führt. Erst als die Fans vom Spielfeld geschickt werden, geht die Partie weiter. Hertha protestiert gegen die Wertung, doch der Einspruch wird in zwei Instanzen abgelehnt.
19. Januar 2013 Die Bundesliga-Partie zwischen Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt (3:1) wird bereits nach einer Viertelstunde von Schiedsrichter Stark unterbrochen, da aus dem Frankfurter Fanblock Feuerwerkskörper auf den Platz fliegen. Nach einigen Minuten kann das Spiel fortgesetzt werden.
14. Februar 2014 Die Zweitliga-Begegnung zwischen der SpVgg Greuther Fürth und dem Karlsruher SC (1:1) muss für etwa 15 Minuten vom Unparteiischen Thorsten Kinhöfer unterbrochen werden. Der Grund für die unfreiwillige Pause: ein Stromausfall beim Abendspiel.
11. Mai 2014 Im Zweitliga-Abstiegskampf zwischen Dynamo Dresden und Arminia Bielefeld (2:3) fliegen Feuerwerkskörper auf den Platz, die Spieler sind gefährdet. Schiedsrichter Manuel Gräfe unterbricht für etwa 15 Minuten. Nach der Partie müssen die Gäste das Stadion unter Polizeischutz verlassen.
24. September 2014 Beim Spiel zwischen Bayer Leverkusen und dem FC Augsburg (1:0) kommt es nach dem Seitenwechsel plötzlich zu einem kurzen, aber heftigen Gewitter. Schiedsrichter Guido Winkmann schickt die Mannschaften für acht Minuten in die Katakomben. Als sich das Unwetter beruhigt, geht die Partie in starkem Regen zu Ende.
26. September 2015 Schiedsrichter Jochen Drees erleidet im Match zwischen dem Hamburger SV und Schalke 04 (0:1) eine Oberschenkelverletzung und kann die Partie nicht zu Ende leiten. Nach einigen Minuten Unterbrechung übernimmt der vierte Offizielle, Marco Fritz.
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