National Elf gegen Saudi Arabien : 2:1 im Testspiel: So entfacht man keine Euphorie

Ilkay Guendogan wurde bei seiner Einwechslung von Zuschauern ausgepfiffen.
Ilkay Guendogan wurde bei seiner Einwechslung von Zuschauern ausgepfiffen.

Trainer Joachim Löw hat die Pfiffe der deutschen Fans gegen Ilkay Gündogan im WM-Test gegen Saudi-Arabien kritisiert.

shz.de von
09. Juni 2018, 10:09 Uhr

Leverkusen | Was sagt ein mühevoller 2:1-Sieg gegen Saudi-Arabien über die WM-Chancen der Deutschen Nationalelf aus? Die Generalprobe für das Turnier in Russland am Freitagabend in Leverkusen taugte ganz sicher nicht dazu, WM-Euphorie zu wecken.

Die Kritiker sagen: Deutschland geht den bitteren Weg wie Italien 2010 und Spanien 2014 – und fliegt in der Vorrunde raus. Das Argument: Die Spieler der zweiten Reihe hatten bei der 1:2-Pleite in Österreich Qualität vermissen lassen – und der erste Anzug, den Bundestrainer Joachim Löw gegen Saudi Arabien aufbot, quälte sich in einem lethargischen, nachlässigen Auftritt gegen die maximal zweitklassigen Saudis zum Pflichtsieg. Dazu sorgt nach dem vieldiskutierten Foto mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan weiter die Debatte um Mesut Özil und Ilkay Gündogan, der in Leverkusen bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen wurde, für viel Unruhe.

Die Optimisten sagen: Keine Panik, die Titelverteidigung ist drin. Testspiele sind Kaffeesatzleserei, die Chance, sich einzuspielen, nutzten alle wichtigen Spieler – auch Torwart Manuel Neuer und Jerome Boateng, die zuletzt gefehlt haben. Dass der Innenverteidiger in einigen Zweikämpfen unsicher wirkte und bemerkenswert oft hinfiel, ist kein Problem – hat er doch noch Zeit bis zur entscheidenden Phase der WM. Steht doch bis dahin mit Niklas Süle ein Vertreter bereit.

Und wie reagierten die – in der Mehrzahl sehr jungen – Fans im Stadion? Zuerst mit uneingeschränkter Euphorie bei der Begrüßung der Nationalelf und zu Beginn der Partie, bevor sie ab Mitte der ersten Halbzeit angesichts der bleiernen Testspiel-Atmosphäre in der nicht ganz voll besetzten BayArena merklich wegdämmerten.

So könnte die Startelf aussehen

Löw begann angesichts des verletzt fehlenden Özil (Knieprobleme) mit der Formation, die auch der Startelf im WM-Auftaktspiel gegen Mexiko in acht Tagen nahekommen dürfte: Im Mittelfeld mit Julian Draxler auf links und Marco Reus im Zentrum. Der 29-jährige Dortmunder, der – beste Nachricht – sich nicht verletzte und am Dienstag erstmals mit der Nationalelf zu einer WM in den Flieger steigt, trat gleich als Vorlagengeber auf: Nach einem langen Ball von Joshua Kimmich legte er den Ball direkt vor das Tor, wo Timo Werner keine Probleme hatte, zum 1:0 zu vollenden.

Deutschland wollte nachlegen: Reus traf aber nur den Pfosten, Khediras Kopfball landete dort auch – über den Umweg des gut reagierenden Abdullah Al-Muaiouf. Der Saudi-Keeper parierte einen weiteren Khedira-Kopfball, nachdem der zuvor von Yahia Al-Sheri frech getunnelte Thomas Müller per Gewaltabnahme Julian Draxler abgeschossen hatte. Bezeichnend für die unpräzisen Offensivbemühungen der Nationalelf, die durch ein Eigentor von Omar Othman kurz vor der Pause zum 2:0 kam.

Und sonst? Viel Leerlauf, viel Statik, viele leichte Ballverluste – und Konterchancen für die Saudis, welche die wendigen Salem Al-Dawsari (zuletzt Villarreal) und Farhad Al-Muwallad (zuletzt UD Levante) aber zu unpräzise abschlossen. Die im letzten halben Jahr in Spaniens erste Liga ausgeliehenen Profis, die dort zusammen auf 59 Minuten Einsatzzeit kamen, sind die einzigen Akteure mit etwas Auslandserfahrung einer Elf, die sich fast nur auf Fußballer aus der zweitklassigen heimischen Liga stützt. So musste es nachdenklich stimmen, dass die Araber oft zu gefährlichen Abschlüssen kamen, auch nach der Pause.

Löw reagiert mit Unverständnis

Dort war es in der 57. Minute auch mit der guten Laune vorbei – zumindest bei einem Drittel der Fans, die Gündogan auspfiffen. Löw reagierte mit totalem Unverständnis: Zur Einwechslung des ManCity-Profis klatschte er höhnisch ins Publikum, auch später fasste er sich bei den Pfiffen immer wieder an den Kopf. Mit der Vorfreude auf das Turnier in Russland war es nun vorbei.

Dazu passte das wenig standesgemäße Endresultat: Taiseer Al-Jassim nutzte das in seinem Weg auftauchende Bein von Sami Khedira zu einer Bruchlandung im deutschen Strafraum, bevor er den Nachschuss des folgenden Elfmeters zum 1:2-Anschlusstor versenkte. So stand am Ende höchstens noch eine zynische Freude, dass diese hakelige Vorbereitung endlich vorbei ist.

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