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Untreue-Vorwurf : 300.000-Euro-Betrug: Der Fußball in SH steckt in einer Finanzkrise

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes soll 300.000 Euro veruntreut haben. Das bringt den Verband in Geldnot. Ausgerechnet der DFB wird zum Retter in der Not.

shz.de von
erstellt am 17.Mär.2016 | 12:23 Uhr

Kiel | Abgezeichnet von der Geschäftsführung sind die Formulare bereits. Doch der Inhalt ist noch nicht im Sinne von Martin D. Ein paar kleine Federstriche – und schwupps, ist aus einer Drei eine Acht und aus einer Eins eine Sieben geworden. Und zufällig stimmt die neu entstandene Ziffernfolge nun mit einem Konto von Martin D. überein. Schnell zur Bank damit, und wieder sind ein paar hundert Euro mehr auf dem Konto des „geschäftstüchtigen“ Verbandsmitarbeiters. So oder ähnlich muss es in einem Büro auf der Geschäftsstelle des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes (SHFV) in Kiel knapp drei Jahre lang zwischen 2011 und 2014 zugegangen sein. So lange, bis man beim SHFV Mitte des Jahres 2014 einen Verlust von rund 300.000 Euro bemerkt.

Die Skandale im Fußball reißen nicht ab. Nicht nur der große Deutsche Fußball-Bund steckt in der Vertrauenskrise. Nun gibt es auch einen Untreue-Vorwurf im schleswig-holsteinischen Sport.

Der Betrugsfall ist längst vor Gericht. Insgesamt rund 160 Einzeltaten wurden von den Ermittlern dokumentiert. Doch bei Martin D. dürfte nicht viel zu holen sein. Aussagen ehemaliger Kollegen legen den Schluss nahe, dass dieser das ergaunerte Geld sofort wieder verspielte.

Der SHFV ist nicht der einzige Geschädigte. Der Landessportverband Schleswig-Holstein (LSV) bestätigte am Mittwoch, dass „ein ehemaliger Mitarbeiter Vermögensverfügungen in rechtswidriger Weise zum Nachteil des Landessportverbandes im Zeitraum von 2008 bis 2011 vollzogen hat“. Nach Informationen von shz.de handelte es sich hierbei ebenfalls um Martin D. Der Schaden beim LSV soll in der Höhe geringer ausgefallen sein, weshalb der Verband die „finanziellen Auswirkungen über seine letzten Haushalte auffangen“ konnte.

DFB wird zum Retter

Beim SHFV war das nicht so einfach. Damit der Skandal nicht sofort aufflog und die Geschäfte planmäßig weitergehen konnten, sprang der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in die Bresche. Mit einem Vorschuss sorgte er für die nötige Liquidität – ansonsten hätte dem SHFV im schlimmsten Fall sogar die Zahlungsunfähigkeit gedroht. „Übers gesamte Jahr gesehen hätten wir den Verlust noch auffangen können. Aber bei den schwankenden Einnahmen wären wir partiell in Situationen gekommen, in denen wir nicht die nötigen Rücklagen gehabt hätten“, erklärte SHFV-Geschäftsführer Jörn Felchner. Die Finanzkrise des SHFV verschärft sich vor diesem Hintergrund weiter. Bis 2017 müssen die 300.000 Euro an den DFB zurückfließen.

„Ein schwebendes Verfahren“, erklärte SHFV-Präsident Hans-Ludwig Meyer, der zu Details des Betrugsfalls keine Stellung nehmen wollte. „Wir sind damit intern aber offen umgegangen.“ Der Beirat wurde laut Meyer „bereits eine Woche, nachdem wir Kenntnis von dem Fall hatten, informiert“.

Selbst die Wirtschaftsprüfer haben nichts gemerkt

Wie ein solcher Verlust in einem Drei-Millionen-Euro-Jahresetat jahrelang unbemerkt bleiben konnte, ist eine der Fragen, denen sich der SHFV stellen muss. „Das war sehr geschickt gemacht“, erläuterte Meyer. „Selbst die Wirtschaftsprüfer, die Jahr für Jahr unsere Bilanz testieren, haben nichts gefunden.“ Auch die Staatsanwaltschaft bestätigte dem SHFV, dass „auch ein zehnköpfiges Kontrollgremium diese Positionen unter Umständen nicht gefunden hätte“, wie Felchner erklärte – so geschickt und so unterschiedlich sei Martin D. bei seinen Betrügereien vorgegangen.

Ihre Hoffnung richten die SHFV-Funktionäre nun auf eine so genannte „Vertrauensschadenversicherung“, die der Verband abgeschlossen hat. Dass die den Schaden anerkennt, sei inzwischen laut Felchner bestätigt. In welcher Höhe sie einspringt, ist noch nicht geklärt.

So oder so: Am Sonnabend müssen die Mitglieder des Beirates (Vorstand, Ausschüsse und Kreisvorsitzende) nun beschließen, wie mit der Finanzkrise umgegangen wird. „Dieser Vertrauensschaden hat erhebliche Auswirkungen auf die Finanzsituation des Verbandes“, erklärte der SHFV in einer Pressemitteilung. „Gleichwohl ist er nicht der alleinige Beweggrund für notwendige Einsparungsmaßnahmen in allen Bereichen der Verbandsarbeit.“

Den Vereinen drohen Gebührenerhöhungen

Neben den Einsparungen in der Talentförderung und beim Personal auf der Geschäftsstelle stehen deshalb nun auch teilweise deutliche Gebührenerhöhungen für die Fußballvereine im Raum. So sollen beispielsweise Startgelder teilweise deutlich erhöht werden und Gebühren bei der Passstelle oder den Gerichten steigen. „Es geht um die Einheit im Verband. Da erwarte ich Solidarität, und die war in den Gesprächen mit den Kreisvorsitzenden auch zu spüren“, sagte Meyer.


Kommentar von Jürgen Muhl: Tore und rote Zahlen

Der Fußballverband ist in Not und will die kleinen Vereine zur Kasse bitten

Ganz oben geht es um viele Millionen Euro, die im Zuge der noch nicht restlos aufgeklärten Affäre um die wohl gekaufte Weltmeisterschaft 2006 verschoben worden sind. Der Deutsche Fußball-Bund ist in seinen Grundfesten erschüttert. Auf den einst so stolzen und auch reichen DFB kommen Steuernachzahlungen in Höhe von zig Millionen Euro zu. Dazu steht die Gemeinnützigkeit auf dem Spiel, vom Imageverlust gar nicht zu reden. Was machen die immer noch über Gebühr bezahlten Funktionäre in der Frankfurter Zentrale? Sie loben sich. Reden von toller Aufklärungsarbeit, ohne richtig aufzuklären.

Ganz unten, beim Landesverband in Kiel, sind es einige Hunderttausend Euro, die den Ball ins Rollen bringen. Wollte der Schleswig-Holsteinische Fußballverband (SHFV) noch vor wenigen Tagen seine plötzliche Finanznot mit zu hohen Kosten der Stützpunkte in den einzelnen Kreisverbänden oder mit einem zu teuren Dienstleistungsangebot für die Vereine begründen, so kommen weitere Details peu à peu ans Tageslicht. Wie der sehr teure Umbau der früheren Sportschule Malente in den Uwe-Seeler-Fußball-Park. Oder, wie seit Mittwoch bekannt, das kriminelle Vorgehen eines ehemaligen hauptamtlichen Mitarbeiters, der den Fußball-Verband insgesamt um rund 300.000 Euro und obendrein noch den Landessportverband (LSV) als Dachorganisation um eine ähnlich hohe Summe betrogen haben soll. Beide Verbände, die liebend gern mit Erfolgsmeldungen die Öffentlichkeit suchen, haben diesen Betrugsfall in der Schublade versteckt und begründen die Defensive mit den Regularien eines laufenden Verfahrens. Als sei es verboten, Vorgänge dieser unangenehmen Art zu kommunizieren.

Der SHFV muss sich die Frage nach offenbar nicht vorhandenen Kontrollmechanismen gefallen lassen. Verfügt der Verband doch über eine üppige Personalstruktur mit einer eigenen Geschäftsführung. Bei einem Gesamtumsatz von drei Millionen Euro sind 300.000 Euro immerhin zehn Prozent. Es ist wohl einfacher, Tore als rote Zahlen zu zählen. Ausbaden sollen es jetzt die kleinen Vereine mit der Zahlung höherer Gebühren. So macht es auch die Politik, wenn frisches Geld gebraucht wird. In diesem Fall aber könnte es zu Konterangriffen führen. Fußballer verlieren nicht gern.

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