4 Minuten Bundesliga und 24 Aufstiegstore

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12. Oktober 2009, 09:05 Uhr

Von ihm könnte sich der eine oder andere heutige Kicker der "Störche" wohl noch etwas abschauen: Nicht nur, dass Vollblutstürmer Holger Haltenhof mit hervorragender Schusstechnik den einen oder anderen Treffer erzielte. Der heute 55-Jährige schaffte auch etwas, dem Holstein Kiel seit rund 30 Jahren vergeblich hinterherrennt. Er stieg mit Schleswig-Holsteins Traditionsverein Nummer eins in die 2. Bundesliga auf. 1978 war das, und Haltenhof war einer der entscheidenden Wegbereiter dieses Erfolgs. "Ich habe mich nie als einer der besseren gesehen, sondern immer gedacht, die anderen sind stärker", sagt er heute. 17 Tore in der Oberliga-Saison (damals bildete die Oberliga Nord den Unterbau der zweigleisigen 2. Liga), sieben weitere Treffer dann in den insgesamt neun Aufstiegsspielen sprechen allerdings eine andere Sprache. Ein 1:0 über Wacker 04 Berlin - ohne Haltenhof-Treffer - sicherte dann letztlich den Kieler Aufstieg.

Doch Haltenhofs Karriere ist nicht allein mit dem Sprung in die 2. Liga beschrieben. Bereits als ganz junger Spund, der noch bei der TSG Schönkirchen auf dem Kieler Ostufer gegen das runde Leder trat, machte er nachhaltig auf sich aufmerksam. Mit den Schönkirchenern gewann er die B-Jugend-Landesmeisterschaft - und man registrierte beim DFB, dass da ein Blondschopf aus dem hohen Norden ganz gut kicken konnte. Er wurde zu einem Sichtungslehrgang des DFB in Frankfurt eingeladen. "Das Trikot mit dem Adler habe ich aber nur in Spielen auf dem Dorf getragen. Zu einem richtigen Länderspiel hat es nicht gereicht", erklärt er. Damals verstand er das nicht. "Ich dachte, ich wäre genauso gut wie meine Konkurrenten." Heute weiß er, dass die DFB-Verantwortlichen vielleicht doch richtig lagen. "Das waren schon zwei Granaten", sagt er im Rückblick und meint die gleichaltrigen Ronnie Worm und Dieter Müller, die es beide sogar bis in die A-Nationalmannschaft brachten.

Klar war da auch, dass so einer nicht sein Leben lang in Schönkirchen kicken würde. Beim großen Hamburger SV hatte der umtriebige Manager Peter Krohn gerade den "Fußball-Lehrling" eingeführt. Junge Spieler aus der ganzen Republik, vor allem aber aus dem Norden, guckte man sich aus, um dem HSV nach Uwe Seelers Karriereende keine Krise zu bescheren. Akteure wie Rudi Kargus, Manfred Kaltz, Caspar Memering, Peter Hidien und eben auch Haltenhof kamen zu dieser Zeit in den Volkspark. "Ich habe ein Jahr in der A-Jugend gespielt und dann einen Vertrag bekommen", erinnert sich Halten hof heute. Sich dauerhaft im Profi-Geschäft zu behaupten, gelang für dem Kieler aber nicht. Die "Lehrzeit" beendete er vorzeitig. "Das war die Zeit, wo ich meine damalige Freundin kennengelernt habe und mehr Zeit in Kiel als in Hamburg verbrachte." Bereut hat er die vorzeitige Vertragsauflösung beim HSV nicht. "Es war die richtige Entscheidung. Mit meiner Frau bin ich schließlich seit über 35 Jahre glücklich."

Aus seiner HSV-Zeit nahm er zumindest ein Bundesliga-Spiel (vier Minuten bei einer 2:3-Niederlage in Hannover) mit. "Das ist etwas, was man sich für Geld nicht kaufen kann", schmunzelt er heute - auch wenn ansonsten nicht viel Positives aus den eineinhalb Hamburger Jahren hängen blieb. "Ich hab nicht den Eindruck gehabt, eine echte Chance zu bekommen, sondern mich eher als Tourist gefühlt."

Bei Holstein Kiel in der Regionalliga nahm er mit gerade einmal 19 einen neuen Anlauf, spielte eineinhalb Jahre zweitklassig. Keineswegs erfolglos (24 Spiele, 8 Tore) - und doch entschloss er sich 1974, noch einen Schritt zurück zu machen. "Ich bin quasi wieder aufs Land, nach Heikendorf", erzählt er. "Und irgendwie war das fußballerisch auch meine schönste Zeit." Drei Jahre kickte Halten hof aus Spaß in der Landesliga beim Heikendorfer SV. "Das war eine gute Truppe, ich habe meine Tore gemacht. Es war einfach unbeschwerter Fußball."

Doch 1977 lockte Holstein dann noch einmal - und jetzt begann die Erfolgsgeschichte, an die man sich in Kiel auch nach über 30 Jahren immer noch erinnert. "Wir hatten auch eine Menge Glück", sagt Haltenhof im Rückblick zwar. "Wir haben uns als Vierter gerade noch für die Aufstiegsrunde qualifiziert, haben dann gegen Paderborn drei Mal unentschieden gespielt und im Elfmeterschießen gewonnen." Doch das Glück erarbeitete sich die damalige Holstein-Elf redlich. "Gerd Koll war ein Supertrainer. Es herrschte eine tolle Kameradschaft, der Zusammenhalt war einmalig. Wir sind auch schon mal am Sonntag gemeinsam laufen gegangen und haben natürlich auch gemeinsam gefeiert", erinnert sich Haltenhof. Vor eineinhalb Jahren, zum 30-jährigen Aufstiegsjubiläum, trafen sich alle wieder. "Das war interessant, mal wieder über die alten Zeiten zu plaudern", sagt er. "Den einen oder anderen wie Immo Stelzer oder Joschi Jochimiak, meinen damaligen Sturmpartner trifft man in Kiel auch ab und zu mal."

Nach dem geschafften Aufstieg spielte Haltenhof noch ein Jahr in der 2. Bundesliga (31 Spiele, 8 Tore). "Ich habe ein schönes Tor gegen Rudi Wimmer vom Karlsruher SC gemacht oder gegen RW Essen mit Frank Mill in der letzten Minute den Ausgleich", sagt er. "Die Höhepunkte bleiben in Erinnerung, auch wenn ich mich nicht mehr so oft mit der damaligen Zeit beschäftige."

Schon zu dieser Zeit hatte Haltenhof mit Knieproblemen zu kämpfen. "Ich hatte Probleme mit den Knorpeln in beiden Knien, musste mich operieren lassen." Mit dem höherklassigen Fußball war bald Schluss. In Neumünster hängte er noch eine Saison in der Verbandsliga dran, verpasste mit dem VfR in der Aufstiegsrunde den Sprung in die Oberliga. "Das hätten wir schaffen müssen. Das war eine gute Mannschaft, und das Finanzielle stimmte auch." In Lüneburg gab der VfR mit Haltenhof im vorentscheidenden Spiel ein 1:3 noch aus der Hand, verlor 3:4. Danach traf Haltenhof endgültig kürzer. Beim VfR Laboe war er in der Bezirksliga noch als Spielertrainer aktiv. "Als Spieler habe ich trotz der Knieprobleme noch meine Tore gemacht", erklärt er. "Wir sind Zweiter geworden. Aber als wegen der Knie gar nichts mehr ging und ich nur noch Trainer war, da lief es nicht mehr so." Einsichtig stellt er fest: "Ein guter Trainer war ich nicht. Ich musste nach Niederlagen mehr selbst aufgebaut werden. Dabei hätte ich ja eigentlich die Spieler aufbauen müssen."

Folglich spielt der Fußball heute nur noch eine Nebenrolle in seinem Leben. "Mit meinem Enkel spiele ich noch im Garten", lacht er. "Den bilde ich beidfüßig aus." Drei Kinder hat Halten hof. Der erste Enkel, drei Jahre alt, ist derzeit Mittelpunkt der Familie. Beruflich ist der in Mönkeberg ansässige Ex-Fußballer im Außendienst des Großkonzerns Unilever angestellt, wo er für den Food-Bereich zuständig ist. "Ich beliefere Großkunden in der Gastronomie", erzählt er. Nur noch selten wird er auf die alten Zeiten angesprochen. "Das ist ja schon so lange her", sagt er fast abwehrend zu Beginn unseres Gesprächs - und stellt am Ende fest, dass "eine solche Zeitreise in die Vergangenheit sehr belebend" gewirkt hat. "Ich geh jetzt gleich joggen", scherzt er zum Abschluss - wohl wissend, dass seine Knie inzwischen nicht einmal mehr einfachste sportliche Betätigung zulassen. Als Vorbild für die heutigen Kieler Profis taugt er dennoch - dank seiner beispielhafter Tore und des unübertroffenen Teamgeists vor 30 Jahren.

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