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Bundesliga-Saisonstart : Der HSV und der riskante Hamburger Weg

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der HSV sucht den Ausweg aus der Dauerkrise - mit Hoffnungsträger Beiersdorfer, gepumptem Geld und einem immer noch teuren Kader.

shz.de von
erstellt am 21.Aug.2014 | 10:44 Uhr

Hamburg | Auf den ersten Blick läuft es nicht gut für Dietmar Beiersdorfer an diesem 9. Juli 2014. Der neue Vorstandschef des Fußball-Bundesligisten Hamburger SV sitzt auf dem Podium im Medienraum der Arena im Volkspark und gibt seine Antrittspressekonferenz. Beiersdorfer, der erfahrene Macher, ist nervös, er liest vom Blatt ab, er verhaspelt sich oft. Als er über sein Verhältnis zum HSV („Mein Baby“) spricht, schießen ihm Tränen in die Augen. Der 50-jährige Rückkehrer wirkt ganz und gar nicht wie der erhoffte Heilsbringer, an dem sich der angeschlagene Traditionsclub aufrichten kann. Zudem sagt er düstere Dinge: „Wir haben einen Teil unserer Wettbewerbsfähigkeit verloren, einige Vereine haben uns überholt.“ Oder: „Es geht nicht darum, ein, zwei neue Spieler zu holen. Es geht um viel mehr.“

Mit etwas zeitlichem Abstand ist längst klar: Es lief überhaupt nicht schlecht für Beiersdorfer an diesem 9. Juli. Im Gegenteil. Der HSV-Boss hat sogar ein Kunststück vollbracht: Er hatte nichts Positives zu verkünden, schaffte es aber, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Weil er demütig war und offen über den desaströsen Ist-Zustand Auskunft gab. Weil er authentisch war. Aber vor allem: Weil die Fans ihm (zu Recht) zutrauen, die Missstände, die die Hanseaten an den Abgrund geführt haben, nach und nach zu beheben.

Fakt ist: Bis zu Beiersdorfers Demission als Sportchef im Jahr 2009 war der HSV ein finanziell gesunder Dauergast im Europacup. In den fünf folgenden Jahren ist aus dem großen Club jedoch peu à peu ein Abstiegskandidat mit haarsträubender Außendarstellung und einem Schuldenberg in Höhe von 100 Millionen Euro geworden. Fehler bei der Besetzung von Schlüsselpositionen, schlechte Kaderplanung sowie interne Streitereien bestimmten das Bild in Beiersdorfers Abwesenheit – und mündeten in der Vorsaison in die schlimmste Krise der Vereinshistorie, die fast den ersten Abstieg zur Folge gehabt hätte. „Es ist hier fünf Jahre lang drunter und drüber gegangen. Das aufzuarbeiten, wird lange dauern“, sagte der neue Aufsichtsratschef Karl Gernandt.

Knapp eineinhalb Monate nach Beiersdorfers Amtsantritt sind naturgemäß längst nicht alle HSV-Probleme gelöst. Aber die Hoffnung ist zurück. Weil der Club unter dem neuen Boss weniger Negativschlagzeilen produziert und besonnener agiert. Und weil Beiersdorfers erste Entscheidungen gesessen haben. Die Neuzugänge Pierre-Michel Lasogga (8,5 Millionen Euro Ablöse/aus Berlin), Valon Behrami (3,5/aus Neapel), Nicolai Müller (4,5/aus Mainz) und Matthias Ostrzolek (2,75/aus Augsburg) haben die Qualität im Kader klar gesteigert. Darüber hinaus erhöht der brasilianische Innenverteidiger Cleber (3/aus Sao Paulo), der heute einen Vierjahresvertrag unterschreiben soll, den Konkurrenzkampf. Eine Platzierung im Tabellenmittelfeld ist realistisch – zumal Trainer Mirko Slomka das Fitnessproblem seines Teams mit einer knüppelharten Vorbereitung bekämpft hat.

Mit der Verpflichtung von Bernhard Peters, der den brachliegenden Nachwuchsbereich neu ordnen soll, gelang Beiersdorfer ein weiterer Coup. Und mit der geplanten Installierung von Peter Knäbel als Sportchef bahnt sich bereits der nächste clevere Schachzug an. Knäbel, Sportdirektor beim Schweizer Verband, gilt als kluger Kopf mit exzellentem Auge für Talente.

Kein Zweifel: Beiersdorfers Hamburger Weg hat verheißungsvoll begonnen. Womöglich ist er angesichts der gnadenlosen Konkurrenzsituation in der Liga sogar alternativlos – aber er ist auch riskant. Und zwar in finanzieller Hinsicht, denn: Eine Reduzierung des Spieleretats ist aufgrund der teuren Neuzugänge weiterhin nicht in Sicht. Aktuell kostet der Kader 45 Millionen Euro – das ist mehr als in der Vorsaison, das ist Europacup-Niveau. Und das Geld, mit dem die Neuen bezahlt wurden, gehört nicht dem Club, sondern Klaus-Michael Kühne. Insgesamt 25 Millionen Euro hat der Milliardär seinem Lieblingsverein gepumpt. Eine zeitnahe Rückzahlung erwartet Kühne zwar nicht. Doch die Bedingung ist, dass das Darlehen in Anteile an der neuen HSV AG umgewandelt wird. Dem Club droht somit der Verlust seiner Unabhängigkeit.

Beiersdorfer weiß derweil, dass Kühnes Geld kein Allheilmittel ist, sondern eher eine Anschubfinanzierung. Um die Dauerkrise jedoch zu beenden, muss der HSV konstant in jene Tabellenregionen vorrücken, in die er aufgrund seines Spieleretats gehört. Und: Der Club muss wieder schwarze Zahlen schreiben – was seit fünf Jahren nicht gelungen ist. Die sportliche und finanzielle Gesundung wiederum kann aber nur glücken, wenn der HSV-Boss viele weitere richtige Entscheidungen trifft. Bei Transfers. In der Nachwuchsförderung. Bei der Auswahl der Führungskräfte.

Ein Prozess, der viel Geduld erfordert. „Man muss nach dem Säen manchmal auf das satte Grün warten“, sagte Beiersdorfer. Die Frage wird sein, ob er genügend Verbündete findet, die das auch so sehen. Zweifel sind zumindest angebracht. Die lange Reihe der Ex-Stars um Uwe Seeler etwa ist weder für Geduld noch für Besonnenheit bekannt. Die Boulevardpresse erst recht nicht. Und auch Geldgeber Kühne torpediert permanent Beiersdorfers Plan, dem gebeutelten Club Ruhe zu verschaffen.

Ex-Sportchef Oliver Kreuzer bezeichnete Kühne als „Drittliga-Manager“, Coach Slomka stellte er ebenfalls bloß („Es muss ein Toptrainer her“). Und mit Blick auf die ersten Bundesliga-Spiele in Köln und gegen Paderborn erklärte der Unternehmer: „Das sollten vier bis sechs Punkte werden.“ Es ist dieser anmaßende, überhebliche und respektlose Ton, der rund um den HSV in den vergangenen Jahren viel zu oft zu hören war. Ein Ton, der niemandem gut steht, nicht einmal dem FC Bayern.

Beiersdorfer klingt zum Glück anders. Sein Credo lautet: „Ich bin kein Heilsbringer. Wir müssen Probleme gemeinsam lösen.“ Einige wurden schon beseitigt, viele weitere warten. Beiersdorfer hat sie erkannt und sich an die Arbeit gemacht. Mit Demut und Kompetenz, ohne eitles Getue oder lautes Geschrei.

Das ist noch kein Grund, Entwarnung zu geben. Aber das ist schon viel mehr Gutes, als dem HSV in den vergangenen Jahren widerfahren ist.

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