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Beckenbauer-Warner-Vertrag : DFB soll schon seit 15 Jahren von WM-Affäre wissen

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Neue Recherchen von „Spiegel“ und „Süddeutscher Zeitung“ ergeben: Der Verband wollte den Vertrag vertuschen.

Berlin | Neue peinliche Enthüllungen im WM-Skandal und ein offener Konflikt über die Neuordnung des Verbands haben die Krise im Deutschen Fußball-Bund verschärft. Kurz vor den Beratungen der DFB-Spitze am Rande des Länderspiels der deutschen Weltmeister in Paris gestand der frühere Generalsekretär Horst R. Schmidt, dass wohl mehrere Top-Funktionäre des Verbands schon im Jahr 2000 Kenntnis von dem schmutzigen Deal zwischen Franz Beckenbauer und dem damaligen FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner hatten. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte am Freitag, „dass der Deutsche Fußball-Bund alles transparent aufklärt, was geschehen ist“.

Der 64 Jahre alte Niersbach war in dem Skandal um dubiose Geldflüsse vor der Weltmeisterschaft 2006 schwer unter Druck geraten. In der vergangenen Woche durchsuchte die Steuerfahndung sowohl die DFB-Zentrale in Frankfurt als auch Niersbachs Privatwohnsitz in Dreieich. Am Montag war Niersbach dann zurückgetreten.

Belastet wurden die Gespräche der amtierenden DFB-Führung in Frankreichs Hauptstadt zudem von einer Kontroverse über das weitere Vorgehen auf dem Weg aus der Affäre. Ligapräsident Reinhard Rauball stellte sich gegen die Pläne des zweiten DFB-Interimschefs Rainer Koch und von Schatzmeister Reinhard Grindel, noch vor der EM 2016 eine neue Verbandsführung zu installieren. Der Zeitplan für das weitere Vorgehen dürfe durch „kein externes Ereignis“ bestimmt werden, mahnte Rauball.

Zudem machte sich der Präsident von Borussia Dortmund, der nach dem Rücktritt von Wolfgang Niersbach den DFB gemeinsam mit Koch führt, erneut für eine umfassende Strukturreform stark. „Es reicht nicht, wenn ein Kopf durch einen anderen Kopf ersetzt wird, und danach läuft wieder alles ganz normal“, sagte Rauball im ZDF. Für die Aufarbeitung der Affäre um die Vergabe der WM 2006 und die Überlegungen für eine Neuaufstellung des DFB bedürfe es Zeit. Der größte Sport-Fachverband müsse „klare Botschaften rausschicken, klare Antworten finden, damit die Leute wieder Vertrauen zum DFB fassen“, sagte Rauball.

Dagegen hatten Koch und der im Präsidentenrennen als Favorit des Amateurlagers geltende Grindel schnelle Lösungen avisiert. „Gehen Sie davon aus, wir werden bei der Europameisterschaft ganz sicher vollständig geordnet aufgestellt sein“, hatte Koch gesagt.

Auch Niedersachsens Landesverbandschef Karl Rothmund sieht bereits die Weichen gestellt und erwartet bei einer Wahl „eine breite Mehrheit“ für einen Kandidaten Grindel, wie er den Zeitungen des „Redaktionsnetzwerks Deutschland“ am Freitag sagte. Der CDU-Politiker sei „im richtigen Alter, um die nächsten ein, zwei Jahrzehnte an der Spitze des Verbandes stehen zu können“, fügte Rothmund hinzu.

Die öffentliche Debatte und der sichtbare Dissens dürften den DFB-Granden genauso wenig gefallen wie die neuen Details zu den Vorgängen vor der Vergabe der WM 2006. Am Freitag jedenfalls debattierten Rauball, Koch, Grindel und DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock in Paris über das weitere Vorgehen. Die Sitzung dauerte am frühen Abend noch an, Ergebnisse wurden zunächst nicht bekannt. Für 19 Uhr war die Abfahrt der Funktionäre zum Länderspiel Deutschland gegen Frankreich im Pariser Vorort St. Denis geplant.

Horst R. Schmidts Bekenntnis lässt den Verdacht zu, dass der dubiose Deal zwischen Beckenbauer und Warner im Verband vertuscht wurde, wie bereits die „Süddeutsche Zeitung“ am Freitag berichtete. „Ich kann bestätigen, das Papier im Jahr 2000 gesehen zu haben. Und ich glaube auch, dass ich nicht der einzige war, der es gesehen hat“, sagte Schmidt der „Bild“-Zeitung.

Zuvor waren neue Vorwürfe gegen Niersbach und den aktuellen Generalsekretär Helmut Sandrock aufgetaucht. Beide sollen bereits im Sommer über den brisanten Beckenbauer-Vertrag informiert gewesen sein. Der damalige Bewerbungschef Beckenbauer soll vier Tage vor der WM-Entscheidung der FIFA dem inzwischen gesperrten Warner in einem Schreiben „diverse Leistungen“ zugesagt haben. Die neuen Enthüllungen würden von den externen Ermittlern beim DFB untersucht werden, versicherte Rauball. „Ich kann offen und ehrlich gestehen, dass ich über viele Dinge überrascht war“, sagte der Jurist über seine Erkenntnisse in den ersten Tagen als DFB-Interimschef.

Der frühere Bundesinnenminister Otto Schily hat indes eine Kenntnis von dem Beckenbauer-Deal bestritten. „Mir ist nichts aus eigenem Wissen darüber bekannt, ob und gegebenenfalls in welcher Art es Geschäftsbeziehungen zwischen dem DFB oder dem Organisationskomitee für die WM 2006 und Jack Warner gegeben hat“, sagte Schily der „Bild“-Zeitung (Freitag). Der SPD-Politiker war Aufsichtsrat des Organisationskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006.

Es sei „nicht hilfreich, dass bestimmte Dokumente und Informationen nur bruchstückhaft und gezielt in die Öffentlichkeit gelangen“, kritisierte Schily. Vielmehr sollten zunächst die Ergebnisse der externen DFB-Ermittler der Kanzlei Freshfields und der Frankfurter Staatsanwaltschaft abgewartet und Vorverurteilungen vermieden werden.„Franz Beckenbauer kenne ich als integre Persönlichkeit, dem ich nach wie vor vertraue, dass er bei der Bewerbung um die WM 2006 keine unlauteren Mittel angewandt hat“, sagte Schily.

Um welche neuen Vorwürfe geht es?

Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung (SZ) berichten, dass Niersbach und der DFB schon deutlich früher von einem dubiosen Deal zwischen Franz Beckenbauer und dem korrupten FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner gewusst haben soll, als bislang bekannt war.

Nach Informationen der „SZ“ wurde der Vertrag von Franz Beckenbauer mit dem umstrittenen FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner im Juli 2000 unterzeichnet und soll schon kurz darauf führenden Funktionären des DFB bekannt geworden sein. Der Verband unternahm aber offenbar keinerlei Anstrengungen, den dubiosen Vorgang aufzuklären, sondern legte den Vertrag zu den Akten.

Die DFB-Spitze hatte die Öffentlichkeit in dieser Woche über den Fund des von Beckenbauer unterzeichneten Schreibens informiert.

Was ist das für ein Vertrag zwischen Beckenbauer und Warner?

Franz Beckenbauer hat nach DFB-Angaben vier Tage vor Vergabe der WM 2006 eine vertragliche Vereinbarung mit dem früheren FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner unterschrieben. In diesem Dokument seien der Konföderation des stimmberechtigten Exekutivmitglieds „diverse Leistungen“ von deutscher Seite zugesagt worden, sagte Rainer Koch, Interimspräsident des Deutschen Fußball-Bunds, am Dienstag.

Dies seien „keine direkten Geldleistungen“ gewesen, sondern unter anderem Vereinbarungen über Spiele, Unterstützung von Trainern beim Kontinentalverband CONCACAF oder Ticketzusagen für WM-Spiele an Warner selbst, erklärte Koch. Es bestehe keine Erkenntnis, ob dieser Vertrag in Kraft getreten sei. Beckenbauer sei damals nicht allein vertretungsberechtigt für den DFB gewesen. Daher seien alle festgehaltenen Absprachen abhängig von einer Zustimmung des DFB-Präsidiums gewesen.

Wer ist Jack Warner?

Der Funktionär aus Trinidad und Tobago galt als eine der korruptesten Figuren im Weltfußball und wurde von der Kammer als „Drahtzieher von Systemen, die die Gewährung, Annahme und den Empfang verdeckter und illegaler Zahlungen beinhalteten“ bezeichnet. Warner war vor 15 Jahren eines von 24 stimmberechtigten Mitgliedern der FIFA-Exekutive. Vier Jahre nach seinem Rücktritt von allen Ämtern war Warner Ende September lebenslang von der FIFA-Ethikkommission gesperrt worden.

Wer hat den Vertrag entdeckt?

Das Schreiben soll vom stellvertretenden Generalsekretär Stefan Hans im Archiv des Verbandes entdeckt worden sein, nachdem die Recherchen nach der dubiosen 6,7-Millionen-Euro-Zahlung des DFB an die FIFA begonnen hatten.

Der Spiegel berichtet, dass Hans, nachdem er Niersbach über den Fund informiert hatte, den Vertrag wieder im Archiv abgelegt haben soll - aber an einer anderen Stelle. Der Vertrag sollte allem Anschein nach nicht mehr auffindbar sein.

Hans hat nach Angaben der „SZ“ in einem Brief den Mitgliedern des DFB-Präsidiums mitgeteilt, dass er damals Niersbach und Generalsekretär Sandrock unverzüglich telefonisch von seinem Fund in Kenntnis gesetzt habe - und zwar vor der Pressekonferenz Niersbachs am 22. Oktober. Damals konnte der 64-Jährige viele Fragen nicht beantworten, sagte aber: „Die Kernbotschaft ist: Es ist bei der WM-Vergabe 2006 alles mit rechten Dingen zugegangen. Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben.“

Ist Niersbach doch nicht freiwillig zurückgetreten?

Niersbachs Interims-Nachfolger Rauball bestreitet, dass die DFB-Spitze Niersbach wegen seiner unglücklichen Rolle bei der Aufklärung der Affäre zum Rücktritt gedrängt habe. „Wolfgang Niersbach ist freiwillig zurückgetreten, er ist nicht aufgrund eines Votums zurückgetreten“, versicherte der Präsident von Borussia Dortmund.

Bei einer Krisenrunde am vergangenen Montag mit den Vizepräsidenten Rainer Koch und Reinhard Rauball sowie Schatzmeister Reinhard Grindel stellten diese Niersbach zur Rede. Dabei soll Niersbach keine befriedigende Antwort auf die Frage gefunden haben, warum er, wenn er doch das Papier kannte, den Kauf von Stimmen für die WM 2006 öffentlich kategorisch ausgeschlossen hatte. Niersbach habe daraufhin seinen Rücktritt angeboten.

Was bedeuten die neuen Rechercheergebnisse für Niersbach?

Der Druck auf Niersbach wächst trotz Rücktritts weiter. Er hatte der Öffentlichkeit und offenbar auch dem Verbandspräsidium nichts von einem derartigen Aktenfund berichtet.

Niersbach hatte seinen Rücktritt bisher mit seiner politischen Gesamtverantwortung für Vorgänge begründet, von denen er keine eigene Kenntnis gehabt habe.

Im Verbandspräsidium wächst laut „SZ“ das Entsetzen über die Affäre. Offenbar sei bis zuletzt versucht worden, vieles zu vertuschen.

Was ist eigentlich mit Franz Beckenbauer?

Die Fußball-Welt erwartet Antworten von Franz Beckenbauer. Er hat sich trotz der enormen Vorwürfe gegen ihn bislang nicht öffentlich geäußert. Nur den externen DFB-Prüfern stand er schon Rede und Antwort - offenkundig blieben aber Fragen offen. Eine juristische Handhabe hat der DFB gegen den Ehrenspielführer nicht. Auf Aussagen pochen könnten die FIFA-Ethikkommission oder die Staatsanwaltschaft.

Wie lange der Kaiser dem Druck der Öffentlichkeit standhält, bleibt abzuwarten. Der Imageschaden ist für die Lichtgestalt jedenfalls nicht mehr abzuwenden.

 

Am Freitag will die aktuelle DFB-Spitze in Paris das weitere Vorgehen beraten, auch in Sachen Neuaufstellung des Verbands. Als Favorit für das Amt des Präsidenten gilt Reinhard Grindel. Über wen wird noch spekuliert?

Reinhard Rauball

Der Ligapräsident und Chef von Borussia Dortmund genießt einen exzellenten Ruf und ist vom Führungsstil durch und durch präsidiabel. Er wäre - Stand jetzt - aber nur ein Übergangskandidat für eine Amtszeit, da er mit 68 Jahren kurz vor der DFB-Altersgrenze (70) steht.

Helmut Sandrock

Der frühere Junioren-Nationalspieler und Vorstandschef des MSV Duisburg rückte als Nachfolger von Niersbach auf den Posten des DFB-Generalsekretärs. Den Job verrichtet er eher im Hintergrund als im Scheinwerferlicht. Eher unwahrscheinlich, dass er Präsident wird.

Heribert Bruchhagen

Der Außenseiterkandidat sagte am Dienstag gleich ab. Der frühere Manager des FC Schalke 04 und Hamburger SV ist seit fast zwölf Jahren Vorstandschef von Eintracht Frankfurt. Als Ex-Geschäftsführer der DFL ist er bestens vernetzt. Zum Saisonende hört er in Frankfurt auf und wäre zumindest als Übergangslösung frei. Aber: „Ich scheide doch nicht als Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt aus, um ein neues Amt anzutreten. Nein, das ist nicht vorstellbar“, sagte Bruchhagen dem Online-Portal „sport1.de“.

Oliver Bierhoff

Der prominenteste Name. Seit über elf Jahren Teammanager der Nationalmannschaft und wichtigster Mitarbeiter von Weltmeister-Trainer Joachim Löw. Der Europameister von 1996 ist sehr gut vernetzt im Profibereich und bei Sponsoren. Und der 47-Jährige ist ein Medienprofi. Für die einflussreiche Amateurbasis ist er aber nur schwer vermittelbar. Zudem wiegelt er selbst (noch) ab.

 

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erstellt am 13.Nov.2015 | 18:10 Uhr

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