Als vor Hildesheim noch der HSV zitterte

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11. März 2013, 08:05 Uhr

Ende der 1950er Jahre stand der Hildesheimer Fußball noch in voller Blüte. Selbst von der Bundesliga träumte man seinerzeit in der Bischofsstadt. Es ist wenig geblieben aus jenen Erfolgstragen, in denen der VfV Hildesheim auch im hohen Norden einen guten Ruf genoss.

Hildesheim ist für einiges bekannt: seinen Dom, das Knochenhaueramtshaus und auch das Roemer- und Pelizaerus-Museum, in dem vor einigen Jahren ein herausragende Ausstellung zur Fußballgeschichte gezeigt wurde. Für Leistung- und Spitzensport hingegen ist Hildesheim nicht wirklich berühmt. Kürzlich endete das Erstligaabenteuer des Handballklubs Eintracht Hildesheim mit einem sportlichen Offenbarungseid, und der lokal führende Fußballklub VfV Borussia Hildesheim freut sich bei seinen Auftritten in der fünftklassigen Oberliga Niedersachsen schon, wenn mal mehr als 250 Neugierige die Ränge säumen.

Früher war eben alles besser. Auch im Hildesheimer Fußball. Da war der VfV Schrecken im Norden, fürchtete sich selbst Uwe Seeler mit seinem großen HSV vor den Auftritten im Friedrich-Ebert-Stadion auf der Hildesheimer Johanniswiese. Im November 1961 bezog der ewige Nordmeister dort vor 26.000 exstatischen Hildesheimer Fußballanhängern eine historische 0:3-Niederlage, die bis heute als der größte Moment in die lokalen Fußballannalen gebrannt ist.

Der VfV Hildesheim war ein ungewöhnlicher Klub. Ein Sammelsurium aus einem Dutzend von Vereinen, die mitunter bis ins Jahr 1895 zurückreichten und teilweise schon während des Zweiten Weltkriegs zusammengeflossen waren. Nach dem Krieg lenkten ehemalige Arbeitersportler den Wiederaufbau des Sports in Hildesheim und sorgten dafür, dass statt der bürgerlichen Traditionsklubs ein neuer Großverein entstand, in dem weder konfessionelle noch soziale Hintergründe eine Rolle spielen sollte. Passenderweise nannte man das Gebilde "Verein für Volkssport" - VfV. Doch während in benachbarten Städten wie Hannover die "Volkssport"-Ära rasch wieder endete und die bürgerlichen Traditionsvereine neu entstanden, blieb es in Hildesheim beim VfV. Das entsprach der lokalen Sporttradition, denn das 1930 eröffnete Friedrich-Ebert-Stadion war von Arbeitersportvereinen errichtet worden, ehe die Nazis es 1933 einkassiert hatten.

Im Fußball wurden die VfV-Kicker im Verlauf der 1950er Jahre tatsächlich zu Hildesheims "Volkssportlern". Das lag nicht zuletzt an einer gewissen Tragik. Denn obwohl die Rot-Weißen ab 1953 im Jahrestakt auf den Sprung in die Oberliga Nord hofften, gelang erst 1958 die ersehnte Versetzung ins damalige norddeutsche Oberhaus. Vater des Erfolges war Trainer Ernst Naab, der ein Team zusammengestellt hatte, aus dem mit Leo Zimmermann Hildesheims bis heute berühmtester Fußballer herausragte. Wobei "herausragen" bei einem derart bescheidenden und unauffälligen Mann wie Zimmermann eigentlich nicht die richtige Umschreibung ist. Unter Naab-Nachfolger Paul Bornefeld wurde dann in Hildesheim eine regelrechte Fußball-Revolution ausgelöst. Bornefeld, aufgrund seiner Vorliebe für flotte Autos gerne auch "Porsche-Paul" genannt, setzte mit seinem Team vor allem auf Kampfkraft und Leidenschaft. Und damit bewährte sich der VfV auch in der Oberliga Nord, wo man erstmals auf namhafte Gegner wie den Hamburger SV, Holstein Kiel und Werder Bremen sowie die Regionalgrößen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig traf.

Als Bornefeld 1958 einem Herzinfarkt erlag, übernahm Ex-Nationalspieler "Pipin" Lachner die Trainingsleitung und führte die Hildesheimer Volkssportler in nie zuvor erlebte Sphären. 1950/60 wurde "Tante Hilde", wie die Presse den Klub gerne nannte, sogar Siebter in der Oberliga Nord und verdrängte damit selbst einen alteingesessenen Konkurrenten wie Eintracht Braunschweig. Gefeiert wurde vor allem der neue Goalgetter Dieter Thun, dem gleich 17 Saisontore gelungen waren. 1961/62 grassierten in Hildesheim dann sogar Bundesligaträume. Die Mannschaft um den schier unverwüstlichen Leo Zimmermann spielte so effektiv wie nie zuvor, fegte im erwähnten epischen Duell im November 1961 selbst den Hamburger SV mit 3:0 vom Platz und lieferte sich mit Werder Bremen ein packendes Rennen um die Vizemeisterschaft, das die Bremer schließlich glücklich für sich entschieden.

Damit war der Zenit für "Tante Hilde" überschritten. Statt in der Bundesliga musste der VfV 1963/64 in der Regionalliga Nord an den Start gehen, aus der man 1967 ziemlich sang- und klanglos abstieg. Für Jahrzehnte verschwand "Tante Hilde" anschließend auf Bezirks- oder Landesebene, sorgte 1977 durch einen 3:0-Pokalsieg gegen Zweitbundesligist Alemannia Aachen noch einmal kurzzeitig für Schlagzeilen, ehe 2002 endlich der seit langem ersehnte Aufstieg in die Oberliga Niedersachsen-Bremen glückte.

Seitdem ist Hildesheim zumindest in Niedersachsen wieder unter den führenden Klubs zu finden - seit 2003 im Übrigen gemeinsam mit dem langjährigen Stadtrivalen Borussia 06, mit dem man seitdem den VfV Borussia bildet. Ambitionen auf höhere Spielklassen hat man angesichts von Zuschauerzahlen im gemäßigten Zweihundertbereich freilich nicht.

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