Drei Spiele von höchster Dramatik

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30. Januar 2012, 08:05 Uhr

Im Herbst 1911 wird Holstein Kiel als Fußballverein der deutschen Spitzenklasse wahrgenommen. Die folgende Saison wird zur erfolgreichsten in der inzwischen gut 110-jährigen Geschichte des Vereins. Ein eigener Sportplatz, der norddeutsche Titel und schließlich auch die Deutsche Meisterschaft stehen am Ende auf der Habenseite des jungen Clubs.

Am Anfang herrscht noch Skepsis. Aus der Mannschaft des Vorjahres fehlen mit den zu Frem Kopenhagen zurückgekehrten Brüdern Karl und Sophus Nielsen zwei Top-Spieler, zudem ist die Kieler Wehrdienstzeit des Ludwigshafeners Richard Schuck beendet. Das hat einen Umbruch zur Folge. "Besonders gut sind in diesem Jahr unsere jüngeren Mitglieder weggekommen. Unsere Erste sieht verschiedene neue Gesichter", schreibt der Vorsitzende Karl Möller in der Vereinszeitung, nachdem der Spielausschuss die wie in jedem Herbst heiß diskutierte Einteilung der Mannschaften vorgenommen hat. "Von den Alten nimmt einer nach dem anderen Abschied, um einsichtsvollerweise der kommenden Generation Platz zu machen." Die "Alten", das sind die 24-jährigen Karl Lafferenz und Karl Rempka, später auch der gleichaltrige Fred Werner, die ins zweite Glied zurücktreten. Spieler wie die 17- und 18-jährigen David Binder, Heinrich Homeister, Wilhelm Tim und Arthur Intert rücken nach. "Wir dürfen daher getrost der zweiten Generation vertrauen, die nach einem Jahrzehnt jetzt zur Ablösung vorrückt", schreibt Möller.

Schon nach dem ersten Spiel macht sich Optimismus breit. "Wesentlich schlechter als im Vorjahre wird die diesjährige Elf nicht sein", schreibt Dr. Gerhard Wagner im Bericht nach dem 12:1-Sieg beim Lübecker BC 03. Vom Meistertitel träumt aber noch niemand. Noch sind die Leistungen auch nicht meisterlich. "Es fehlt an technischem Können und an Training", wird Ende September gemosert. Zwei Niederlagen bei AB Kopenhagen (1:3) und bei der Sportplatz-Eröffnung gegen Preussen Berlin (3:4) scheinen die Kritiker zu bestätigen. Doch dann beginnt der Lauf, der Holstein bis zum Titel führen wird. 5:1 gegen B 03 Kopenhagen, 8:0 bei Werder Bremen, 10:1 gegen HSV-Vorläufer HFC 88, 3:0 gegen Wacker Leipzig, Kan ter sie ge in der Bezirksmeisterschaft gegen die Kieler Konkurrenz Kilia (8:0, 10:0), Teutonia (6:0) und KFV (15:2). Holsteins Elf hat sich zu einer bärenstarken Einheit zusammen gefunden. Nur ein einziges Spiel wird zwischen Oktober und Juni nicht gewonnen (1:1 bei Hannover 96).

Die Norddeutsche Meisterschaft beginnt mit den üblichen Pflichtaufgaben. Diesmal sind es ein 9:0 (4:0) gegen den Lübecker Meister Seminar FC und ein 13:1 (6:1) beim holsteinischen Bezirksmeister Rendsburger FC. Zufriedenheit herrscht indes auch nach dem 5:0 (2:0)-Halbfinalsieg beim Bremer SC nicht. "Unser Mannschaft ist der Mangel an scharfen Spielen anzusehen", heißt es in der Vereinszeitung. "Die Niederlagen gegen Akademisk BK und Preussen im Oktober waren sportlich wertvoller als alle Siege des Jahres 1912." Auch deshalb beschließt Holstein gemeinsam mit Altona 93, Victoria Hamburg und Eintracht Braunschweig die Gründung einer "Privat-Fußball-Liga". Dem 7:1 gegen Victoria zum Auftakt folgt ein 6:0 gegen Altona 93, doch weil der NFV Einwände gegen die Liga erhebt, werden die Partien wieder zu Freundschaftsspielen degradiert und die Runde schließlich nicht zu Ende geführt.

Mit den Braunschweigern misst sich Holstein ohnehin im Endspiel um die norddeutsche Krone in Hamburg. Mit Nationalstürmer Richard Queck und dem späteren HSV-Idol Otto "Tull" Harder ist die Eintracht eine harte Nuss für Holstein. Auf der Hoheluft führen die Niedersachsen zur Pause mit 2:1. "Die Braunschweiger waren kaum wiederzuerkennen. Holstein spielte zuerst recht aufgeregt", berichten die Kieler Neuesten Nachrichten. Willi Fick nach einer Ecke von Ernst Möller und Hugo Fick nach Vorarbeit von Möller und Binder drehen das Spiel schließlich noch in den letzten 20 Minuten zugunsten Holsteins. "5000 Zuschauer, darunter sehr viele aus Kiel und Braunschweig sahen dem sehr spannenden und an aufregenden Augenblicken reichen Spiele zu", heißt es in den KNN. Holsteins Titelhattrick als Norddeutscher Meister ist perfekt.

Vor dem Start in die reichsweite Endrunde wird der junge Intert, nach dem Braunschweig-Spiel als Schwachstelle benannt, durch Hans Dehning ersetzt. Die drei entscheidenden Spiele, die mit der Partie gegen Preussen Berlin beginnen, absolviert damit die gleiche Elf, das künftige Meisterteam.

Sein wahres Meisterstück vollbringt das Team schon gegen den Berliner Meister. Robert Krüger bringt den BFC durch einen strammen Schuss aus fünf Metern, der sogar das Tornetz durchschlägt, nach 30 Minuten in Führung. Erst Mitte der zweiten Hälfte werden die Kieler stärker. "Allen noch vorhandenen Ehrgeiz bis ans Äußerste anspornend, gehen sie gegen den Feind vor, ihr Spiel wird besser, überlegter und sie fangen an, den Berliner Torwächter zu beunruhigen", schreibt Beobachter Otto Schmidt in seinem Bericht. Der Druck zahlt sich aus. Nach einer Ecke von Helmuth Bork köpft Hugo Fick sechs Minuten vor Schluss zum Ausgleich ein. Alles rechnet mit einer Verlängerung. "Jedoch Fortuna war uns hold", heißt es in Schmidts Bericht in der Vereinszeitung. "Nach einem hübschen Kombinationsspiel kamen unsere Leute vor das feindliche Tor und Binder war der Glückliche, der einen seiner wohlgezielten Schüsse zur Anwendung bringen konnte." In der 87. Minute heißt es also 2:1 für Holstein - die inzwischen deutlich unterlegenen Preussen sind geschlagen. "Wie von wilden Hunden gehetzt, stürzte das ganze Publikum auf die Sieger ein, um dieselben auf den Schultern vom Platze zu tragen."

Zwei Wochen später wird die Aufgabe noch schwerer. Der amtierende Deutsche Meister Viktoria 89 Berlin wartet, und das auch noch in der Hauptstadt. Die Dramatik ist kaum zu steigern. Von "ungefähr 7000 Zuschauern auf dem Unionplatz" berichtet das Fachblatt Rasensport. 90 Minuten lang bekämpfen sich beide Mannschaften torlos, den Kielern gehört die erste, den Berlinern die zweite Halbzeit. Der überragende "Adsch" Werner sichert mit einem gehaltenen Freistoß seines Nationalmannschaftskollegen Helmut Röpnack (86.) die Verlängerung. In dieser erweist sich Holstein als konditionsstärker. Mit einem Schuss in die linke obere Ecke erzielt Binder die Kieler Führung (107.). Doch schon eine Minute später heißt es 1:1. "Werner wurde mit dem nach einem Schuß von Arndt gehaltenen Ball ins Tor gedrängt", heißt es im Rasensport-Bericht. Von einer Regelwidrigkeit ist auch bei den Kielern nicht die Rede. Wilhelm Piper bewertet das heutzutage völlig irreguläre Tor in der Vereinszeitung nur als "Ausgleich auf nicht gerade schöne Weise". Harte Zeiten... Da das Elfmeterschießen erst rund 60 Jahre später erfunden wird, muss erneut verlängert werden. Jeweils 2x10 Minuten geht es nun bis zur Entscheidung. Die fällt in der 129. Minute: Eine misslungene Abwehraktion bestraft erneut Binder mit dem 1:2. "Bei der Erschöpfung der Spieler - sie waren von 4 bis 7 Uhr auf dem Platz - war ein Ausgleich nicht mehr zu erreichen", schildert der Rasensport-Berichterstatter.

Eine Woche haben die Kieler nun Zeit, die Anstrengung zu verkraften. Dann geht es in Hamburg - wieder gegen den Karlsruher FV, der die SpVgg Leipzig mit 3:1 besiegt hat - um den höchsten Titel. Das ist dann in der nächsten Woche an dieser Stelle zu lesen.

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