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Nach Wolfgang Niersbachs Rücktritt : DFB-Affäre: Was ist bekannt? Und was nicht?

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Wie geht es weiter mit dem DFB? Die neuen Führungskräfte versprechen eine konsequente Aufarbeitung aller Vorwürfe - auch der neuen. Diese könnten enorme Sprengkraft haben. shz.de fasst die offenen Fragen zusammen.

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erstellt am 10.Nov.2015 | 15:53 Uhr

Frankfurt am Main | Am Tag nach dem Rücktritt von Präsident Wolfgang Niersbach verspricht der Deutsche Fußball-Bund weiter eine konsequente Aufklärung der immer brisanteren Sommermärchen-Affäre. Angesichts neuer - auf mögliche Korruptionsversuche zumindest hindeutenden - Erkenntnisse rückt immer mehr Franz Beckenbauer als WM-Organisationschef 2006 ins Blickfeld.

Der 64 Jahre alte Wolfgang Niersbach war in dem Skandal um dubiose Geldflüsse vor der Weltmeisterschaft 2006 schwer unter Druck geraten und am Montag zurückgetreten. In der vergangenen Woche durchsuchte die Steuerfahndung sowohl die DFB-Zentrale in Frankfurt als auch Niersbachs Privatwohnsitz in Dreieich.

„Wir haben die Bitte, dass er sich intensiver einbringt in die Aufklärung der Vorgänge“, sagte Interims-Präsident Rainer Koch, der gemeinsam mit Ligapräsident Reinhard Rauball vorläufig die DFB-Geschäfte in dessen größter Krise führen wird.

In der WM-Affäre gibt es noch viele offene Fragen. shz.de fasst sie zusammen:

Was passierte mit den 6,7 Millionen Euro? Und wann genau erfuhr das OK-Mitglied Niersbach davon?

Im Zentrum der gesamten Affäre steht eine Zahlung von 6,7 Millionen Euro, die der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus zunächst für das WM-Organisationskomitee (OK) an die FIFA überwiesen hat und die dann im Jahr 2005 unter falscher Deklarierung von den deutschen WM-Machern an den Franzosen zurückfloss.

Diese Fragen sind nach wie vor ungeklärt. Aussagen seiner früheren OK-Kollegen und auch Dokumente, die „Der Spiegel“ veröffentlicht hat, lassen jedoch darauf schließen: Niersbach wusste über die ominösen 6,7 Millionen schon deutlich länger Bescheid, als er öffentlich immer zugab.

Was weiß Beckenbauer?

Franz Beckenbauer hat nach DFB-Angaben vier Tage vor Vergabe der WM 2006 eine vertragliche Vereinbarung mit dem früheren FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner unterschrieben. In diesem Dokument seien der Konföderation des stimmberechtigten Exekutivmitglieds „diverse Leistungen“ von deutscher Seite zugesagt worden, sagte Rainer Koch, Interimspräsident des Deutschen Fußball-Bunds, am Dienstag.

Dies seien „keine direkten Geldleistungen“ gewesen, sondern unter anderem Vereinbarungen über Spiele, Unterstützung von Trainern beim Kontinentalverband CONCACAF oder Ticketzusagen für WM-Spiele an Warner selbst, erklärte Koch. Es bestehe keine Erkenntnis, ob dieser Vertrag in Kraft getreten sei. Beckenbauer sei damals nicht allein vertretungsberechtigt für den DFB gewesen. Daher seien alle festgehaltenen Absprachen abhängig von einer Zustimmung des DFB-Präsidiums gewesen.

Franz Beckenbauer rückte im Skandal um mögliche Bestechung vor der Vergabe der Fußball-WM 2006 immer mehr in den Fokus. Ein brisanter Vertragsentwurf trage die Unterschrift des damaligen Bewerbungskomitee-Präsidenten Beckenbauer, berichtete die „Bild“-Zeitung am Dienstag. In dem Kontrakt sollen dem Verband des damaligen FIFA-Exekutivmitglieds Jack Warner Leistungen des Deutschen Fußball-Bundes zugesagt worden sein.

Das Schreiben sei am 2. Juli 2000 unterzeichnet worden, vier Tage später wurde die Weltmeisterschaft an Deutschland vergeben. Der Beckenbauer-Vertraute Fedor Radmann, später auch Mitglied des Organisationskomitees, habe laut „Bild“ den Entwurf paraphiert. Das Management von Beckenbauer wollte den Bericht zunächst auf Anfrage nicht kommentieren.

Die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag hat in der WM-Affäre Aufklärung von Franz Beckenbauer gefordert. „Es ist ganz wichtig, deutlich zu machen, dass Wolfgang Niersbach nur eine der handelnden Personen war“, sagte die SPD-Politikerin dem Südwestrundfunk nach dem Rücktritt des DFB-Präsidenten.

Wer ist Jack Warner?

Der Funktionär aus Trinidad und Tobago galt als eine der korruptesten Figuren im Weltfußball und wurde von der Kammer als „Drahtzieher von Systemen, die die Gewährung, Annahme und den Empfang verdeckter und illegaler Zahlungen beinhalteten“ bezeichnet. Warner war vor 15 Jahren eines von 24 stimmberechtigten Mitgliedern der FIFA-Exekutive. Vier Jahre nach seinem Rücktritt von allen Ämtern war Warner Ende September lebenslang von der FIFA-Ethikkommission gesperrt worden.

Wertet der DFB Beckenbauers Verhalten als Bestechungsversuch?

Der DFB geht angesichts der Unterschrift von Franz Beckenbauer unter einem Vertrag mit dem früheren FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner von einem möglichen Bestechungsversuch aus. „Das muss man so werten, dass zumindest über diese Fragen nachgedacht worden ist“, sagte Reinhard Rauball, der gemeinsam mit Rainer Koch den Deutschen Fußball-Bund interimsmäßig führt, am Dienstag beim TV-Sender Sky. „Wenn etwas schriftlich konzipiert ist, egal ob es dann formwirksam geworden ist oder nicht, dann ist das etwas, was diese Vermutung zulässt.“

Kann der DFB Franz Beckenbauer zur Aufklärungsarbeit zwingen?

Die Fußball-Welt erwartet Antworten von Franz Beckenbauer. Den externen DFB-Prüfern stand er schon Rede und Antwort - offenkundig blieben aber Fragen offen. Eine juristische Handhabe hat der DFB gegen den Ehrenspielführer nicht. Auf Aussagen pochen könnten die Fifa-Ethikkommission oder die Staatsanwaltschaft.

Bei den dubiosen Dreyfus-Millionen war Beckenbauer zunächst einmal fein raus. In den Ermittlungen wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung spielt er keine Rolle, an der beanstandeten Steuererklärung war er offenkundig nicht beteiligt. Ein möglicher Straftatbestand der Korruption oder Bestechung wäre verjährt.

Wie lange der Kaiser dem Druck der Öffentlichkeit standhält, bleibt abzuwarten. Der Imageschaden ist für die Lichtgestalt jedenfalls nicht mehr abzuwenden.

War das Sommermärchen gekauft?

Man weiß es noch nicht. „Wir wollen uns nicht mehr auf die Frage des Verbleibs der 6,7 Millionen Euro beschränken, wir wollen uns intensiv mit der Frage beschäftigen, was ist bei der Vergabe der WM 2006 passiert?“, hatte Koch unmittelbar nach dem Rücktritts Niersbachs gesagt und damit Spekulationen über gravierende Verfehlungen der WM-Macher geschürt.

In diesen Zusammenhang passte ein Bericht der „Süddeutsche Zeitung“, laut dem bei den internen Ermittlungen im DFB ein Vertragsentwurf aus dem Jahr 2000 gefunden worden sei, der einem Mitglied der Fifa-Exekutive Vorteile versprochen haben könnte.

Wie die „SZ“ unter Berufung auf einen Insider weiter berichtete, steht der Ex-Spitzenfunktionär Jack Warner in Verdacht möglicher Nutznießer gewesen zu sein. Warner war ehemals Präsident des nord- und zentralamerikanischen und karibischen Fußballverbandes (CONCACAF) sowie bis 2011 auch Vizepräsident des Weltverbandes Fifa. Warner war im September lebenslang wegen Korruption gesperrt worden.

Wer wird Niersbachs Nachfolger?

Der DFB strebt nun bis spätestens zur Europameisterschaft im Sommer 2016 die Wahl eines Nachfolgers für Niersbach an. „Gehen Sie davon aus, wir werden bei der Europameisterschaft ganz sicher vollständig geordnet aufgestellt sein“, sagte Koch am Dienstag am Rande eines Diskussionsforums des Bayerischen Rundfunks.

Rainer Koch: Der Vize-Präsident des DFB hat Ambitionen auf die Niersbach-Nachfolge - und als Chef des Süddeutschen Fußball-Verbandes eine starke Hausmacht im Rücken. Der Jurist hat seit Jahren großen Einfluss im Verband, wäre ein starker Kandidat der Amateurbasis und brachte sich am Montag mit starken Aussagen in Richtung Franz Beckenbauer bereits in Position.

Reinhard Rauball: Der Ligapräsident und Chef von Borussia Dortmund genießt einen exzellenten Ruf und ist vom Führungsstil durch und durch präsidiabel. Er wäre - Stand jetzt - aber nur ein Übergangskandidat für eine Amtszeit, da er mit 68 Jahren kurz vor der DFB-Altersgrenze (70) steht.

Reinhard Grindel: Der CDU-Bundestagsabgeordnete gehört seit zwei Jahren als Schatzmeister zum DFB-Führungszirkel. Als Nachfolger von Horst R. Schmidt hat er sich in der DFB-Zentrale schnell etabliert. Wie Niersbach arbeitete er früher als Journalist. Zu klären wäre, ob er wegen der FIFA-Statuten seinen Politiker-Job aufgeben müsste.

Helmut Sandrock: Der frühere Junioren-Nationalspieler und Vorstandschef des MSV Duisburg rückte als Nachfolger von Niersbach auf den Posten des DFB-Generalsekretärs. Den Job verrichtet er eher im Hintergrund als im Scheinwerferlicht. Eher unwahrscheinlich.

Heribert Bruchhagen: Der Außenseiterkandidat sagte am Dienstag gleich ab. Der frühere Manager des FC Schalke 04 und Hamburger SV ist seit fast zwölf Jahren Vorstandschef von Eintracht Frankfurt. Als Ex-Geschäftsführer der DFL ist er bestens vernetzt. Zum Saisonende hört er in Frankfurt auf und wäre zumindest als Übergangslösung frei. Aber: „Ich scheide doch nicht als Vorstandsvorsitzender von Eintracht Frankfurt aus, um ein neues Amt anzutreten. Nein, das ist nicht vorstellbar“, sagte Bruchhagen dem Online-Portal „sport1.de“.

Oliver Bierhoff: Der prominenteste Name. Seit über elf Jahren Teammanager der Nationalmannschaft und wichtigster Mitarbeiter von Weltmeister-Trainer Joachim Löw. Der Europameister von 1996 ist sehr gut vernetzt im Profibereich und bei Sponsoren. Und der 47-Jährige ist ein Medienprofi. Für die einflussreiche Amateurbasis ist er aber nur schwer vermittelbar. Zudem wiegelt er selbst (noch) ab.

Wolfgang Niersbach: Der Gedanke klingt im Lichte des Rücktritts absurd. Aber auszuschließen ist nichts. Sollte der Ex-Präsident bei allen Ermittlungen reingewaschen werden, ist ein Comeback nicht grundsätzlich auszuschließen. Mit seiner Demission hat er nicht an Kredit verspielt und von vielen Wegbegleitern sogar Respekt gewonnen. Bedingung wäre aber ein Freibrief durch die Staatsanwaltschaft.

Wieso will der DFB, dass Niersbach seine internationalen Ämter behält?

Die Posten in den Exekutivkomitees der internationalen Verbände sind nicht an ein DFB-Amt gebunden. Also könnte Niersbach bis 2017 bei der UEFA und bis 2019 bei der Fifa bleiben. Tritt er zurück oder wird er durch die Fifa-Ethikkommission gesperrt, würde nicht automatisch ein anderer DFB-Vertreter nachrücken. Die Gremienplätze würden beim nächsten UEFA-Kongress neu vergeben. Angesichts des WM-Skandals wäre ein deutschen Kandidat nicht unbedingt favorisiert. Der DFB würde Einfluss in den internationalen Gremien verlieren - gerade bei deren anstehender Neuordnung und vor der Vergabe der EM 2024 - die längst kein Selbstläufer mehr für den DFB ist.

Was hat die Kanzlei Freshfields herausgefunden?

Der Deutsche Fußball-Bund hat die Wirtschaftskanzlei Freshfields engagiert. Sie soll die Hintergründe der WM-Vergabe 2006 aufarbeiten. Theo Zwanziger hat bereits angekündigt, nicht mit den externen Ermittlern zusammenzuarbeiten. Der Grund: Diese seien alles andere als unabhängig, weil neben einer privaten Verbindung zu Niersbachs Büroleiter nun auch noch eine geschäftliche Beziehung zu dem lebenslang gesperrten Fifa-Funktionär Mohamed bin Hammam und zum Staat Katar enthüllt worden sei.

Beckenbauer hat bereits gegenüber den DFB-Ermittlern der Wirtschaftskanzlei Freshfields ausgesagt.

Wer ermittelt sonst noch in der WM-Affäre?

Auf sportlicher Ebene droht den Beteiligten Ärger von den Ethikhütern des Weltverbands. Die Untersuchungskammer verfolgt „die Entwicklungen in Deutschland aufmerksam“ und hält sich aus „ermittlungstaktischen Erwägungen“ bedeckt. Über mögliche Voruntersuchungen gibt das Gremium generell keine Wasserstandsmeldungen ab, die Ethikkommission darf sämtliche Unterlagen der externen DFB-Ermittler anfordern.

Wie geht es jetzt weiter?

Etwas überraschend wollen die neuen starken Männer im DFB ihre Aufgabenverteilung nicht unmittelbar in der Verbandszentrale besprechen, sondern hierfür die Nationalmannschaftsreise nach Paris von Donnerstag an nutzen. Rauball übernimmt für Niersbach die Delegationsleitung beim Auftritt des Weltmeisters beim EM-Gastgeber. Koch und Grindel sind in der französischen Hauptstadt ebenfalls vor Ort. Die Aufräumarbeiten in der DFB-Zentrale finden also zumindest in der zweiten Wochenhälfte ohne die neue Führungscrew statt.

 
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