Die "Fußball-Dirn" mit dem Bundesadler

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31. Januar 2011, 08:05 Uhr

Die Fußball-Europameisterschaft 1989 ging als der Meilenstein schlechthin für den deutschen Frauenfußball in die Geschichtsbücher ein. Als Gastgeberland sicherte sich Deutschland am denkwürdigen 2. Juli durch einen 4:1-Erfolg gegen Norwegen im ausverkauften Stadion an der Bremer Brücke den Titel und katapultierte den Frauen-Fußball ein Jahr vor dem Start der eingleisigen Bundesliga in einem bis dahin nie erlebten Ausmaß in das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Schon der legendäre Halbfinal-Erfolg (4:3 im Elfmeterschießen) gegen Italien im Siegener Leimbachstadion war ein echtes Spektakel. Zugleich war es das erste im deutschen Fernsehen live übertragene Frauenfußballspiel überhaupt. Mitten in einem sportlichen Sommerloch "explodierte" ein Sport, der bis dahin von vielen als eine reine Männerdomäne angesehen wurde. Das Fußballfieber grassierte, die Medien überschlugen sich und die 22000 Endspieltickets waren nach wenigen Stunden vergriffen. Auf einmal wollten die Redaktionen alles über die neuen Shooting Stars wissen. Biographie, Berufe, Lieblingsspeisen, ja selbst die Familienverhältnisse gerieten zu Top-News. "Danach war nichts mehr so wie vorher", stellte eine beeindruckte Journalistin der Frankfurter Rundschau fest. Plötzlich rückten Namen wie Silvia Neid, Martina Voss oder auch Heidi Mohr, die 1999 zu "Europas Fußballerin des Jahrhunderts" gewählt werden sollte, in den Mittelpunkt. Doch auch Spielerinnen, die sich manchmal sogar selbst als "Wasserträgerinnen" oder gar "Arbeitstiere" bezeichneten, stießen urplötzlich aus der "Anonymität" der damals noch zweigeteilten 1. Bundesliga in neue Sphären vor. Eine von ihnen war die Manndeckerin Frauke Kuhlmann. Am 27. September 1966 in Bad Segeberg geboren, ursprünglich als Leichtathletin gestartet und erst im Alter von 14 Jahren beim SG Seth mit dem Fußball begonnen, gehörte die ehemalige Erstligaspielerin des Schmalfelder SV, TSV Siegen und FC Eintracht Rheine beim Titelgewinn 1989 zur Stammformation der Nationalmannschaft. Auf insgesamt 46 internationale Einsätze brachte es die eisenharte Verteidigerin, die 1991 mit Deutschland den EM-Titel verteidigen und im gleichen Jahr mit der Nationalmannschaft bei der ersten Frauenfußball-Weltmeisterschaft den vierten Platz belegen konnte. Nord Sport besuchte die heutige Besitzerin eines Sportgeschäftes in Henstedt-Ulzburg und sprach mit ihr über das Leben nach ihrer aktiven Zeit, den "Pioniergeist" der ersten Bundesliga-Jahre sowie die bahnbrechenden deutschen Erfolge auf internationalem Parkett.

Frau Kuhlmann, bereits im Alter von 26 Jahren mussten Sie aufgrund eines Knorpelschadens die Fußballschuhe an den Nagel hängen. Doch ganz ohne Ball geht es seitdem trotzdem nicht. Erzählen Sie doch mal…

Nach zwei Knie-Operationen musste ich mir zwangsläufig etwas Neues suchen. Bei einem Herrenausstatter mit größerer Sportartikelabteilung konnte ich eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau absolvieren. Seit 1994 bin ich als Inhaberin eines Sportfachgeschäfts selbstständig, dabei hat mir meine Bekanntheit als ehemalige Nationalspielerin sicherlich geholfen. Als Ausrüsterin im Mannschaftssport ist der persönliche Kontakt ganz wichtig. Zwei- bis dreimal in der Woche fahre ich zu den Vereinen in der Umgebung, unterbreite meine Angebote und pflege die bestehenden Verbindungen. Das ist klassischer Teamsport-Vertrieb vor Ort, mich kann man rund um die Uhr buchen.

Sportlich wird sicherlich das Jahr 1989 für Sie unvergessen bleiben, oder?

Ganz sicher, denn mit dem Gewinn der Europameisterschaft schaffte der Frauenfußball den Durchbruch. Anschließend entdeckten ganz viele junge Mädchen ihr Interesse am Fußball und meldeten sich in den Vereinen an. Diese Entwicklung wurde noch verstärkt durch den zweiten Gewinn der Europameisterschaft 1991 und durch das gute Abschneiden bei der ersten Frauen-Weltmeisterschaft. Ich bin stolz, dass ich bei diesen Ereignissen dabei sein durfte.

Mit dem Schmalfelder SV spielten Sie in den 80er Jahren in der neu gegründeten 1. Bundesliga. Welche Erinnerungen haben Sie an die damalige Zeit noch?

Wir hatten die damals noch zweigeteilte Bundesliga auf Anhieb über die Qualifikation erreicht und gehörten somit zu den Gründungsmitgliedern der neuen Spielklasse. Das war natürlich etwas ganz Besonderes für alle Beteiligten, aber schon die Tatsache, dass wir als kleiner Dorfverein einen Etat von rund 40000 Euro beim DFB hinterlegen mussten, brachte gehörige Probleme. Aber in Schmalfeld wurde idealistisch gedacht. Ein kleiner Marketingkreis wurde aus dem Hut gezaubert und das Abenteuer Bundesliga konnte beginnen.

Sie hatten einige wichtige Förderer auf Ihrer Seite…

… ohne die das alles wahrscheinlich nicht möglich gewesen wäre. So zum Beispiel Familie Müller oder auch mein Onkel Josef "Sepp" Eckle, der alle Spiele gesehen hat. Er war so etwas wie mein persönliches Maskottchen. Dann natürlich mein ehemaliger Trainer Hans-Hermann Kröger. Und irgendwie hatte der gesamte Verein ein Faible für den Mädchenfußball. Darüber hinaus stand der Kreisfußballverband Segeberg dem Frauenfußball von Beginn an sehr aufgeschlossen gegenüber. Das war damals ungewöhnlich. Noch heute müssen viele Mädchen und Frauen in ihren Vereinen und Kreisverbänden um eine derartige Unterstützung kämpfen.

Beschreiben Sie doch einmal die Bundesliga-Atmosphäre in Schmalfeld?

Das hatte immer so etwas wie Volksfestcharakter, das ganze Dorf war da. Wir hatten immer zwischen 500 und 700 Fans auf unserem kleinen Platz, bei Pokalspielen oder Top-Events wie gegen Bergisch-Gladbach sogar über 1000 Besucher. Zahlen, die sich selbst heute in der eingleisigen 1. Bundesliga sehen lassen könnten. Und jeder hat sich etwas einfallen lassen, um die Heimspiele zu etwas Besonderem zu machen. Unser Coach Gerhard Fokken hatte sogar einen Ziegenbock bekommen, den er dann anlässlich der Spiele mit einem Fähnchen in Vereinsfarben ausgestattet und mit einem Pflock neben dem Spielfeld platziert hatte. Unsere Gäste staunten nicht schlecht. Und auch sportlich lief es ja anfangs ziemlich gut. Im ersten Bundesliga-Jahr belegten wir hinter Siegen, Duisburg und Bergisch Gladbach einen starken 4. Platz.

Eine Platzierung, an der auch Sie großen Anteil hatten. Welche Qualitäten haben Sie als aktive Fußballerin ausgezeichnet?

Ich war immer die bodenständige Fußball-Dirn vom Dorf und ganz klar ein Arbeitstier. Für filigrane Technik waren andere zuständig. Ich glaube, dass ich im defensiven Mittelfeld und als Manndeckerin am besten aufgehoben war. Und drei Dinge waren mir immer besonders wichtig: Teamgeist, positives Denken und immer wieder aufstehen zu können.

Wie sehen Sie die Entwicklung des Frauenfußballs in Deutschland, aber auch in Schleswig-Holstein?

Für mich ist es aus der Entfernung extrem positiv anzuschauen, wie sich der Frauenfußball bundesweit nach vorne entwickelt hat. Die Anerkennung und Wertschätzung wächst stetig, die Professionalisierung und Ausbildung der Spielerinnen ist inzwischen sehr fortschrittlich. Und es ist schön zu sehen, dass wir in Schleswig-Holstein auch zwei Frauen-Bundesliga-Vereine haben, bei denen leistungsorientiert gearbeitet wird. Ein Turnier wie der Nordcup zeigt deutlich, dass man auch bei uns die Zuschauer für den Frauenfußball begeistern kann.

Haben Sie noch Kontakt zu alten Nationalmannschafts-Kolleginnen?

Über das DFB-Retro-Team haben wir uns in den letzten beiden Jahren häufiger getroffen. Der DFB tut inzwischen eine ganze Menge dafür, um die ehemaligen Nationalspielerinnen häufiger zu versammeln. Wir haben sogar Ehrenkarten bekommen, mit denen wir alle Spiele der ersten und zweiten Bundesliga besuchen können. Es ist schön, dass man uns das Gefühl gibt, immer noch dazu zu gehören.

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