Ein 2:2 als Meilenstein für Deutschland

Avatar_shz von
11. April 2011, 09:05 Uhr

Am Mittwoch jährt sich zum 100. Mal eines der herausragendsten Ereignisse in der Frühgeschichte des deutschen Fußballs: Das 2:2 der Nationalmannschaft gegen England, der erste Punktgewinn gegen das Mutterland. Ein Erfolg, der den gesellschaftlichen Durchbruch des Fußballs in Deutschland beschleunigte.

In den Pioniertagen des Fußballs in Deutschland war England das Maß der Dinge. So wie man auf der Insel mit dem runden Leder umzugehen verstand, gelang das auf dem Kontinent niemandem. Freilich hatte Großbritannien auch einen erheblichen zeitlichen Vorsprung. Im Mutterland des Fußballs wurde zur Jahrhundertwende schließlich schon seit rund vier Jahrzehnten gekickt, hatte man bereits 1888 eine Profiliga eingeführt. Zu einer Zeit, als der Fußball in Deutschland gerade erst Fuß fasste. Gastspiele britischer Teams zählten folglich zu den Höhepunkten. Schon im November 1899 war eine englische Auswahl auf private Initiative zu drei Spielen ins Deutsche Reich gereist und hatte sich erfolgreich als Lehrmeister betätigt.

Acht Jahre nach Gründung des DFB war es im April 1908 zum ersten offiziellen Länderspiel gekommen, bei dem sich Deutschland in Berlin vor der Rekordkulisse von 7.000 Zuschauern bei Torhüter Paul Eichelmann hatte bedanken können, dass es bei einer 1:5-Niederlage geblieben war. Ein Jahr später reiste die deutsche Auswahl erstmals über den Kanal und ging dort mit 0:9 unter. Wohlweislich war das Spiel von der englischen FA ins beschauliche Oxford verlegt worden, wo sich 6.000 Zuschauer von der (noch) nicht vorhandenen Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Fußballer überzeugen konnten.

Dabei hatte Deutschland nicht einmal die erste Wahl Englands gegenübergestanden! Statt dessen waren die Briten mit einer Amateurauswahl aufgetreten. Das passte gut zu den amateurhaften Verhältnissen im deutschen Lager. "Erst wenige Tage vor dem Spiel wurde ich benachrichtigt, und kurz vor der Abreise fragte mich noch unser Geschäftsführer, ob ich nicht ein paar gute Verteidiger wüsste", schmunzelte der Berliner Abwehrspieler Paul Hunder später über die damalige Rekrutierungspraxis. "Da wir uns so wenig kannten, klappte das Zusammenspiel überhaupt nicht", sah Hunder in der mangelhaften Vorbereitung einen der Gründe für das Debakel.

Zwei Jahre später kam England zu einem weiteren Länderspiel nach Berlin. Deutschlands Fußball hatte inzwischen große Fortschritte gemacht. Der für die Aufstellung zuständige Bundesspielausschuss griff für das Duell mit dem übermächtigen Rivalen sogar erstmals auf Blockbildung zurück, was die Harmonie spürbar verbesserte. Mit Hollstein, Breunig, Förderer und Fuchs wurden gleich vier Akteure des Karlsruher FV nominiert, der seinerzeit die dominierende Mannschaft im deutschen Fußball war. 1910 hatten sich die Karlsruher im Endspiel um die "Deutsche" mit 1:0 gegen Holstein Kiel durchgesetzt.

Und auch die Rahmenbedingungen vor der Begegnung auf dem Union-Sportplatz in Berlin-Mariendorf waren so gut wie nie zuvor. Es hatte gemeinsame Trainingseinheiten gegeben, und mit Ausnahme des seinen Militärdienst ableistenden Adolf Jäger stand die wohl stärkste Elf auf dem Rasen, die Deutschland in jenen Tagen aufbieten konnte.

An diesem 14. April 1911 sollte Deutschland Fußballgeschichte schreiben. Das begann schon vor dem Anpfiff, als man über 10.000 Besucher zählte - die erste fünfstellige Kulisse in der Historie des deutschen Fußballs! Und nach Freigabe der Partie durch Schiedsrichter Willing aus den Niederlanden zeigte sich, dass die deutsche Auswahl ihrem Gegner diesmal mehr als nur gewachsen war. Im Tor strahlte der aus Kiel stammende (aber in jener Saison für Victoria Hamburg auflaufende) "Adsch" Werner große Sicherheit aus. In der Abwehr verrichteten Neiße und Hempel zuverlässig ihre Arbeit. In der Läuferreihe demonstrierten Burger, Ugi und Hunder die zunehmende Qualifikation deutscher Fußballer auch in technischer Hinsicht. Deutschlands Trumpf aber war der Angriff. Vor allem der Kieler Linksaußen Ernst Möller war kaum zu bändigen und harmonierte prächtig mit dem Stuttgarter Eugen Kipp.

Möller war es auch, der drei Minuten nach dem Seitenwechsel die englische Führung aus der 17. Minute egalisierte und die Briten damit regelrecht schockte. Nur zwei Minuten später jubelten die 10.000 Fans auf dem Union-Platz erneut. Wieder war es der Kieler Storch gewesen, der die deutsche Auswahl mit seinem zweiten Treffer sogar in Führung brachte. Möller sei ein "Meister des scharfen und genauen Schießens", lobten die Berichterstatter nach der Partie.

Mit der Führung im Rückung segelte die deutsche Auswahl auf einem Stimmungshoch und war drauf und dran, für eine Sensation zu sorgen, als ausgerechnet der sonst so zuverlässige "Adsch" Werner patzte und Wright zum 2:2-Endstand einnetzen konnte.

Nach dem Schlusspfiff herrschte dennoch große Zufriedenheit auf deutscher Seite. Das 2:2 war mehr als nur ein Anerkennungserfolg, wobei beinahe noch wichtiger war, dass die deutsche Presse durch das Resultat auf die positive Entwicklung des Fußballs in Deutschland aufmerksam geworden war. Fußball war auf dem besten Wege, "gesellschaftsfähig" zu werden. Und an diesem 14. April 1911 wurde ein wichtiger Schritt dorthin gemacht.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen