Plädoyer für eine unterschätzte Klasse : Abseits der TV-Geldströme: Die 3. Liga bietet Spannung, Attraktivität und Qualität

Attraktive Dritte Liga: Die Partie Hansa Rostock gegen Würzburger Kickers am vergangenen Wochenende endete 3:1 für die Hanseaten.

Attraktive Dritte Liga: Die Partie Hansa Rostock gegen Würzburger Kickers am vergangenen Wochenende im Ostseestadion endete 3:1 für die Hanseaten.

Die 3. Liga muss sich ihrer Drittklassigkeit nicht schämen, meint Autor Harald Pistorius.

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14. Februar 2018, 15:45 Uhr

Osnabrück | Es ist die ausgeglichenste und spannendste Spielklasse im deutschen Profifußball. Es wird ansehnlich gekickt, in Stadien mit eigener Note zwischen Charme und Modernität. Die Stimmung ist gut, die Fans treu. Ein Plädoyer für die 3. Liga, die sich ihrer Drittklassigkeit nicht schämen muss.

Abseits der stetig wachsenden Geldströme vom Fernsehen und im Schatten der DFL-Ligen Bundesliga und 2. Bundesliga hat sich die 3. Liga zu einer attraktiven Klasse entwickelt. Am vergangenen Wochenende siegte Schlusslicht Rot-Weiß Erfurt beim Spitzenreiter SC Paderborn mit 1:0, der Tabellensiebzehnte (Osnabrück) schlug den Achtzehnten (Chemnitz) mit 6:1. Bis zu Platz zehn haben alle Vereine den dritten Platz in Sichtweite – alle darunter sind gut beraten, sich nicht zu sicher zu fühlen; der Abstiegskampf kann lange dauern. „So schlägt sich ein gesunder Wettbewerb in der Tabelle nieder“, möchte man der Bundesliga zurufen.

Der Zuschauerschnitt liegt bei 7200 und damit auf Rekordkurs (bisher: 7100); er wird von einer Handvoll Clubs gedrückt, die es mangels Tradition (Großaspach, Lotte, Wehen) oder wegen starker Konkurrenz (Fortuna Köln, Unterhaching) schwer haben. Repräsentativ für die Liga sind Vereine mit stimmungsvollen Arenen wie der 1. FC Magdeburg (Schnitt 17.000), Hansa Rostock (11.500), Karlsruher SC (10.700), VfL Osnabrück (7700) oder SV Meppen (7600).

Längst hat das Fernsehen die 3. Liga entdeckt

In der ARD-Sportschau sehen bis zu zwei Millionen zu, wenn als Gruß aus der Fußball-Küche die besten Häppchen aus der 3. Liga serviert werden. Die Telekom zog ihren Einstieg um ein Jahr vor und überträgt seit Saisonbeginn jedes Spiel im Internet live. Ab 2018/19 werden die schon jetzt technisch und inhaltlich perfekt aufbereiteten Partien zudem in einer Konferenz verpackt.

Dann bekommt jeder Club etwa 1,2 Millionen Euro, derzeit sind es 750.000 Euro – einheitliches Honorar für alle. Gleichmäßig verteilt werden auch die Marketing-Einnahmen, für die auch ein Ligasponsor (der Sportwettenanbieter bwin) und demnächst der offizielle Ligaball sorgen. Die Sponsoringeinnahmen liegen bei manchem über vier Millionen Euro.

Eine attraktive Plattform für junge Talente und Trainer

Damit lässt sich Profifußball auf gutem Niveau finanzieren, manche Vereine – wie der VfL Osnabrück – investieren sogar in ein Nachwuchsleistungszentrum. Wo früher reihenweise alternde Bundesligaprofis ihr letztes Heu einfuhren, ist die 3. Liga eine attraktive Plattform für eigene Talente und für Jungprofis, die nach der Ausbildung in den Wohlfühl-Oasen der Bundesliga-Internate in der rauen Wirklichkeit der handfesten 3. Liga körperliche und mentale Härte lernen.

Auch Trainer können in diesem Umfeld einen Karriereschritt machen. Heiko Herrlich zeigte mit Jahn Regensburg in der letzten Saison einen Fußball, auf den Bayer Leverkusen aufmerksam wurde. Markus Weinzierl, David Wagner, Florian Kohfeldt, Ralph Hasenhüttl, André Breitenreiter und Dirk Schuster sind nur einige Beispiele.

Das größte Problem ist die wirtschaftliche Kluft zur 2. Bundesliga

In der 2. Bundesliga bekommen die Vereine zwischen 20 und sieben Millionen Euro allein vom Fernsehen. Keine marktgerechten Summen, sondern eher eine Subventionierung unter dem Dach der DFL. Wer aufsteigt, kommt mit einem Rucksack aus Verbindlichkeiten und muss sich in einem Wettbewerb behaupten, in dem die Neuankömmlinge benachteiligt werden.

Umso mehr spricht es für die 3. Liga, wenn Vereine wie Eintracht Braunschweig, Darmstadt 98 oder der SC Paderborn durchmarschieren oder sich – wie in diesem Jahr Jahn Regensburg, Holstein Kiel und MSV Duisburg – in der oberen Tabellenhälfte der zweiten Liga festsetzen. Und auch die Ergebnisse der Relegationsspiele seit 2009 sprechen eine deutliche Sprache: In neun Duellen setzte sich siebenmal der Außenseiter durch.

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