Die treue "ewige Nummer 2" des VfB

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04. Februar 2013, 08:05 Uhr

Vereinstreue, Bodenständigkeit - in der heutigen, schnelllebigen Zeit sind diese Maxime fast undenkbar. Bei Fußballprofis im Allgemeinen, aber auch bei Trainern erscheinen Amtszeiten, Zugehörigkeit und absolute Identifikation mit einem Club über einen längeren Zeitraum unrealistisch. In den 1960er und 1970er Jahren sah das noch anders aus - so auch bei Norbert Retelsdorf. Der ehemalige Schlussmann des VfB Lübeck verbrachte insgesamt 21 Jahre im Dress der Grün-Weißen, schloss sich nie einem anderen Club an. "Das hat sich einfach so ergeben. Vielleicht war es Bequemlichkeit, wollte ich mein intaktes Umfeld nicht verlassen", sieht Retelsdorf einen möglichen Grund dafür. "Wäre ich entscheidungsfreudiger gewesen, hätte meine Kariere vielleicht einen anderen Verlauf genommen." Bereut hat der gelernte Maurer dies allerdings nie. "Nein, warum auch. Ich habe nichts vermisst in der Zeit. Bei uns herrschte ein tolles miteinander, jeder hat sich mit jedem verstanden. Da wuchs schnell ein Wir-Gefühl, entwickelte sich alles nach dem Motto: einmal VfB, immer VfB."

Bereits im Alter von zwölf Jahren wechselte Retelsdorf, nachdem er mit sechs beim VfL Vorwerk zu kicken begonnen hatte, an die Lübecker Lohmühle, zunächst allerdings als Feldspieler. Bis zur A-Jugend agierte der heute 63-Jährige als klassischer Linksaußen, dachte nicht im Entferntesten daran, einmal in der "Kiste" zu stehen. Doch das sollte sich spontan ändern. Als A-Jugend-Stammkeeper Peter Marke nicht zur Verfügung stand, wurde ein adäquater Ersatz gesucht und mit dem 1,83 Meter großen Retelsdorf auch gefunden. Schuld daran war Lübecks Kultkeeper und damaliger Nachwuchstrainer Johnny Felgenhauer, der den "Langen" einfach dazu bestimmte. "Das war schon überraschend für mich", erinnert sich Retelsdorf noch heute an die für ihn kuriose Situation, nahm aber die neue Aufgabe mit Ehrgeiz und letztlich erfolgreich an. "Was blieb mir auch übrig. Johnny hatte das so entschieden."

Die Belohnung folgte schon im ersten Herrenjahr. Mit Manfred Bomke bildete er das Torwart-Duo in der Regionalliga. Der dreifache Familienvater (zwei Töchter, ein Sohn) erreichte dabei in der Spielzeit 1968/69 unter dem gerade verpflichteten Trainer Kurt "Jockel" Krause die Aufstiegsrunde zur Bundesliga. "Das war sportlich gesehen wohl das Highlight in meiner Laufbahn", weiß Retelsdorf im Nachhinein. Nach einem erfolgreichen Start in die Spielzeit hatte sich der VfB letztlich den zweiten Tabellenplatz, der zur ersten Teilnahme an einer Bundesliga-Aufstiegsrunde reichte, gesichert. Die Ernüchterung folgte aber. In der Aufstiegsrunde, die in zwei Gruppen mit je fünf Mannschaften ausgetragen wurde, belegte der VfB Lübeck den letzten Platz. Nach einer Heimniederlage gegen den SV Alsenborn musste sich Lübeck durch zwei Tore in den Schlussminuten auch Hertha Zehlendorf geschlagen geben, so dass der erste Platz, der zum Aufstieg in die Bundesliga berechtigt hatte, bereits nach zwei Spieltagen kaum mehr zu erreichen war. Nach zwei Niederlagen gegen den späteren Aufsteiger Oberhausen, den Freiburger FC sowie der Rückspielniederlage gegen Alsenborn, holte der VfB Lübeck erst am letzten Spieltag durch ein 4:4 gegen Hertha Zehlendorf und unter Mitwirkung von Retelsdorf, den ersten und einzigen Punkt. "Wenn ich ehrlich bin, waren wir in allen Partien eigentlich überfordert, konnten der Konkurrenz nicht wirklich Paroli bieten", so der ehemalige VfB-Keeper. Auch gegen Zehlendorf habe ich mir von Uwe Kliemann (der "Funkturm" wurde später Nationalspieler, Anm. d. Red.) drei Kopfballdinger reinhauen lassen." Trotzdem überwog das Positive. Den Schlussmann prägten die Partien und das Drumherum - in den ersten Heimspielen unterstützten damals mehr als 15 000 Zuschauer ihren Club auf der Lohmühle. "Wir waren einfach ein eingeschworener Haufen, der gute und schlechte Zeiten gemeinsam durchstanden hat, auch in den folgenden Jahren." An Mitspieler wie Rainer Dalinger, "Mucker" Preuß, Horst Wenzel, "Benno" Kruse, Erwin Wegner oder auch eben seinen direkten Konkurrenten im Gehäuse, "Manni" Bomke, erinnert er sich gern. "Alles tolle Jungs, mit denen man auch nach den Spielen immer noch zusammen bei Eitel in der Vereinskneipe gesessen und schöne Abende verbracht hat", will Retelsdorf das alles nicht missen. Auch von den Trainern "Jockel" Krause, Walter Maahs, "Edu" Preuß oder Reinhold Ertel spricht er in höchsten Tönen. "Es fällt mir schwer, da jemanden herauszustellen. Alle hatten ihre Qualitäten, aber auch Fehler. Spaß gemacht hat es aber eigentlich immer - und das war doch das Wichtigste." 1977 gelang Retelsdorf zusammen mit seinen Jungs noch der Aufstieg in die Oberliga. Nach der Beendigung seiner aktiven Laufbahn blieb die "ewige Nummer 2" im Kasten des VfB ("Damit konnte ich gut leben, Manni Bomke war eben einen Tick besser, das habe ich immer so akzeptiert") dem Fußball als Trainer beim VfB, in Eichede, Sereetz und bei Lübecker Amateurteams bis 1997 erhalten. Danach war Schluss.

Hallo Herr Retelsdorf. Wie geht es ihnen heute. Was haben sie in den letzten 16 Jahren angestellt?

Retelsdorf: Mir geht es gut. Für mich war der Fußball irgendwann mit meiner Arbeit als Platzwart und Hausmeister nicht mehr vereinbar. Wenn man teilweise von 7 bis 21 Uhr beruflich eingebunden ist, dazu eine Familie und einen Schrebergarten hat, muss man Prioritäten setzen. Das habe ich getan.

Ihr Sohn Mark ist selbst aktiv, spielt derzeit bei GW Siebenbäumen. Schauen Sie sich die Spiele an und sind womöglich einer seiner größten Kritiker?

Leider bin ich selten dabei, aber das wird sich hoffentlich in 13 Monaten ändern. Dann gehe ich in den verdienten Ruhestand. Doch auch dann halte ich mich zurück, werde ich nur entspannt am Spielfeldrand stehen und zuschauen.

Haben sie noch heute Kontakt zu den alten Weggefährten?

Leider nicht. Das ist alles vor ungefähr acht Jahren eingeschlafen. Davor habe ich mich noch mit meinem Freund Manni Bomke oder Jürgen Brinckmann getroffen. Doch berufsbedingt musste ich immer wieder absagen. Schade eigentlich, aber vielleicht wird das in Zukunft ja wieder anders.

Den Werdegang des VfB verfolgen sie aber trotzdem, sind über die aktuelle schwierige Situation des Clubs unterrichtet?

Ich habe meine Informationen auch nur aus den Medien. Trotzdem ist es für mich unbegreiflich, wie nach der ersten Insolvenz gleich die zweite folgen konnte. Schade, dass sich nur so wenig Menschen noch für den VfB interessieren. Jetzt wohnen den Partien nur noch knapp 1000 Zuschauer bei, so viele hatten wir damals schon anderthalb Stunden vor dem Anpfiff beim Aufwärmen.

Glauben Sie, dass der VfB noch die Kurve kriegt, wieder bessere Zeiten erlebt?

Ich hoffe natürlich schon, doch das wird seine Zeit brauchen. In der Vergangenheit wurde viel falsch gemacht. Auch ein Molle Schütt ist mit schuld daran. Erst hat er für den Aufstieg in die 2. Liga gesorgt, dann war er für den Abstieg 2004 mit verantwortlich, als er es versäumt hat in der Winterpause neue Spieler zu holen. Das Team heute macht jedenfalls Mut. Die scheinen sich richtig reinzuhängen, wie das deutliche 12:0 im Test gegen Moisling zeigt. Ich glaube, dass der VfB in der SH-Liga oben mit dabei sein wird, auch wenn man abwarten muss, wer im Sommer alles noch den Verein verlässt.

Norbert Retelsdorf, geb. am 3. März 1949, aktiver Spieler beim VfL Vorwerk (1955 bis 1961) und VfB Lübeck (1961 bis 1982), 61 Regionalliga-Spiele, 28 Oberliga-Spiele, 47 SH-Liga-Spiele. - Erfolge: Teilnahme an der Bundesliga-Aufstiegsrunde 1969, Aufstieg in die Oberliga Nord 1977. - Trainerkarriere: Co-Trainer VfB Lübeck, von November 1982 bis Juni 1984 Cheftrainer VfB Lübeck, 1984 bis 1985 SV Eichede, 1985 bis 1988 SV Sereetz, 1988 bis 1989 VfB Lübeck II, 1990 bis 1993 SC Buntekuh, 1994 bis 1997 AKM Lübeck.

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