Nach Albtraum im Finale : „Das Ende des deutschen Torwart-Mythos“ – Reaktionen auf Karius-Patzer

<p>Loris Karius schaut dem Ball hinterher, der zum 2:1 für Madrid im Tor einschlägt. </p>

Loris Karius schaut dem Ball hinterher, der zum 2:1 für Madrid im Tor einschlägt.

Zwischen Häme und Mitleid: Nach seinen folgenschweren Fehlern muss sich der Liverpooler Torwart so einiges anhören.

shz.de von
27. Mai 2018, 12:34 Uhr

Kiew | Die Tränen von Loris Karius waren nach der schlimmsten Nacht seines Fußballer-Lebens getrocknet, die Diskussionen um seine Zukunft beim FC Liverpool haben aber erst begonnen. „Er wird einen schweren Sommer haben“, prophezeite Reds-Legende Steven Gerrard dem deutschen Keeper nach dem persönlichen Desaster im Champions-League-Finale gegen Real Madrid. Der frühere Welttorhüter Oliver Kahn fügte als ZDF-Experte hinzu: „Das kann die Karriere eines Torhüters zerstören.“

Ein Torhüter, der im Olympiastadion von Kiew „in Einzelteile zerfiel“ wie das Lokalblatt „Liverpool Echo“ schrieb und den Königlichen um Weltmeister Toni Kroos und dem offenbar wechselwilligen Cristiano Ronaldo den historischen Sieg-Hattrick ermöglichte. Karius war nach seinen zwei krassen Blackouts nicht zu trösten. „Es tut mir leid für alle, für das Team, für den ganzen Club. Ich habe sie im Stich gelassen. Diese Tore haben uns den Titel gekostet“, räumte der Ex-Mainzer ein. 

Mit einem schlampigen Abwurf hatte Karius dem Franzosen Karim Benzema den Führungstreffer geradezu geschenkt, beim dritten Treffer ließ der 24-Jährige einen 35-Meter-Schuss von Gareth Bale durch die Finger flutschen. „Eine Schande, dass es in so einem Spiel passiert“, sagte Jürgen Klopp und fügte beim TV-Sender Sky hinzu: „Das wünscht man seinem schlimmsten Feind nicht.“

Mitleid und Häme im Netz

„In zehn Jahren wird keiner mehr darüber sprechen, wie wir verloren haben“, so Klopp. In den nächsten Tagen und Wochen schon, insbesondere über Karius. Die Torhüter-Diskussion war in Anfield nie verstummt und dürfte nun das große Sommer-Thema werden. Denn Karius hat seit seinem Wechsel 2016 nach einem holprigen Start einen schweren Stand. Nach Fehlern in der Anfangszeit hatte er schnell den Spitznamen „Flutschfinger“ weg, zwischenzeitlich verlor er seinen Stammplatz an den Belgier Simon Mignolet. Erst seit Jahresbeginn war er wieder die Nummer eins, danach stand in 32 Spielen insgesamt 16 Mal die Null. Doch daran denken nach Kiew nur die wenigsten Fans.

Bei Twitter musste der Torhüter einiges an Kritik einstecken.

 

Doch viele Nutzer hatten auch Mitleid mit dem glücklosen Fußballer und versuchten, den verpfuschten Abend in die richtigen Relationen zu setzen.

 

Auch vom SSC Neapel kamen aufmunternde Worte: „Kopf hoch, Loris Karius. Jeder hat mal ein schlechtes Spiel. Es umarmt dich, der SSC Neapel.“

 

Respekt für Nacho

„Es ist das Leben eines Torhüters. Man muss wieder aufstehen“, sagte Karius nach dem Spiel. Auf dem Rasen des Olympiastadions war er der einsamste Mensch. Seine Mitspieler waren kurz nach dem Abpfiff zu sehr mit ihrem Frust beschäftigt, um ihn zu trösten. Dass Karius direkt nach dem Spiel mit zu den Fans ging und sich unter Tränen entschuldigte, brachte ihm bei vielen Respekt ein.

 

Es waren die Spieler von Madrid, die als erstes bei ihm waren und noch vor ihrer merkwürdig routiniert wirkenden Siegerparty dem Pechvogel Beistand leisteten. „Man kann sich vorstellen, wie er sich fühlt, wenn man auf so einer Bühne zwei solche Fehler macht. Mitleid braucht er nicht, das will auch keiner“, meinte Weltmeister Toni Kroos und ergänzte: „Ich kenne ihn persönlich nicht. Ich gehe davon aus, dass er aus so einer Situation gut hervorgeht.“

 
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