Die Fussball-Kolumne : Aufstiegs-Plan, Stroh-Halm, Allein-Gang

In seiner Kolumne schreibt Jürgen Muhl über die Entwicklungen in der Sportwelt.

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09. Mai 2021, 16:56 Uhr

Kiel | Mit dem grandiosen 4:0 Erfolg über den FC St. Pauli hat Holstein Kiel Zeichen gesetzt. Aufstieg. Rein in die Beletage des deutschen Fußballs. Mit einem Sieg am Montag (18 Uhr) gegen das zuletzt desaströs auftretende Hannover 96 wäre Holstein an Greuther Fürth vorbei und stünde auf Platz zwei. Dabei handelt es sich um eine direkte Aufstiegs-Platzierung. Dazu hat Holstein gegenüber Greuther Fürth auch weiterhin ein Spiel weniger ausgetragen.

Noch nie seit Gründung der Bundesliga im Jahr 1963 ist Schleswig-Holstein im Fußball-Oberhaus gewesen. Damals, bei der Liga-Gründung, hatten die Funktionäre das nördlichste Bundesland nicht auf der Rechnung. Über Holstein wurde gar nicht diskutiert. Vereine wie Preußen Münster oder der 1. FC Saarbrücken dagegen erhielten den Zuschlag. Zwei Jahre später scheiterten die Kieler in der Aufstiegsrunde an Borussia Mönchengladbach. Netzer, Heynckes, Laumen und Co. stiegen auf, obwohl Holstein das Rückspiel in Kiel gegen Gladbach mit 4:2 gewonnen hatte. Günter Netzer erinnert sich: “Wären wir damals nicht aufgestiegen, hätte es den Mythos Mönchengladbach gar nicht gegeben.“

Ob es einen Mythos Holstein geben wird, sollten die Störche es schaffen, steht in den Sternen. Fest steht, dass Kiel beste Chancen hat, in den restlichen vier Spielen alles klar zu machen. Holsteins Aufstiegs-Plan steht, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Schulden sollen nicht gemacht werden. Im Gegenteil: In Liga eins ist Geld zu verdienen, wenn man auf dem Boden bleibt. Bodenständigkeit – das liegt Holstein.

HSV greift nach dem letzten Strohhalm

Ganz so rosig sieht es beim HSV nicht aus. Die Hamburger greifen nach dem letzten Strohhalm. Es muss nicht einmal reichen, wenn die letzten drei Spiele unter Horst Hrubesch gewonnen werden. Wobei die Konstellation eines direkten Aufstiegs von Holstein und der Möglichkeit für den HSV, es noch über den Umweg der Relegation zu schaffen, sympathische Züge trägt. Das mag sehr optimistisch sein – so optimistisch, wie der HSV seit einem Jahrzehnt stets in die Saison startet und letztlich sein Vorhaben nicht umsetzen kann. Irgendwann muss es ja besser werden. Dieses Jahr, nächstes Jahr oder wann auch immer. Irgendwann.

Langeweile im Bundesliga-Titelkampf

Die Bayern sind Meister. Zum 9. Mal in Folge, insgesamt zum 31. Mal. Das ist eine imponierende Leistung, die Respekt abverlangt. Auch wenn der Titelgewinn in dieser zweiten Geistersaison einen anonymen Weg genommen hat. Das Fußballvolk wurde ausgeschlossen, was den FC Bayern nur wenig gestört hat. Die Bayern sind den anderen Bundesliga-Teams um Längen überlegen. Der traditionsreiche BVB, die neureichen Leipziger, die Pillendreher aus Leverkusen oder die Autoverkäufer aus Wolfsburg und Stuttgart – sie alle sind vom Standard des FC Bayern meilenweit entfernt. Das wird sich wohl auch nicht so schnell ändern. Und eben daran krankt der deutsche Profi-Fußball. In den nächsten Jahren wird sich die Langeweile wohl fortsetzen – die Bayern ganz vorn und dann kommt erst einmal gar nichts. Ein bedauerlicher Zustand im deutschen Spitzen-Fußball. Wofür die Bayern nicht verantwortlich sind.

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