Nach Tönnies-Kritik : Pfiffe für Goretzka - Unverständnis in München

Schalke-Boss Clemens Tönnies geht mit Leon Goretzka hart ins Gericht.
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Schalke-Boss Clemens Tönnies geht mit Leon Goretzka hart ins Gericht.

Trotz der Bekanntgabe seines Wechsels zum FC Bayern steht Goretzka am Sonntag gegen Hannover in der Startelf. Zwar gibt es Pfiffe der Fans, aber ein Spießrutenlauf bleibt aus. Clubchef Tönnies schließt dennoch einen vorzeitigen Transfer nicht kategorisch aus.

shz.de von
21. Januar 2018, 20:01 Uhr

Als Leon Goretzka nach knapp einer Stunde den Rasen verließ, waren die Pfiffe der Schalker Fans nicht zu überhören.

Mit einer durchwachsenenen Vorstellung im Spiel gegen Hannover 96 hat der hochveranlagte Nationalspieler den Gelsenkirchener Anhang nach seinem angekündigten Wechsel zum FC Bayern München im Sommer nicht besänftigen können. Erstmals seit Anfang Dezember stand der 22 Jahre alte Nationalspieler wieder in der Startelf, nachdem er wochenlang wegen einer Stressreaktion im Unterschenkel ausgefallen war. So war es ein besonderes Spiel für ihn, auch wenn er selbst mit großen Unmutsbekundungen der Schalker Anhänger gerechnet hatte.

Ein Spießrutenlauf blieb aber aus. Gleichwohl gab es Pfiffe, als Goretzkas Name bei der Verkündung der Mannschaftsaufstellung aufgerufen wurde. Und ein großes Plakat mit der Aufschrift: «Weder Kohle noch Titel sind mehr wert als unser Verein. Wer das nicht schätzt, kann sich sofort verpissen.» Allerdings wurde das Banner noch vor dem Anpfiff wieder eingerollt.

«Ich glaube, dass die Fans ein feines Gespür haben. Dass die Leute enttäuscht sind, ist selbstverständlich. Es steht aber nicht unter Strafe, zu den Bayern zu wechseln. Ich bin auch enttäuscht. Man muss ab und zu den Verstand einschalten», warb Sportvorstand Christian Heidel vor dem Anpfiff beim TV-Sender Sky für Verständnis. «Man muss runterkommen und realistisch sein. Ich vertraue dem Jungen, dass er alles für Schalke gibt.»

Clemens Tönnies hatte zuvor mit Verärgerung auf den anstehenden Wechsel zum deutschen Rekordmeister reagiert und die Stimmung damit angeheizt. «Meine erste Reaktion war, Du solltest das Trikot von Schalke nicht mehr tragen», sagte der Aufsichtsratvorsitzende am Sonntag bei Sky. Für den Fall, dass die Fans den Transfer des umworbenen Fußball-Profis mit Protesten begleiten und sich das «negativ auf die Mannschaft auswirkt», wollte Tönnies Konsequenzen nicht ausschließen: «Dann kann es sein, dass Leon Goretzka bis zum Saisonende auf der Tribüne sitzt», sagte Tönnies, überließ die Entscheidung aber dem Trainer.

Und Domenico Tedesco schickte den Ex-Bochumer gegen die Niedersachsen aufs Feld. «Wichtig ist immer der sportliche Erfolg. Die Leistung im Training zählt. Deshalb steht er verdient in der Startelf», erklärte der Coach.

Aus München kam indes Unverständnis über die harten Worte von Tönnies. Goretzka sei ein junger Spieler, «und da darf ich nicht so emotional reagieren. Ich denke, dass sich das alles beheben wird, weil Leon einen sehr guten Charakter hat», sagte Bayern-Coach Jupp Heynckes und Sportdirektor Hasan Salihamidzic fügte hinzu: «Man tut ihm Unrecht. Es ist völlig normal, dass er einen solchen Schritt macht. Ich bin mir sicher, dass er bis zum 30. Juni alles für Schalke geben wird.»

Die Schalker hatten auf einen längeren Verbleib gehofft. Die Zuversicht, den umworbenen Spielmacher halten zu können, sei noch im Frühsommer groß gewesen, sagte Tönnies. «Eigentlich gab es keinen Zweifel, dass der ausgehandelte Vertrag unterzeichnet wird. Auf der Jahreshauptversammlung wollten wir es bekanntgeben», sagte Tönnies.

Doch nach dem Sieg der deutschen Nationalmannschaft beim Confed-Cup habe Goretzka um Bedenkzeit gebeten. «Eigentlich ist es die normalste Sache der Welt, dass ein Profi den Verein wechselt. Doch zu Goretzka hatten wir eine besondere Beziehung. Wir wollten ihn zum Gesicht des FC Schalke machen», sagte Tönnies. Sogar einen Transfer schon in diesem Winter, mit dem der FC Schalke noch Erlöse erzielen könnte, wollte Tönnies nicht kategorisch ausschließen: «Wenn Karl-Heinz Rummenigge anruft, nehmen wir den Hörer ab.» Darüber sei aber nicht gesprochen worden, versicherte Heidel.

Die erste Verärgerung über die Entscheidung von Goretzka hat sich laut Tönnies mittlerweile gelegt: «Ich erkläre ihn nicht zu einem Feind. Wir wollen ihm nicht schaden, das liegt an ihm.» Der Aufsichtsratsvorsitzende hofft auf eine Trotzreaktion des Profis: «Der Idealfall ist, er spielt die Rückrunde seines Lebens, führt uns auf Rang zwei und ins Pokalfinale.» Das ist immerhin noch möglich.

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