0:0 vor 17 000 - Göttingen statt Holstein 2.

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07. Mai 2012, 09:07 Uhr

Im Frühsommer 1967 hatte der Spielplanmacher der Regionalliga Nord wahrlich ein glückliches Händchen. Am letzten Saisonspieltag trafen in Kiel die KSV Holstein und Göttingen 05 aufeinander. Es ging um nichts Geringeres als die Teilnahme an der Bundesliga-Aufstiegsrunde.

In 16 Spielen war Holstein Kiel ohne Niederlage geblieben. Souverän waren die Störche in Richtung Bundesliga-Aufstiegsrunde marschiert und träumten von Gastspielen der Münchner Bayern und Gladbachs Fohlen am Mühlenweg. Ausgerechnet am Himmelfahrtstag 1967 war der Kieler Höhenflug jedoch gestoppt worden. Vom Nachholspiel bei Abstiegskandidat Sperber Hamburg kehrte die Elf von Trainer Rudi Fassnacht überraschend mit einer 0:2-Niederlage zurück. Vor dem letzten Saisonspieltag war der Ein-Punkte-Vorsprung auf Verfolger Göttingen damit plötzlich egalisiert. Und der nächste Gegner im Holstein-Stadion hieß ausgerechnet Göttingen 05.

Rund 17 000 Fans lockt die Schlagerpartie am 7. Mai 1967 an den Mühlenweg. Holstein muss gewinnen. Denn das Torverhältnis der Göttinger um Amateurnationalspieler "Kurtchen" Krauss ist besser als das der Störche. In Kiel zittert man. Zum zweiten Mal in Folge droht der undankbare dritte Platz. Dabei wäre die Teilnahme an der Bundesligaaufstiegsrunde eine Krönung für eine grandiose Saison, in der die junge Störche-Elf mit ihrem Trainer Rudi Fassnacht für so viele Freude und Begeisterung gesorgt hatte. Die Verluste von Peter Ehlers (Karriereende) und dem nach Braunschweig gewechselten Gerd Saborowski waren überraschend gut verdaut worden. Vor allem das neue Innensturm-Trio, bestehend aus dem aus Lübeck gekommenen "Winnie" Schülke, Torjäger Gerd Koll und dem spielstarken "Bubi" Hönig, hatte die Holsteiner mit regelmäßigen Treffern an der Spitze gehalten. 53 der 68 Saisontreffer der KSV gingen auf das Konto des Trios.

Nach einer wechselhaften Herbstrunde war es ausgerechnet die bittere 0:5-Pleite im Hinspiel in Göttingen, die ungeahnte Kräfte freisetzte. 16 Spielen ohne Niederlage und 29:3-Punkte ließen Holstein anschließend von Platz acht auf Platz eins vorpreschen, verwandelten einen Sechs-Punkte-Rückstand zur Halbserie in einen bisweilen drei Punkte betragenden Vorsprung. Die Holstein-Kanonen schossen aus allen Rohren. 7:0 gegen Oldenburg. 4:1 gegen den designierten Meister Arminia Hannover. 6:2 bei Barmbek-Uhlenhorst, 6:0 gegen Bremerhaven 93. Am 27. Spieltag zierte Holstein erstmals die Tabellenspitze und träumte von der Bundesliga.

Dann flatterten den Störchen die Nerven. 1:1 gegen Bergedorf. 1:1 gegen St. Pauli. Das erwähnte 0:2 bei Sperber. Ausgerechnet vor dem Knaller gegen Göttingen machte sich also Nervosität breit. Die Südniedersachsen reisten mit einem Abwehrbollwerk ins Holsteinstadion. Dem Team um Trainerfuchs Fritz Rebell reichte bereits ein Remis zur Vizemeisterschaft. Also gab Rebell seiner Mittelreihe Klepatz, Roder und Pape Defensivaufgaben, platzierte "Ziege" Mürdter als einzigen Stürmer in die KSV-Hälfte und ließ Holstein mit seinem gefürchteten Innentrio kommen.

Es entwickelte sich ein einseitiges Spiel, in dem die Störche regelrecht verzweifelten und die Göttinger mit an der Grenze zum Erlaubten stehenden Körpereinsatz agierten. "Was 05 spielerisch wirklich leisten kann, war in Kiel nicht zu erkennen", analysierte das "Sport-Magazin". Das 05-Rezept ging dennoch auf, denn Holstein fand keinen Weg durch die dichte Defensive der Unistädter. Erst nach 36 Minuten bot sich Winfried Schülke eine erste Einschussgelegenheit. In der 43. Minute dann ein Hoffnungsschimmer für die KSV. Göttingens beinharter Innenverteidiger "Charly" Sachse hatte gegen Koll nachgeschlagen und wurde von Schiedsrichter Schäfer aus Buchholz völlig zu Recht des Feldes verwiesen.

Zuversichtlich gingen die Störche in die Pause und erhöhten nach dem Seitenwechsel gegen den dezimierten Gegner noch den Druck. Schon kurz nach Wiederanpfiff hatte Koll das 1:0 auf dem Fuß, doch dem "Störche"-Torjäger versagten die Nerven. Angriff auf Angriff rollte auf das Göttinger Tor. 13:6 Ecken sollten die Statistiker nach Spielschluss registrieren. Doch je mehr Angriffe am 05-Bollwerk scheiterten, desto souveräner agierte die Gästedefensive, desto mehr Verzweiflung machte sich auf Holstein-Seite breit. Die letzte große Chance bot sich Josef Pistauer 20 Minuten vor Schluss. Danach verflachte die Partie, übernahmen die Göttinger die Kontrolle und durften nach dem Schlusspfiff folgerichtig mit ihrem mitgereisten Anhang den Einzug in die Aufstiegsrunde feiern.

Holstein war untröstlich. Zum zweiten Mal in Folge hatten die Störche knapp das Ziel verpasst. Trainer Rudi Fassnacht: "Meine Mannschaft hat erstklassig gekämpft. In der ersten Halbzeit zog sie ein gutes Kombinationsspiel auf. Nach der Pause war es schwer, zum Torerfolg zu kommen, da hatte Göttingen ja immer neun Mann hinten. Das Quäntchen Glück fehlte uns." Auch das "Sport-Magazin" versuchte zu trösten: "Dabei kämpften die Kieler großartig, doch in den entscheidenden Momenten fehlte das Quäntchen Glück und auch dei Kaltschnäuzigkeit."

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