Fussball Spontane Aufstiegsfeier auf der Terrasse

Von Jörn Saemann | 24.06.2013, 08:05 Uhr

Die Amateurfußballer befinden sich in der wohlverdienten Sommerpause und tanken Kraft, bevor demnächst die Schweiß treibende Saisonvorbereitung für die neue Spielzeit beginnt.

Daran muss Stephan Jannsen keinen Gedanken mehr verschwenden. Die Karriere des am 23. November 1962 in Husum geborenen Nordfriesen ist schon Jahre beendet. Sie begann in der Saison 1968/69 in frühster Kindheit beim TSV Rot-Weiß Niebüll. "Ich habe dort meine komplette Jugendzeit verbracht, da wir in Niebüll gewohnt haben", erzählt der mittlerweile 50-Jährige, der das Fußballspielen mit in die Wiege gelegt bekommen hatte. Denn Vater "Haschi" Jannsen war selbst eine Fußballgröße in Schleswig-Holstein. "Fußball war immer mein Leben", sagt Jannsen denn auch.

Nachdem er alle Jugendmannschaften bei Rot-Weiß durchlaufen hatte, wechselte Jannsen zur Saison 1981/82 zum damals großen TSV Westerland. "Mein Vater hatte selbst dort gespielt, mit Egon Harms war dort auch ein bekannter Trainer. Und den Vorsitz im Verein hatte der legendäre Dr. Erwin "Pütten" Kraatz", erinnert sich Jannsen. Für den 18-Jährigen war es eine spannende Zeit, er musste mit dem Zug zum Training fahren, brachte Beruf (Ausbildung zum Bankkaufmann) und Fußball aber stets unter einen Hut. "Aber ich wollte es ja so", sagt Jannsen. Damals spielte der TSV noch auf einem Ascheplatz und zog erst später ins Sylt-Stadion um.

1985 folgte Jannsen dem Lockruf des Heider SV. "Heide war damals von der Tradition noch weiter als der TSV Westerland und eine absolute Topadresse in Schleswig-Holstein." Allerdings forderte das Engagement beim "kleinen HSV" noch mehr Aufwand als die vier Jahre auf Deutschland beliebtester Ferieninsel. "Ich habe damals in Husum gewohnt und in Niebüll gearbeitet. Trotzdem ist die Zeit beim Heider SV im Rückblick für mich die wertvollste Zeit im Fußball gewesen", blickt Jannsen gerne auf die erfolgreichste Zeit in der damals höchsten Landesspielklasse, der Verbandsliga, zurück.

In Dithmarschen erlebte er auch eine Aufstiegsrunde zur Amateuroberliga Nord. "Als Vizemeister hatten wir uns qualifiziert und als Gegner Göttingen 05, die Amateure des Hamburger SV und den Bremer SV." Besondere Highlights waren die Partie bei Göttingen 05 vor knapp 4000 Zuschauern und das Spiel gegen den HSV. "Dort spielte Frank Schmöller im Sturm", so Jannsen zum Duell mit dem späteren Profi des Bundesliga-Dinos. Zum Aufstieg reichte es für den "kleinen HSV" aber nicht.

In dieser Zeit stellte sich für den damaligen "Mittzwanziger" auch die Frage, ob es im Fußball noch höher hätte hinausgehen können. "Während meiner Lehre, vor der Saison 1983-84, hatte Holstein Kiel einmal angefragt, ob ich in der Oberliga Nord spielen wollte." Doch der damals 21-jährige entschied für den Verbleib beim TSV Westerland. Während des Engagements beim Heider SV gab es ebenfalls Gerüchte. "Ich habe gehört, dass ich bei Borussia Dortmund im Talentbuch gestanden haben soll. Aber sie haben damals Norbert Dickel genommen", meint Jannsen, der ein pfeilschneller Stürmer war, mit einem Schmunzeln.

Nach der "tollen Zeit in Dithmarschen" ging es wieder zurück ins heimische Nordfriesland zu einem in den 80ern ebenfalls sehr erfolgreichen Club: FC Blau-Weiß Friedrichstadt. "Damals war Friedrichstadt im Großen Garten eine echte Hausnummer. Dort hatte der Vorsitzende Dr. Herbert Krohn die Fäden in der Hand. Trainer war damals Egon Harms." So schloss sich 1987 für Jannsen mit dem Wegbegleiter seines Vaters zunächst der Kreis. Auf Harms folgte der Trainer Peter Siegel. "Unter ihm wurde ich zum rechten Verteidiger umgeschult. Aber mit Erfolg, gegen mich hat kein Stürmer ein Tor geschossen", ist der ehemalige Angreifer im Rückblick stolz, dass er die Denkweise der Offensive kannte und so seinen Gegenspielern immer den berühmten Schritt voraus war.

1989 beendete Jannsen das Kapitel im Großen Garten und heuerte für ein Jahr beim ETSV Weiche Flensburg an. "Ich wechselte damals aus beruflichen Gründen." Doch nur ein Jahr später lotste Holger Sohrweide den 28-Jährigen zum Lokalrivalen TSB Flensburg. Jannsen war inzwischen nicht nur beruflich in der Fördestadt sesshaft geworden, sondern auch privat. 1989 hatte er seine langjährigen Freundin Anja geheiratet, und 1991 wurde Tochter Johanna geboren. Trotz der sich ändernden Prioritäten blieb Jannsen der sportliche Erfolg auch auf dem "Eckener" treu. "1993 gelang uns mit dem TSB tatsächlich der Aufstieg in die Oberliga", berichtet Jannsen. Der größte Verein Flensburgs hatte sich erst im Nachsitzen für die Staffel Hamburg/Schleswig-Holstein qualifiziert. "Wir hatten zwei vorsorgliche Aufstiegsspiele gegen Eintracht Segeberg. Nach einem 3:3 zu Hause gewannen wir in Bad Segeberg nach Verlängerung. Aber zunächst dachten wir nicht, dass es reicht. Denn wir waren vom Aufstieg des VfB Lübeck in die Regionalliga abhängig." Jannsen war mit seiner Familie gerade erst ins eigene Haus nach n Handewitt gezogen. Einige Mitspieler und er hörten nur nebenbei Radio. Doch der VfB Lübeck gewann auswärts tatsächlich in letzter Sekunde und stieg auf. Und somit auch der TSB. "Es war noch keine Handyzeit, aber wir haben damals eine Telefonkette gestartet, und im Verlaufe des Abends waren fast alle Spieler bei uns auf der Terrasse und haben den Aufstieg gefeiert." Eine besondere Hauseinweihung.

Beim TSB spielte Jannsen als Kapitän bis 1995, ehe er in der Ligamannschaft seine Karriere beendete. "Danach spielte er noch zwei Jahre in der zweiten Mannschaft. 1997 war dann endgültig Schluss und nur noch das Kicken in der TSB-Altliga Bestandteil des Fußballerlebens von Stephan Jannsen. "Ich hätte noch Lust auf eine Traditionsmannschaft, die beispielsweise 2x20 Minuten vor großen Partien ein Vorspiel bestreitet. Aber es fehlt irgendwie die treibende Kraft", erzählt Jannsen, für den ein Treffen mit ehemaligen Wegbegleitern noch immer etwas Besonderes ist.

Aus der früheren Zeit ist Jannsen eine Reise in besonderer Erinnerung geblieben. "Es war am 25. Juni 1982 eine meiner ersten Reisen mit Anja. Der VfB Nordmark Flensburg hatte sie nicht allein für Mitglieder, sondern auch für andere Interessierte veranstaltet. Es ging nach Sizilien", so Jannsen. Die Italiener hatten mitbekommen, dass eine deutsche Mannschaft dort in Urlaub zu Gast war und vereinbarten kurzerhand ein Freundschaftsspiel. Es wurden sogar die Nationalhymnen gespielt. Pikanterweise fiel der Aufenthalt in die Zeit des WM-Endspiels, dass Deutschland mit 1:3 gegen Italien verlor. Es war ein "tolles Erlebnis". Stolz ist der ehemalige Linksaußen auf seine zahlreichen Einsätze Spiele in der höchsten Schleswig-Holsteinischen Landesklasse. "Ich habe über 300 Partien ohne Unterbrechung bestritten", blickt Jannsen, der während seiner Karriere vom Verletzungspech verschont blieb.

Er ließ sich auch nicht von einer Zugverspätung aufhalten. 1981 wurde sogar noch an Silvester gespielt. Jannsen befand sich noch bei der Sparkasse Nordfriesland in der Ausbildung und flehte seine Chefin an, früher gehen zu dürfen. "Irgendwann hat sie dann nachgegeben." Der Zug nach Westerland hatte allerdings Verspätung. Jannsen wurde mit dem Mannschaftsbus abgeholt und musste sich dort auch umziehen. Die Partie lief schon, Jannsen wurde nach zehn Minuten Spielzeit eingewechselt. "Und dann habe ich die 1:0-Führung geschossen", erinnert sich Jannsen an ein wichtiges Tor vor 30 Jahren.

Jannsen ist froh, so eine tolle und lange Fußballzeit erlebt zu haben. "Alles hat seine Zeit. Das merkt man heute", sagt er. "Fußball ist nicht mehr so wichtig. Die jungen Leute gehen heute lieber zu Konzerten oder zu Atze Schröder. Sie können 24 Stunden lang Fußball auf Sky sehen, ohne selbst ins Stadion zu gehen oder selbst zu spielen."