Ein Berliner und zwei Dänen für Holstein

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23. Januar 2012, 08:05 Uhr

Auf dem Weg zur Deutschen Meisterschaft 1912 ist Holstein Kiel im Sommer 1909 längst in der norddeutschen Elite angekommen. Doch der letzte Schritt, der regionale Titel, fehlt noch. In den beiden folgenden Spielzeiten gelingt nicht nur das, sondern auch die Etablierung unter den besten Mannschaften des Reichs.

Der Berliner Willy Zincke ist es, der Holsteins Riege aus jungen Eigengewächsen den letzten Schliff gibt. Zincke, bei den Hauptstadt-Spitzenclubs Britannia und Preussen fußballerisch ausgebildet, leistet von Herbst 1909 an seinen einjährigen Militärdienst in Kiel ab und avanciert bei Holstein zu einem erfolgreichen Mittelstürmer und zum Spielführer. Letzterer ist in jenen Jahren mehr als nur Kapitän der Mannschaft. Er leitet auch die Trainingsstunden, im Meisterjahr übrigens zwei Mal wöchentlich abgehalten, und ist Mitglied im Spielausschuss, der für die Aufstellung der Mannschaft verantwortlich ist. Unter Zinckes Regie werden die Kieler zur unangefochtenen Nummer eins in Norddeutschland. Obwohl der verletzte Klassetorwart Adolf Werner quasi die gesamte Saison verpasst und durch den erst 18-jährigen Rudolf Friese vertreten wird, ist Holstein fast unschlagbar. "Da gibt es keine blasierten Größen. Jeder spielt für Holstein, nicht für sich", lobt die Norddeutsche Sportzeitung damals das geschlossene Auftreten. Drei Kantersiege sichern den ersten norddeutschen Titel: 12:2 gegen den Internationalen FC Rostock, 5:1 gegen Altona 93 und 7:1 im Endspiel gegen Werder Bremen. Erstmals ist die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft erreicht.

Der Berliner Meister FC Preussen wartet im Viertelfinale - und hat in Hamburg keine Chance. Zwei Tore von Zincke sowie je eines von Jung-Nationalspieler Willi Fick und Linksaußen Karl Lafferenz, der seinen Stammplatz noch gegen den wenig später zum Nationalspieler aufsteigenden Ernst Möller verteidigt, drehen die Berliner Führung in einen Kieler 4:1-Sieg. Zwei Wochen später ergeht es dem zweiten Berliner Vertreter, Tasmania 1900 als Meister der Mark Brandenburg, noch schlechter. Drei Tore von Zincke, zwei von Hans Dehning und eins von Fick sichern den 6:0-Sieg und damit den erstmaligen Fi nal ein zug eines Teams aus Norddeutschland.

Endspielgegner ist der Karlsruher FV und Holstein ist klarer Außenseiter. Mehrere aktuelle Nationalspieler stehen in Reihen der Badener, darunter der deutsche Kapitän Max Breunig. In Reihen der Kieler verfügt nur Willi Fick über internationale Erfahrung, weil er kurz vor dem Endspiel sein DFB-Debüt feierte. Sechs süddeutsche Meisterschaften und einen deutschen Vizetitel hat der bereits seit 1891 existierende KFV gewonnen. Und: Die Karlsruher haben einen Trainer. Der 44-jährige englische Ex-Internationale William "Bill" Townley wird dafür bezahlt, das Training zu leiten und die Mannschaft aufzustellen. Ein Novum zu jener Zeit im deutschen Fußball.

Holstein leidet zudem unter der Vorbereitung im Endspielort Köln, die noch am Spieltagmorgen touristische Aspekte der Reise in den Mittelpunkt stellt. Viele Akteure sind erstmals im Rheinland und unternehmen mit Begleitern des Teams Wanderungen zum Drachenfels und zur Godesburg.

Das Spiel scheint die Favoritenstellung schnell zu untermauern. "Karlsruhe fand sich zuerst", heißt es in den Kieler Neuesten Nachrichten. "Holsteins Sturm versagte völlig." Werner-Ersatz Rudi Friese hält stark und hat Glück, dass Breunig einen Handelfmeter übers Tor trittt. Im zweiten Abschnitt ist das Spiel ausgeglichener. In der Pfingsthitze, die die Spieler in der Pause mit einer vom als Schlachtenbummler mitgereisten Arzt Dr. Gerhard Wagner gestifteten Flasche Sekt (!) bekämpfen, bringt erst die Verlängerung eine Entscheidung, und die auch nur umstritten. "Eine viel zu scharfe Entscheidung", heißt es nicht nur in den KNN über den zweiten Elfmeter, erneut von Fred Werner verursacht, den Breunig in der 112. Minute zum entscheidenden 1:0 verwandelt. KFV-Torjäger Gottfried Fuchs trennt anschließend vom Siegeskranz elf Lorbeerzweige ab und überreicht sie als Anerkennung den Kieler Spielern. Den Tag nach dem Endspiel nutzt Holstein noch zu einem Spiel bei Alemannia Aachen (6:1).

Die Saison 1910/11 sieht dann nach Meinung einiger Zeitzeugen die beste Kieler Mannschaft jener Zeit. Das liegt auch daran, dass mit den beiden dänischen Brüdern Karl und Sophus Nielsen von Frem Kopenhagen zwei Klasseleute hinzu gekommen sind. Vermutet wird gemeinhin, dass beide die ersten Profis (offiziell natürlich streng verboten) bei Holstein sind. Beruflich wird es den Tischler und den Monteur jedenfalls kaum nach Deutschland verschlagen haben. Vor allem der 22-jährige Sophus ist ein großer Star seiner Zeit, seit er als Mittelstürmer Dänemarks bei Olympia 1908 zehn Tore zum 17:1 über Frankreich beitrug und mit den Dänen die Silbermedaille gewann. Sein Länderspiel-Tor-Weltrekord hält übrigens bis ins Jahr 2001.

Neben den Nielsen-Brüdern entfaltet auch Linksaußen Ernst Möller, Bruder des Vorsitzenden Karl, seine Klasse. Er gehörte schon als 16-Jähriger sporadisch zur ersten Elf und steigt nun mit knapp 20 binnen kurzer Zeit erst zum Stammspieler, dann zum Nationalspieler auf. Im April 1911 in Berlin sichert er sich durch zwei Tore beim ersten Unentschieden gegen England (2:2) gleich einen Platz in der Länderspiel-Historie. Zincke, nach Ende seiner Militärzeit vorübergehend nach Berlin zurückgekehrt, ist rechtzeitig zu den Frühjahrsspielen wieder in Kiel. Nur Torhüter Werner, der - wohl aus beruflichen Gründen - den Großteil der Saison für Victoria Hamburg absolviert, fehlt Holstein.

Bis zur entscheidenden Phase der Saison gewinnen die Kieler nahezu alles. Besonders bemerkenswert: Der Karlsruher FV wird in der Endspiel-Revanche trotz eines 0:3-Rückstands mit 6:3 niedergerungen, vier Tore erzielt allein Sophus Nielsen. Altona 93 (6:0), AB Kopenhagen (7:0), Eimsbüttel (7:0) - Holstein schießt fast alles in Grund und Boden. Nur das Rückspiel in Karlsruhe während einer Osterreise geht mit 2:4 verloren. Die Vorbereitung war jedoch auch wenig meisterlich. An den Tagen zuvor wird erst das Länderspiel gegen England in Berlin besucht, dann ein Spiel beim FC Pfalz Ludwigshafen mit 8:1 gewonnen. Die Reise ist abenteuerlich. "Aus dem Gepäcknetz, wo unser neuer Internationaler (Ernst Möller, Anm. d. Red.) und Karl Nielsen logierten, wurde häufig etwas hinabgeworfen", berichtet Chronist Wilhelm Piper in der Vereinszeitung von alberner Stimmung auf der Nachtfahrt in einem offensichtlich viel zu kleinen Bahnabteil und insgesamt "40 Stunden ohne Schlaf".

Die Norddeutsche Meisterschaft wird zum zweiten Mal in Folge gewonnen. 5:0 in Heide, 2:0 bei Altona 93 und ein glänzendes 6:1 gegen Eintracht Braunschweig. Doch dann klappt es bei den Kielern nichts mehr. In der reichsweiten Endrunde ist früher als erhofft Endstation. An einem freien Wochenende ist der dänische Meister KB Kopenhagen in Kiel zu Gast. Das 0:5 ist ein Tiefschlag mit Nachwirkungen. Eine Woche später geht Holstein auch gegen den späteren Deutschen Meister Viktoria 89 Berlin im Halbfinale um die Meisterschaft baden. Das 0:4 ist die bis dahin höchste Pflichtspiel-Niederlage Holsteins.

Vier Kieler holen immerhin noch einen Titel. Ernst Möller, Hans Reese, Richard Schuck und Willy Zincke sowie der letztmals für Victoria Hamburg auflaufende Adolf Werner gewinnen am 25. Mai mit der norddeutschen Elf durch ein 4:2 im Finale gegen den Süden die dritte Auflage des Kronprinzenpokals. Möller erzielt dabei in der Verlängerung das 3:2 und 4:2.

Der wichtigste Treffer des Linksaußen sollte aber erst ein Jahr später folgen. Ganze zwei Freundschaftsspiele verlieren die Kieler in den folgenden 13 Monaten. Mehr über den Weg ins Endspiel 1912 gibt es dann in der nächsten Woche an dieser Stelle zu lesen.

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