Fussball Mit Masts Hirschkopf beginnt eine neue Ära

Von Hardy Grüne | 18.03.2013, 08:05 Uhr

Eintracht Braunschweig war 1973 Vorreiter in Sachen Trikotwerbung.

Für den DFB war es ein langer und schwieriger Weg, ehe die Brust der Niedersachsen freigegeben wurde. Von dem Theater um das Ja oder Nein profitierte vor allem Jägermeister.

Frühjahr 1973. Die Bundesliga, das liebste Kind der Deutschen, steckt in der Krise. Der Skandal um geschobene Spiele hat die Fans verprellt. In Massen bleiben die Zuschauer aus, sind die Stadien plötzlich leer, tun sich überall große Löcher in den Kassen der Klubs auf. Neue Ideen müssen her, um die finanziellen Einbußen wett zu machen.

Ausgerechnet in der niedersächsischen Provinz wächst dabei etwas Revolutionäres heran. Bei der Braunschweiger Eintracht, nach der Deutschen Meisterschaft von 1967 auf einem schier endlosen Abwärtstrend und mit seiner Mannschaft um Nationalspieler Lothar Ulsass selbst tief im Bundesligaskandal steckend, hat sich der Wolfenbütteler Likörfabrikant Günter Mast zu Wort gemeldet. "Ich bin kein Mäzen, kein Freund des Sports. Ich will Geschäfte machen", sagte er frei heraus. Und kündigt an, viel Geld bezahlen zu wollen, wenn sein Firmenlogo fortan auf dem Trikot des niedersächsischen Bundesligisten zu sehen sein würde. Doch das ging nicht, denn die DFB-Statuten erlaubten keine Werbung auf dem Jersey.

Das hatten zuvor schon Vereine wie VfB Stuttgart und 1. FC Köln erfahren. In Braunschweig dachte man also über ungewöhnliche Wege nach. Was, so lautete die Überlegung, würde denn dagegen sprechen, den seit 1895 mit Stolz getragenen traditionsreichen Löwen aus dem Eintracht-Wappen zu nehmen und statt dessen einen Hirschkopf einzusetzen, der Günther Masts "Jägermeister"-Logo gleicht?

Kurzerhand wurde eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen, und auf der verabschiedeten die zuvor mit düsteren Untergangsszenarien und flammenden Appellen gebrieften Eintracht-Mitglieder am 8. Januar 1973 tatsächlich ein neues Vereinswappen, das dem Jägermeister-Logo zum verwechseln ähnlich sah. Nach der entsprechenden Änderung im Vereinsregister war der Hirsch auch rechtlich das neue Wappentier, teilte Eintracht-Schatzmeister Hans-Otto Schröder dem DFB mit, man wolle das neues Logo fortan groß auf seinem Trikot zeigen. "Am nächsten Samstag gegen Kickers Offenbach feiern wir Hirsch-Premiere", jubelte Schröder und warf schon mal einen Blick in die Zukunft, in der man sich "Jägermeister Braunschweig" nennen würde: "Damit stehen wir auf einer Stufe mit Klubs wie Opel Rüsselsheim, Bayer Leverkusen, Gummi-Mayer Landau, Bayer Uerdingen, Röchling Völklingen."

Beim DFB fiel man aus allen Wolken und durchkämmte verzweifelt das Bundesligastatut, um das Unvermeidliche abzuwenden. Vergeblich. Also begrenzte man sich in Frankfurt auf Schadensbegrenzung. Statt des geplanten Durchmessers von 18 Zentimeter dürfte das neue Logo höchstens 14 Zentimeter Umfang betragen, und außerdem müsse der Vereinsname noch im Emblem untergebracht werden. Günter Mast, der sich längst heimlich ins Fäustchen lachte, weil er mit seinem frechen Pilotprojekt beinahe täglich in den Medien auftauchte, ohne auch nur einen Pfennig dafür zahlen zu müssen, stimmte ergebens zu, woraufhin die Buchstaben "E" und "B" für "Eintracht Braunschweig" in das Hirschwappen eingearbeitet wurden. Die Premiere war nun für das Braunschweiger Heimspiel gegen Rot-Weiß Oberhausen am 10. Februar 1973 vorgesehen. "Ganz davon abgesehen, dass die Firma Jägermeister werbemäßig schon jetzt bereits voll auf ihre Kosten gekommen ist, weil ständig über die Braunschweiger Hirsche gesprochen wird: Ich bin der Meinung, dass man schon in ein paar Monaten den Hirsch auf unseren Trikots genauso selbstverständlich hinnehmen wird, wie man es bisher mit unserem Löwen getan hat", frohlockte Schatzmeister Schröder. Doch daraus wurde nichts, denn Schiedsrichter Wengenmeyer hatte eine klare Anweisung vom DFB erhalten, bei nicht ordnungsgemäßer Spielkleidung die Partie gar nicht erst anzupfeifen. Und weil das allen zu unsicher war, blieben die Hirsche zunächst noch einmal in den Schränken, lief die Eintracht im unschuldigen Gelb auf.

Auf den DFB kam derweil eine Revolution zu, denn längst war das Thema auch bei anderen Klubs angekommen. Der VfB Stuttgart verhandelte mit einer Textilfirma, der 1. FC Köln mit einer Brauerei, Schalke 04 mit "Underberg", und Arminia Bielefeld plante sogar gleich die Umbenennung in "1. FC Oetker Bielefeld".

Wochenlang zog sich der Streit zwischen Eintracht Braunschweig und DFB noch hin, ehe endgültig grundsätzlich Grünes Licht für die Wappenänderung aus Frankfurt kam. Der Sache mit der gleichfalls anvisierten Namensänderung indes wurde ein Riegel vorgeschoben - obwohl der DFB bei Regionalligisten wie Gummi-Mayer Landau und Chio Waldhof zuvor beide Augen zugedrückt hatte.

Das erste Mal mit dem Hirschen auf der Brust lief die Eintracht dann am 24. März beim 1:1 gegen Schalke 04 auf - und damit ausgerechnet gegen Deutschlands damalige Skandalnudel Nummer ein. Mast war so glücklich über seine Dauerwerbung, dass er die eigentlich für fünf Jahre ausgelobten 500 000 DM gleich in einem Rutsch auszahlte. Die Eintracht konnte das Geld gut gebrauchen - sie musste am Saisonende nämlich aus der Bundesliga absteigen.