1942: "Totaler Krieg" statt Länderspielen

Avatar_shz von
19. November 2012, 08:05 Uhr

Europa steuert auf den "totalen Krieg" zu, als die Deutsche Nationalmannschaft am 22. November 1942 zu einem Länderspiel in der Slowakei aufläuft. Es ist der letzte Auftritt der Herberger-Elf vor Kriegsende.

Von fröhlichen Fußballspielen war Deutschland - war Europa - im November 1942 weit entfernt. Fast auf dem gesamten Kontinent diktierte der Zweite Weltkrieg den Alltag. Längst auch in Deutschland. Im März 1942 war es zu ersten Flächenbombardements deutscher Großstädte gekommen. Der Krieg wendete sich immer stärker gegen seine Verursacher.

Doch während Hunderttausende vor den Toren Moskaus oder im Kessel von Stalingrad ihr Leben ließen, versuchte man an der Heimatfront händeringend "Normalität" herzustellen. Dabei half auch der Fußball. Obwohl es die Verhältnisse eigentlich gar nicht mehr zuließen und Fußballmannschaften Reisen über 50 Kilometer zudem untersagt waren, wurde der Spielbetrieb sowohl der nationalen Ligen als auch auf internationaler Ebene fortgesetzt. Die Nationalmannschaft spielte allerdings nur noch gegen befreundete Mächte.

Für Reichstrainer Herberger hatten die Länderspiele eine hohe Bedeutung. Weniger aus sportlichen Gründen - auch Herberger ahnte, dass die Kriegsniederlage und damit ein Neuanfang unvermeidlich war -, sondern vielmehr aus personaltaktischen Erwägungen. Denn über die Nationalmannschaft konnte der Reichstrainer seine wertvollsten Nationalspieler vor dem Einsatz an der Front schützen. So hatte Herberger 20 ausgewählte Spieler "unabkömmlich" stellen lassen und dabei sogar die Grenzen der Legalität überschritten, indem er den Spielern eigenmächtig Orden verlieh - Voraussetzung für eine "unabkömmlich"-Stellung. "Trotz des sinnlosen Krieges, der das Leben immer mehr beeinflusste, war es für uns Sportler eine herrliche Fußballzeit", wird Helmut Schön später in seiner Biografie schreiben.

Und doch neigte sich das Schicksal der deutschen Nationalmannschaft seinem vorläufigen Ende zu. Als die Herberger-Elf am 20. September 1942 vor 90 000 überwiegend soldatischen Zuschauern im Berliner Olympiastadion mit 2:3 gegen Schweden verlor, wetterte Propagandachef Joseph Goebbels: "Es ist in der heutigen Zeit töricht, ein Fußballspiel durchzuführen, dessen Ausgang aller Voraussicht nach mit einer Niederlage von uns enden müsste" und ließ über seinen Staatssekretär Lother mitteilen: "100 000 sind deprimiert aus dem Stadion weggegangen; und da diesen Leuten ein Gewinn dieses Fußballspiels mehr am Herzen lag als die Einnahme irgendeiner Stadt im Osten, müsste man für die Stimmung im Inneren eine derartige Veranstaltung ablehnen."

Zwei Monate später war es soweit. Am 22. November 1942 lief zum letzten Mal vor dem Kriegsende die deutsche Nationalmannschaft zu einem Spiel auf. Gegner war die Slowakei, ein Satellitenstaat vor den Gnaden Hitlers. Herberger bot sein stärkstes Team auf. Der Berliner Jahn im Tor. Janes und Miller in der Abwehr, Kupfer, Rohde und Sing im Mittelfeld, Adamkiewicz, Decker, Willimowski, Fritz Walter und Klingler im Angriff. Vor 12 000 Zuschauern in Pressburg (Bratislava) dominierte das deutsche Team zunächst nach Belieben. Zur Halbzeit hatte der Daxlander August Klingler einen 2:0-Vorsprung herausgeschossen, und als Klingler unmittelbar nach Wiederanpfiff auf 3:0 erhöhte, schien die Entscheidung gefallen. Doch die Slowaken kamen binnen zehn Minuten auf 2:3 heran und warfen anschließend alles nach vorne. Drei Minuten nach dem 2:3 nutzte der Hamburger Adamkiewicz die Unaufmerksamkeit in der gegnerischen Abwehr und sorgte nach einem von Fritz Walter lehrbuchartig eingeleiteten Konter mit dem vierten deutschen Treffer für die Entscheidung. Für den Schlusspunkt zum 5:2 sorgte der Wiener Decker.

"Das Publikum fanatisch und undiszipliniert. Der Schiedsrichter Blazant ein glatter Versager", wetterte Reichstrainer Herberger anschließend in seine Aufzeichnungen. Nicht ahnend, dass es für acht Jahre das letzte Länderspiel einer DFB-Auswahl sein sollte. Für 1943 waren bereits Begegnungen mit Schweden, Spanien, Italien und Ungarn vereinbart, als Propagandachef Joseph Goebbels am 2. Februar 1943 mit seiner berüchtigten Rede im Berliner Sportpalast ("Wollt ihr den totalen Krieg?") eine neue Stufe des Massenmordens einläutete und zugleich das Ende der Nationalmannschaft besiegelte. Zwölf Tage später kam es im Rahmen eines Lehrgangs noch zu einem Spiel gegen eine Auswahl von Hessen-Nassau (4:0), dann war es vorbei mit Auswahlspielen.

Als am 26. September 1944 die letzte Ausgabe des gemeinsamen Fußballmagazins von "kicker" und "Fußball" erschien, trug es die Schlagzeile: "An allen Fronten Nationalspieler vornean!" Unter den aufgeführten Namen aller an der Front stehender ehemaliger und aktueller DFB-Nationalspieler war auch der des dreifachen Torschützen von Pressburg, August Klingler, der wenige Monate später an der Ostfront den Tod finden sollte.

Von der Mannschaft, die am 22. November 1942 das letzte Länderspiel vor Kriegsende bestritt, kamen mit Fritz Walter und "Anderl" Kupfer lediglich zwei auch nach Kriegsende noch zu Länderspieleinsätzen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen