Als die Massen noch zum "Flugplatz" liefen

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20. September 2010, 09:05 Uhr

Vor 90 Jahren wurde der Phönix-Sportplatz an der Travemünder Allee eröffnet. Ein ambitioniertes Gelände, auf dem viele Kapitel Lübecker Fußballgeschichte geschrieben wurden.

Der Erste Weltkrieg war kaum zwei Jahre vorüber, als an der Travemünder Allee ein Sportplatz eingeweiht wurde, der in der Hansestadt und Umgebung seines Gleichen suchte. Bauherr war der Lübecker BV, Nachfolger des Lübecker Sport-Clubs, der den Ersten Weltkrieg nicht überstanden hatte, und der sich 1924 mit dem SV Phönix zum LBV Phönix vereinen sollte.

Dass der 750 Mitglieder starke LBV weit mehr als nur ein Fußballclub war, zeigte sich schon beim ersten Spiel auf der neuerrichteten Anlage. Am 19. September 1920 standen sich nämlich einige Hockeyspieler gegenüber, die diesen Sport gleichzeitig in Lübeck einführten. Und auch die Leichtathleten bezogen gerne das neue Terrain, auf dem ihnen eine seinerzeit sehr seltene 200 Meter Aschenbahn zur Verfügung stand.

Berühmt wurde das Stadion an der Travemünder Allee jedoch durch die LBV- bzw. Phönix-Fußballer. Die feierten 1922 die Ostkreismeisterschaft und begrüßten darob den Hamburger SV zum Endrundenspiel um die Norddeutsche Meisterschaft. Mehr als 4.000 Zuschauer fanden den Weg an die Travemünder Allee und sahen einen 3:0-Sieg der Hamburger.

Das große Sportareal erwies sich als Glücksfall für den aufstrebenden LBV Phönix. Entstanden auf dem Gelände des ersten Lübecker Flugfeldes (1912 als "Flugplatz Karlshof" eröffnet) an der Travemünder Allee - und deshalb vom Volksmund "Flugplatz" genannt - wurde es zur Erfolgsbasis des in besseren Kreisen angesiedelten Phönix. Dabei war Schmalhans Küchenmeister bei der Planung gewesen, denn der verantwortliche Gartenarchitekt Harry Maass hatte auf viele Dinge verzichten müssen, da kein Geld zur Verfügung stand. Erst später konnten ein Umkleidehaus, sanitäre Anlagen sowie eine überdachte Tribüne entstehen.

Seinen Zenit erreichte der Sportplatz an der Travemünder Allee nach dem Zweiten Weltkrieg. Gemeinsam mit dem VfB rang der Phönix um die Rolle der Nummer eins in Lübeck und versuchte, das Publikum mit Komfort zu seinen Spielen zu locken. 1950 entstand eine Stehterrasse mit sechs Stufen, womit endlich die notorisch dreckigen Schuhe, die man sich bei ungünstigen Witterungsverhältnissen unweigerlich zuzog, Geschichte wurden. 1956 öffnete die überdachte Holztribüne mit 500 Sitzplätzen ihre Pforte, und wenig später erleuchteten Tiefstrahler das Phönix-Areal, die dem Verein in den nächsten jahren einige attraktive Freundschaftsspiele unter Flutlicht bescherten.

Die Fans zeigten sich begeistert. Vor allem in der unvergessenen Saison 1956/57, als sowohl der Phönix als auch der VfB in die Oberliga aufstiegen, strömten die Massen gen Travemünder Allee. 9.000 Zahlende im Aufstiegsrundenspiel gegen Uetersen wurden von 12.000 getoppt, die im August 1957 zum Oberligaauftakt des Phönix gegen den Hamburger SV ihren Obolus entrichteten. Heute unvorstellbare rund 8.000 Fans betrug der Zuschauerstamm der "Adlerträger" in jenen Tagen!

Als der Phönix 1960 ins Amateurlager abstieg, war Schluss mit weiteren Baumaßnahmen. Die Phönix-Kasse war leer, und weil eine Rückkehr in die höchste Spielklasse nicht gelang, begann der schleichende Niedergang von Klub wie Sportplatz. Zuvor erlebte das Stadion jedoch noch einige Höhepunkt. So am 14. August 1967, als zum Lokalderby gegen den VfB mehr als 14.000 Menschen die Ränge an der Travemünder Allee bevölkerten, obwohl eigentlich nur Platz für 12.000 Zuschauer war. "Fast 14.000 - so viel wie noch nie auf dem Phönix-Platz! Schon gegen 14 Uhr begann der Anmarsch der Massen. In Lübeck war tatsächlich wieder so etwas wie ein Fußball-Fieber ausgebrochen. Phönix-Ligaobmann Horst Rothschädel hatte extra seinen Urlaub in Jugoslawien unterbrochen, um dabei zu sein: Freitag war er aus Split abgereist, am heutigen Montag fährt er die 2.500 km zu seiner Familie zurück", schrieben die "Lübecker Nachrichten" nach dem 1:1 im Gewitterregen, "das kurz nach der Pause die meist sommerlich gekleideten Zuschauer bis auf die Haut durchnässte und für einen Augenblick sogar die Gefahr eines Spielabbruchs aufkommen ließ."

Als der hoffnungsvolle Phönix-"Kindergarten" um Ausnahmetalent Peter Nogly 1969 zerbrach, wurde es dramatisch um den Phönix und sein Stadion. 1969/70 war der Zuschauerschnitt bereits auf rund 2.000 abgesunken, und die Tendenz wies - trotz einiger Zwischenhochs - nach unten. 1972 kamen selbst gegen den VfB nur noch 4.500, und bald wurden regelmäßig dreistellige Kulissen gemeldet. Auch an der Substanz der schmucken Anlage hat längst der Zahn der Zeit genagt und wenn der 1. FC Phönix heute zu Kreisliga-Heimspielen bittet, kommen nicht mehr Zuschauer als zur Ligakonkurrenz, die nicht mehr HSV, sondern Fortuna St. Jürgen, SSV Güster oder Dornbreite II heißt.

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