Der Fußball als Lebensretter

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20. Juli 2009, 09:05 Uhr

Für die Vereine in der britisch besetzten Zone war der Wiederbeginn nach dem 2. Weltkrieg ein schwieriger und dornenreicher Weg. Das Verhältnis zwischen der Militärregierung und dem am 23. September 1945 konstituierten Kieler Verband für Leibesübungen war gespannt. Den Briten war vor allem die Wiederbelebung des Spielbetriebes über die Stadtgrenzen hinaus ein Dorn im Auge. Sie fürchteten sich vor einer schwer zu kontrollierenden Eigenständigkeit der Fußballbewegung. Immerhin wurde Anfang 1946 der Spielbetrieb auf Bezirksebene, an dem auch die "Störche" um Franz Linken, Gustav Schmidt und "Strubbi" Knobloch teilnahmen, genehmigt. Doch ein ungewöhnlich harter Winter machte einen geregelten Ablauf unmöglich. Als es endlich weiterging eskalierte der Streit mit der Militärregierung. Was genau geschah, das konnten selbst die eifrigen Chronisten zum 100. Jubiläum der KSV Holstein nicht mehr exakt recherchieren. Am 1. Mai 1946 wurde ein Dekret erlassen, mit dem alle Sportorganisationen, die schon vor dem Krieg bestanden hatten, verboten wurden. Das Dekret wurde jedoch nicht konsequent umgesetzt. Schon im Sommer 1946 startete eine Bezirksmeisterschaft mit den Teams Eckernförder SV, Holstein Kiel, VfB Kiel, Comet Kiel, GH Neumünster, Eintracht Kiel, TSV Gaarden und Olympia Neumünster. Doch die Runde wurde nicht zu Ende gespielt, der Verband für Leibesübungen setzte die restlichen Spiele zugunsten einer ins Leben gerufenen Norddeutschen Meisterschaft kurzerhand aus. Die Interessengemeinschaft des norddeutschen Fußballs hatte beschlossen, neben dem VfB Lübeck auch Holstein und Kilia Kiel als Teilnehmer zu nominieren. Proteste aus Eckernförde führten zu einem Entscheidungsspiel zwischen den "Störchen" und dem ESV. Nach dem Spiel entbrannte der Streit mit der Militärregierung erst recht. Holstein siegte zwar vor 10 000 Zuschauern an der Waldwiese mit 4:2, doch die Briten untersagten plötzlich alle Punktspiele, lösten den Kieler Verband für Leibesübungen kurzerhand auf und sperrten den Holstein-Vorstand auf Lebenszeit. Mitten im Kreuzfeuer stand damals Egon Fleßner (geb. 16 Mai 1916 in Kiel), der vom 25. Oktober 1945 bis Ende Juli 1946 als 1. Vorsitzender den Neuanfang im "Storchennest" entscheidend geprägt hat. Patrick Nawe besuchte den heute 93-jährigen Fleßner in seiner Wahlheimat Kitzbühel, traf den ehemaligen Kieler Früchte-Großhändler bei bester Gesundheit an und erlebte einen hoch interessanten und streckenweise beeindruckenden Gesprächs-Nachmittag.

Herr Fleßner, auch über 50 Jahre nachdem Ihnen die Weiterführung Ihres Amtes bei den "Störchen" untersagt wurde, spielt Holstein noch immer eine große Rolle in Ihrem Leben…

Egon Fleßner: Schon seit meinem 6. Lebensjahr ist Holstein ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens. Damals habe ich zum ersten Mal als kleiner Knirps die Fußballstiefel für die "Störche" geschnürt. Und der Verein hat mich nie mehr losgelassen. Holstein war damals nicht nur sportlich, sondern auch gesellschaftlich eine echte Institution. Und Nationalspieler wie Werner Widmayer, "Seppl" Esser, "Adsch" Werner oder Oskar Ritter haben den Namen des Vereins auch auf der internationalen Bühne würdig vertreten.

Der Fußball hat Ihnen vielleicht sogar das Leben gerettet…

Mit 17 Jahren habe ich in Hamburg als Import- und Export-Kaufmann gelernt und dort später bei der Ostasien-Firma gearbeitet. 1938 wurde ich zum Arbeitsdienst bei der Armee eingezogen. Während eines Fußballspiels kurz vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges habe ich mir einen komplizierten Meniskusriss im Knie zugezogen und wurde nach einem langen Aufenthalt im Lazarett dienstunfähig entlassen. Rückblickend war das sicherlich so etwas wie eine Lebensversicherung, denn unzählige meiner Freunde und Kollegen kamen nicht mehr aus dem Krieg zurück.

Können Sie uns etwas über Ihre erfolgreiche berufliche Laufbahn erzählen?

Ich konnte mich in Kiel in der Fruchtbranche selbstständig machen. Ich hatte aufgrund der Tatsache, dass meine Eltern und mein Großvater bereits einen Großhandel besaßen, beste Verbindungen. Mein Unternehmen entwickelte sich trotz des Krieges sehr schnell zum mitführenden Versorgungsunternehmen in Kiel. Sogar vier Totalschäden durch Luftangriffe haben wir überstanden. An der heutigen Feuerwache stand damals die Nord-Ostsee-Halle, dort entstand der erste Großmarkt für Früchte und Gemüse. Bei Kundgebungen passten dort über 20 000 Menschen rein. 1943 wurde die durch einen Fliegerangriff völlig zerstört. 1966 habe ich mein Unternehmen dann komplett verkauft und begann meinen aktiven Ruhestand.

Nach dem Krieg lösten Sie Carl Friese als Vorsitzenden der KSV Holstein ab und leiteten den Wiederaufbau des Holsteinplatzes und der Vereinsstrukturen auf. Sicherlich eine bewegende Zeit, oder?

Ganz gewiss. Und wir hatten mit sehr vielen Problemen zu kämpfen. Bei der Militärregierung hatten wir einen schweren Stand und der Holsteinplatz war durch mehrere Bombentreffer völlig zerstört. Aber schon zwei Wochen nach Kriegsende begannen wir mit den Planungen für den Wiederaufbau. Alle haben mit angepackt und mit Trümmerschutt die Bombentrichter geschlossen. Viele Freiwillige kamen mit Schaufeln zu Hilfe. Kurz darauf wurde in einer Versammlung aller Kieler Vereine im Storchnest in der Gutenbergstraße der Aufbau des Sports in Kiel beschlossen. Ein weiterer Lichtblick nach den schweren Kriegsjahren.

Im Sommer 1946 mussten Sie Ihr Amt als Holstein-Vorsitzender auf Beschluss der Militärregierung niederlegen. Wie kam es dazu?

Das stand eng im Zusammenhang mit dem Entscheidungsspiel zur Norddeutschen Meisterschaft gegen den Eckernförder SV. Punktspiele waren zu dem Zeitpunkt untersagt und die Begegnung wurde quasi als Freundschaftsspiel ausgetragen. Nach unserem Sieg übte der enttäuschte Vorsitzende des Eckernförder SV Rache und legte bei der Militärregierung ein "Geheimdokument" vor, das angeblich beide Vereine vor dem Spiel unterschrieben hätten. Das Dokument sollte dem Spiel eine spätere Rechtsgültigkeit garantieren. Ich wusste überhaupt nichts von so einer Vereinbarung, wurde aber kurzerhand aus meinem Amt entlassen. Der Colonel kam mit seinem Jeep höchstpersönlich in meine Firma und konfrontierte mich mit dieser Farce. Darüber hinaus bekamen wir eine lange Liste mit Vorstandsmitgliedern, die ebenfalls wegen angeblicher Täuschung der Regierung disqualifiziert wurden - auf Lebenszeit.

Das Spiel gegen Eckernförde an sich war aber dennoch eines der Highlights Ihrer Funktionärslaufbahn.

Wir hatten alle Hebel in Bewegung gesetzt, um eine starke Mannschaft aufs Feld zu schicken. In einer Nacht und Nebelaktion bin ich mit Esser und Becker in die französische Zone gereist und habe Basler (Kaiserslautern) und Jennewein (Neckarsulm) zur Fahrt nach Kiel überreden können. Dann hörten wir, dass sich Fritz Walter in Flensburg aufhalten würde. Des Nachts sind wir als Kommando also wieder los, hatten allerdings nur die Adresse einer schäbigen Dachwohnung in den Händen. Eine junge Dame öffnete uns gegen Mitternacht die Tür, teilte uns aber mit, dass es sich um ein Missverständnis handeln würde. Der Mann hatte sich nur Fritz Walter genannt, um in Flensburg einen Verein zu finden. Aber auch ohne ihn konnten wir den ESV bezwingen. Doch dann kam für uns alle die große Ernüchterung.

Wie halten Sie heute Kontakt zu den Kieler "Störchen"?

Ich verfolge alles über das Stadionprogramm, die Vereinszeitung und über gute Freunde aus Kiel. Außerdem bekomme ich jedes Endergebnis dankenswerterweise auf mein Handy geschickt. Ich war sehr froh, dass ich die "Störche" während des Trainingslagers in meiner Heimat zweimal sehen durfte. Es ist sehr schön, dass Holstein den Aufstieg geschafft hat und wieder auf der großen Fußballbühne mitspielt. Dort gehört der Verein auch hin. Und ich kann die KSV jetzt wieder im Fernsehen verfolgen, das freut mich sehr.

Sie selbst sind auch heute noch sportlich sehr aktiv…

Montags bis Freitags gehe ich täglich zweieinhalb Stunden Schwimmen. Außerdem spiele ich sehr gerne Golf. In Kitzbühel habe ich den Ort mit der höchsten Lebensqualität für mich gefunden. Hier muss man einfach aktiv sein. Außerdem unternehme ich mit meiner Frau Gisela sehr viel.

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