Kolumne von Gerhard Delling : Deutscher Fußball im freien Fall...und es ist keine Besserung in Sicht

logo-s dellings arena 8-2015 r

International wird den Bundesligaclubs aufgezeigt, wie schlecht es wirklich um sie steht.

Avatar_shz von
17. März 2019, 08:28 Uhr

Die Bundesliga ist spannend wie lange nicht mehr – aber sie befindet sich in einem Reagenzglas, in dem nicht mehr als Mittelmäßigkeit herangezüchtet wird. Das hat einmal mehr diese Europapokal-Woche gezeigt. Das Bedenkliche ist nicht, dass der deutsche Fußball gerade auf internationalem Topniveau nicht konkurrenzfähig ist, sondern vielmehr die Tatsache, dass keine grundlegende Besserung in Sicht ist.

Ernüchternd das Achtelfinal-Aus von Bayern München in der Königsklasse (weitaus mehr als das von Borussia Dortmund) – erschreckend der deutsche Vizemeister – ja, das ist immer noch Schalke 04. Die Gelsenkirchener spielten schon letzte Saison nicht attraktiv. Aber selbst das minimalistische Fundament, von dem aus man neue Visionen hätte entwickeln können, ist auf trostlose (und teure) Weise zerstört worden.

Manager Heidel und Trainer Tedesco haben innerhalb kürzester Zeit eine Mannschaft, die zumindest den minderen Bundesligaansprüchen genügte, auf fast brutale Art und Weise zerstört. Vom Kernteam der letzten Saison ist nahezu nichts mehr übrig. Eigengewächs Max Meyer wurde vergrault, sein Kumpel Thilo Kehrer verkauft, weil angeblich die Ablösesumme so unwiderstehlich war. Goretzka ging einfach so, weil man ihn nicht langfristig binden konnte, Naldo, di Santo weg, andere wie Harit, Fährmann und Co. mehr oder weniger aussortiert – Schalke ist ein Steinbruch geworden, aus dem fast nichts mehr zu holen ist.

Der Vorarbeiter (Heidel) dieses konsequenten Abbaus hat die Arbeit niedergelegt, der nicht unkluge, aber extrem unerfahrene Schichtleiter Tedesco ist nun auch weg. Er hat hektisch versucht, mit dem Restpersonal den Raubbau zu kaschieren – durch weitere Abrissarbeiten. In dieser Saison hat der Trainer ständig die Spielsysteme durcheinander geworfen. Es ist die Summe von Mittelmäßigkeit und Fehlentscheidungen auf allen Ebenen, die zum aktuellen Misserfolg geführt hat.

Das gilt auch für den deutschen Rekordmeister

Ohne großartige Neuverpflichtungen ist der Verein angeblich ganz bewusst in diese Saison gegangen. Qualität ist ja eigentlich genug vorhanden, aber ein Star wie Ronaldo (oder auch ein Regal tiefer) hebt auch das Selbstverständnis aller anderen. Deswegen wäre wenigstens eine herausragende neue Persönlichkeit so wichtig gewesen. Aber wenn man schon auf die Dagebliebenen setzt, dann sollte man sie in keinem Fall klein machen.

Es ist nicht förderlich für die Leistung, wenn Vereinsverantwortliche und vor allem der Trainer den wenigen Stars immer wieder erklären, dass sie eigentlich zu alt sind. Noch dazu, wenn man sie so dringend braucht wie Robben, Ribery, Hummels oder auch Boateng.

Bayern-Coach Kovacs hätte seine Routiniers für sich gewinnen müssen, anstatt ihnen ihr Ende vorzuhalten. Dann hätte er auch deren Selbstbewusstsein für die Mannschaft nutzen können. Stattdessen trat der FCB schon in Liverpool nicht gerade erhebend auf Defensive bedacht auf und ließ auch im Rückspiel den zwingenden Druck komplett vermissen.

So sind die Bayern, Schalke und auch Dortmund längst wieder ins Bundesligareagenzglas abgerutscht, aus dem leider (bis auf Frankfurt momentan) nichts herauswächst. Immerhin brodelt es innen drin wegen der spannenden Frage, wer aus dieser Mittelmäßigkeit als Meister hervorgeht.

Der TV-Moderator Gerhard Delling beleuchtet für  shz.de das aktuelle Sportgeschehen

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen