zur Navigation springen

Entscheidung des Fifa Council : Abgesetzte Fifa-Ethiker: „Das war politisch motiviert“

vom

Die künftigen Ermittlungen im Korruptionsskandal sehen die abgesetzten Ethiker Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbely gefährdet.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2017 | 11:45 Uhr

Manama | Die abgesetzte Spitze der Fifa-Ethikkommission sieht die Verfolgung von „mehreren hundert“ offenen Fällen im Skandal um den Fußball-Weltverband gefährdet. „Das wirft die Reformen um Jahre zurück, die Fifa wird deswegen leiden“, sagte der frühere Chef-Ermittler Cornel Borbely am Mittwoch in Manama. Es gebe keine Phase des Übergangs. „Mehrere hundert Fälle sind noch offen. Wir haben viele laufende Untersuchungen“, sagte Borbely bei einer kurzfristig einberufenen Presse-Konferenz im 13. Stock des Al Raya Suites Hotel. Der Schweizer und der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert waren zuvor vom Fifa-Council nicht wieder zur Wiederwahl vorgeschlagen worden. Damit können sie vom Kongress am Donnerstag in der bahrainischen Hauptstadt nicht gewählt werden.

Eckert saß der rechtsprechenden Kammer seit knapp fünf Jahren vor, Borbely war seit zwei Jahren Chef der Untersuchungskammer. Die beiden wollten ihre Posten für vier weitere Jahre behalten. Unter ihrer Führung wurden unter anderen der ehemalige Verbandschef Joseph Blatter sowie der frühere Uefa-Boss Michel Platini zu mehrjährigen Sperren verurteilt und auch Verfahren im Skandal um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland geführt.

„Ich bin nicht sicher, wie lange es dauern wird, bis jemand anders mit diesen Fällen umgehen wird“, sagte Eckert. „Die erfahrensten Verfolger und Richter sind weg“, sagte Borbely. Bis auf zwei Mitglieder der beiden Ethikkammern wurde das Personal komplett ausgetauscht. „Wir haben viel Know-how aufgebaut, wie man diese Fälle verfolgen muss.“ Beide erfuhren nach eigenen Angaben die Entscheidung nach der Landung in Bahrain durch die Medien. „Die Absetzung war unnötig und deswegen ausschließlich politisch motiviert“, sagte Borbely. Seit 2015 habe die Untersuchungskammer 194 Voruntersuchungen durchgeführt und die rechtsprechende Kammer über siebzig Funktionäre verurteilt.

Eckert sieht durch die Personalentscheidungen auch offene Fragen für die strafrechtlichen Verfolgungen in der Schweiz und den USA im Korruptionsskandal rund um den Weltverband. „Was werden die Strafverfolger in Bern machen, was werden die Strafverfolger in den USA machen?“, fragte der Korruptionsexperte aus München. „Aber es wird nicht einfacher für die Fifa.“ Im laufenden US-Verfahren gilt die Fifa bislang als Opfer, kann nach amerikanischem Recht somit von Verurteilten Entschädigung verlangen.

Die Folgen nach dem Aus für die Fifa-Ethikhüter: Fragen und Antworten.

Wie war die Reputation der bisherigen Ethik-Spitze?

Nachdem lange Zeit spekuliert worden war, ob sich die Ethikkammer auch bei Top-Personalien das Prädikat unabhängig verdienen würde, bewies das Gremium spätestens im Fifa-Korruptionsskandal Durchsetzungskraft. Weltverbandspräsident Joseph Blatter wurde ebenso wie Uefa-Chef Michel Platini gesperrt. Die Ethikkommission hatte vergangenes Jahr auch gegen den aktuellen Fifa-Chef Gianni Infantino ermittelt, die Untersuchungen aber nach mehreren Wochen eingestellt, weil der Schweizer nicht gegen Verhaltensregeln verstoßen habe.

Insgesamt wurden nach eigenen Angaben seit 2015, dem Jahr der ersten Verhaftungen von Spitzen-Funktionären in Zürich, durch die Untersuchungskammer unter Vorsitz des Schweizer Cornel Borbely 194 Voruntersuchungen durchgeführt. Die rechtssprechende Kammer, dessen Chef Eckert war, verurteilte mehr als siebzig Funktionäre. DFB-Chef und Fifa-Councilmitglied Reinhard Grindel lobte beide noch vor der Sitzung der Weltverbands-Regierung: „Ich bin dafür, dass Eckert und Borbely ihre Arbeit fortsetzen, weil sie zur Wiederherstellung der Integrität der Fifa einen entscheidenden Beitrag geleistet haben.“

Warum mussten Eckert und Borbely gehen und wurden nicht zur Wiederwahl durch den Kongress vorgeschlagen?

Darüber gab es bis zum frühen Mittwochmorgen keine offizielle Stellungnahme. Fifa-Präsident Gianni Infantino ließ die Beschlüsse des Councils unkommentiert, zeigte sich nicht den Medien. Die Mitglieder des höchsten Fifa-Gremiums äußerten sich beim Verlassen des Sitzungssaals geschlossen nicht.

Was sagen Eckert und Borbely?

Beide sehen die Reputation der Fifa und Fortgang der Ermittlungen gefährdet. „Scheinbar hat die Fifa-Spitze eigene und politische Interessen höher gewichtet als die langfristigen Interessen der Fifa“, teilten sie in einer gemeinsamen Stellungnahme mit. „Dabei hat sie in Kauf genommen, dass die Integrität der Fifa gefährdet wird und damit deren Zukunft aufs Spiel gesetzt.“ Mittwochvormittag soll es eine Pressekonferenz der beiden in der bahrainischen Hauptstadt geben.

Was passiert mit den laufenden Ermittlungen?

Zumindest droht nun eine Verzögerung der Verfahren durch eine gewisse Einarbeitungszeit der Nachfolger. Unter anderem liefen auch noch Ermittlungen bezüglich der Affäre um die Vergabe der WM 2006 an Deutschland.

Wer sollen die Nachfolger werden?

Als neue Chef-Ermittlerin wurde María Claudia Rojas aus Kolumbien vom Council vorgeschlagen, Nachfolger von Eckert soll Vassilios Skouris werden. Beide müssen noch beim Kongress der 211 Fifa-Mitgliedsländer bestätigt werden, dies gilt als Formsache.

Der Grieche Skouris war von 2003 bis 2015 Präsident des Europäischen Gerichtshofs. Rojas gilt in Kolumbien als Topjuristin mit rund 25 Jahren Berufserfahrung. Sie war Präsidentin des Consejo de Estado (Staatsrats), eine der höchsten juristischen Instanzen des Landes, die zudem die Regierung in allen Rechtsfragen berät. Geboren in Cali hat sich die Mutter von drei Söhnen auf die Analyse und Lösung von Konflikten, sowie auf internationales Finanzrecht spezialisiert. An der Universität Cali lehrte sie zudem Verfassungsrecht, neun Jahre war sie anschließend am Verfassungsgericht des Landes tätig.

 

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen