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Untersuchung zur WM-Affäre : Bericht von Freshfields: Keine Beweise für Bestechung - Neue Fragen um Franz Beckenbauer

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Die Kernfrage um die WM 2006 bleibt ungeklärt. Auch die vom DFB beauftragten Ermittler können nicht beweisen, ob vor dem Zuschlag für das Sommermärchen bestochen wurde. Die Rolle von Franz Beckenbauer ist weiter dubios.

shz.de von
erstellt am 04.Mär.2016 | 15:19 Uhr

Frankfurt | Keine Beweise für Bestechung, neue Fragen um Franz Beckenbauer: Der mit Spannung erwartete Bericht der Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer zu möglicher Korruption im Vorfeld des deutschen Sommermärchen hat die wesentlichen Fragen nicht klären können. Wie der Deutsche Fußball-Bund (DFB) am Freitag bekanntgab, hätten die Wirtschaftsexperten keinen Beleg für einen Stimmenkauf für den Zuschlag für die WM 2006 nachweisen können. Bestechung sei aber auch nicht grundsätzlich auszuschließen, hieß es in dem am Freitag vorgestellten Freshfields-Bericht. Der Liveticker der Pressekonferenz zum Nachlesen.

Die WM-Affäre um Schmiergelder, die für die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland geflossen sein sollen, hatte nicht zuletzt der Figur Franz Beckenbauer immens zugesetzt. Bis jetzt hat er sich nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Neue Fragen werfen die Untersuchungen zur Rolle des damaligen Bewerbungs- und Organisationschefs Franz Beckenbauer auf. So sollen Anfang des Jahrtausends, also nach dem WM-Zuschlag für Deutschland, Millionenzahlungen über ein Konto Beckenbauers an das Schweizer Advokatbüro Gabriel & Müller geflossen sein. Bei den Juristen im Kanton Oberwalden gingen auch die zehn Millionen Schweizer Franken ein, die der Franzose Robert Louis-Dreyfus dem DFB geliehen hatte.

Freshfields: Internationale Großkanzlei mit langer Tradition

Sie wirkte am Gesetz zur Bankenrettung mit, erstellte Gutachten zur Beinahepleite der früheren Sachsen LB oder zur Schieflage der HSH Nordbank im Jahr 2009: Die Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer. Am Freitag stellten die Experten nun ihren Untersuchungsbericht in der Affäre um die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 vor.

Die Wurzeln der heute weltweit tätigen Kanzlei reichen weit zurück - bis ins Jahr 1743 in Großbritannien und bis 1840 in Deutschland. Freshfields Bruckhaus Deringer entstand im Jahr 2000 durch einen Zusammenschluss der deutschen beziehungsweise deutsch-österreichischen Kanzleien Deringer Tessin Herrmann & Sedemund und Bruckhaus Westrick Heller Löber mit der Londoner Kanzlei Freshfields.

Mehr als 2800 Anwälte beraten Regierungen, Unternehmen und Institutionen weltweit unter anderem bei Fusionen und Übernahmen, in Fragen des Wettbewerbs- und Kartellrechts oder bei internen Untersuchungen. Zuletzt berieten die Juristen beispielsweise Wincor Nixdorf bei dem Zusammenschluss mit dem US-Konkurrenten Diebold und den Computerkonzern Hewlett-Packard bei der Aufspaltung in zwei Unternehmen. Die Deutsche Bank unterstützen die Experten beim geplanten Verkauf der Beteiligung an der chinesischen Hua Xia Bank.

 

Von Gabriel & Müller soll der gleiche Betrag an das Konto einer Gesellschaft in Katar geflossen sein, deren einziger Gesellschafter der mittlerweile lebenslang gesperrte Ex-FIFA-Funktionär Mohamed bin Hammam war. Dieser bestreitet laut Freshfields aber, das Geld bekommen zu haben.

Bin Hammam steht unter Verdacht, die finanziellen Zuwendungen an asiatische WM-Wahlmänner des Fußball-Weltverbandes FIFA weitergereicht zu haben. Andere ebenso nicht bewiesene Vermutungen besagen, dass das Geld für den Präsidentschaftswahlkampf von FIFA-Boss Joseph Blatter im betreffenden Jahr 2002 verwendet worden sein könnte. Dies wird von den Beschuldigten bestritten.

Partiell entlastet wird Ex-DFB Präsident Wolfgang Niersbach, dem laut Freshfields keine Kenntnis der Vorgänge vor 2015 nachzuweisen sind. Insgesamt befragte die Kanzlei 31 Beteiligte. „Wir konnten nicht alle Personen sprechen, die wir sprechen wollten“, sagte Christian Duve von Freshfields. So habe sich etwa der frühere FIFA-Chef Joseph Blatter nicht geäußert. Auch seien nicht alle Akten verfügbar gewesen.

Die Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer stellte die Ergebnisse ihrer monatelangen Ermittlungen am Freitag zunächst dem 45-köpfigen Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes vor. Der DFB hatte durch den Skandal großen Schaden genommen, Niersbach trat im November zurück. Im Kern geht es um eine dubiose Zahlung von umgerechnet 6,7 Millionen Euro, die das WM-Organisationskomitee nach eigenen Angaben über den früheren Adidas-Chef Louis-Dreyfus an den Weltverband FIFA leistete.

Die WM-Affäre: Was wir wissen und was nicht

Was ist der Kern der Affäre?

Die ominösen 6,7 Millionen Euro stehen im Zentrum der gesamten Affäre. Es gibt kaum noch Zweifel daran, dass der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dieses Geld für die deutschen WM-Macher an die Finanzkommission des Weltverbands FIFA überwies - vermutlich im Jahr 2002. Franz Beckenbauer unterschrieb seinerzeit als Chef des Organisationskomitees (OK) einen Schuldschein, sein Manager Robert Schwan hatte den Kontakt zu Louis-Dreyfus hergestellt. Der Franzose forderte und bekam sein Geld 2005 über ein FIFA-Konto wieder zurück. Allerdings verschleierte das OK diese Zahlung und deklarierte sie als Beitrag zu einer WM-Gala, die am Ende nie stattfand.

Warum ist diese Zahlung so dubios?

Noch immer ist unklar, warum die Deutschen 6,7 Millionen an die FIFA zahlten. Und vor allem: Was danach mit dem Geld geschah. Die Darstellung von Beckenbauer, Wolfgang Niersbach und Co. ist: Das WM-OK brauchte von der FIFA einen Organisationszuschuss von 170 Millionen Euro, um die WM finanzieren zu können. Die 6,7 Millionen waren demnach eine Art Absicherung, eine Provision.

Selbst wenn das stimmen sollte, bleibt die große Frage: Was haben die FIFA-Finanzkommission und ihr damaliger Chef Mohamed bin Hammam mit den 6,7 Millionen gemacht? Der lebenslang gesperrte Funktionär aus Katar war seinerzeit noch ein Unterstützer des FIFA-Präsidenten Joseph Blatter. Eine These ist folglich, dass das deutsche Geld in den Blatter-Wahlkampf des Jahres 2002 floss. Eine weitere Theorie ist immer noch: Mit dem Geld wurden nachträglich Wahlmänner der FIFA bezahlt, die im Sommer 2000 über die Vergabe der WM abstimmten. Das würde bedeuten: Die Weltmeisterschaft 2006 war gekauft.

Welche Rolle spielt der frühere Fifa-Vize Jack Warner?

Am 9. November tauchte im DFB-Archiv ein Vertragsentwurf zwischen dem Deutschen Fußball-Bund und dem notorisch korrupten früheren FIFA-Vizepräsidenten Jack Warner auf - unterschrieben von Franz Beckenbauer. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach trat an diesem Tag zurück. Seine Interimsnachfolger Rainer Koch und Reinhard Rauball werten den auf einen Tag kurz vor der WM-Vergabe datierten Vertrag zumindest als Bestechungsversuch. Die Abmachung sollte Warner unter anderem 1000 WM-Tickets der teuersten Kategorie einbringen, die einen Weiterverkaufswert von mehreren hunderttausend Dollar hatten.

Welchen Zweck hatte der Vertrag?

Mit großer Wahrscheinlichkeit ist dieser Vertrag nie in Kraft getreten. Der Beckenbauer-Vertraute Fedor Radmann bezeichnete das Papier als „eine Art Beruhigungsvertrag“, mit dem der Funktionär aus Trinidad & Tobago davon abgehalten werden sollte, andere Wahlmänner negativ zu beeinflussen. Verschiedene Recherchen lassen aber auch noch andere Schlüsse zu. Sprang der langjährige Chef des Nordamerika-, Mittelamerika- und Karibik-Verbandes ein, weil den Deutschen eine Stimme aus Asien fehlte? Oder musste Warner später mit den 6,7 Millionen ruhiggestellt werden, weil der ursprüngliche Vertrag mit dem DFB nicht in Kraft trat? All das ist nicht geklärt.

Was ist bereits passiert?

Die WM-Affäre kostete bislang zwei ranghohen Funktionären den Job. Wolfgang Niersbach trat als DFB-Präsident zurück, nachdem er sich mehrfach bei der Frage widersprach, was genau er wann wusste. Sein Krisenmanagement missriet völlig. Ebenfalls gehen musste ein enger Niersbach-Vertrauter: Stefan Hans, der mittlerweile auf Wiedereinstellung beim DFB klagt. Gegen Niersbach und die früheren OK-Mitglieder Theo Zwanziger und Horst R. Schmidt wird zudem wegen des Verdachts der „Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall“ ermittelt. Sie haben jene Steuererklärung zu verantworten, in der die Rückzahlung der 6,7 Millionen Euro falsch deklariert wurde.

Was könnte noch passieren?

Niersbach sitzt immer noch in den Exekutivkomitees der FIFA und der UEFA. Er könnte auch diese Posten verlieren. Dazu drohen den Protagonisten der WM-Affäre auch Schadensersatzforderungen durch den DFB. Diese Möglichkeit hat sich der Verband absichern lassen. Sollte der DFB im Zuge der Steuerermittlungen seine Gemeinnützigkeit für 2006 verlieren, könnten sich eine Strafzahlung und Steuernachzahlungen inklusive Zinsen und Zinseszinsen am Ende zu einem Schaden von 25 Millionen Euro addieren.

Was ist auch noch wichtig?

Ein zentraler Punkt der Ermittlungen ist: Wer wusste wann wovon? In seiner denkwürdigen ersten Pressekonferenz zur WM-Affäre erklärte Wolfgang Niersbach, dass er diese Geschichte „erst seit kurzem kenne, auch immer noch nicht vollständig“. Die Aussagen anderer Funktionäre widersprechen dem jedoch eindeutig, danach wusste Niersbach bereits 2012, spätestens aber im Juni 2015 Bescheid - und hat bis zur Enthüllung des Skandals niemanden im DFB-Präsidium informiert.

„Es fing damit an, dass seit Juli 2012 zahlreiche Personen aus der DFB-Spitze nicht auf meine Hinweise, nicht auf die Hinweise aus der Fifa und zuletzt auch nicht auf die von Fedor Radmann im Juni 2015 ausreichend reagiert haben“, sagte der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger der „Bild“. „Die Aufklärung ist damit unterblieben und das Einschreiten der Staatsanwaltschaft wurde geradezu provoziert.“

 
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