Nach Abstieg : Fünf Gründe für den schleichenden HSV-Untergang

<p>Der 2:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach reichte nicht. Der Abstieg des HSV hatte sich bereits vorher angekündigt. </p>

Der 2:1-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach reichte nicht. Der Abstieg des HSV hatte sich bereits vorher angekündigt.

Zum ersten Mal in seiner Geschichte steigt der Hamburger SV ab, aufgrund der vergangenen Jahre keine Überraschung.

shz.de von
13. Mai 2018, 16:43 Uhr

Hamburg | Das letzte Gründungsmitglied der höchsten deutschen Fußball-Liga spielt in der kommenden Saison erstmalig in der 2. Bundesliga. In den vergangenen vier Jahren ging es für die Hanseaten ausschließlich gegen den Abstieg. Dabei hatte der HSV stets das Glück auf seiner Seite. Dieses ist nun endgültig aufgebraucht. Fünf Gründe führten über Jahre hinweg zum ersten Abstieg in der Vereinsgeschichte des Hamburger SV.

Trainerwechsel

Keine andere Mannschaft der Bundesliga hatte in den vergangenen Jahren einen derartigen Trainerverschleiß wie der HSV. In elf Jahren versuchten sich 17 Trainer an der Profimannschaft. Seit der ersten „Krisen“-Saison 2013/14 sind es alleine neun Trainer. Jeder Coach brachte eine andere Spielidee mit. Kontinuität? Fehlanzeige!  Und wenn früher reagiert werden musste – siehe die grausame Entwicklung unter Bernd Hollerbach – schlief die Vereinsführung.

<p>Sieben Spiele, kein Sieg: Bernd Hollerbachs Zeit als Trainer war nicht von Erfolg gekrönt. </p>
Imago/Ulmer

Sieben Spiele, kein Sieg: Bernd Hollerbachs Zeit als Trainer war nicht von Erfolg gekrönt.

Nicht selten wechselte sie zweimal pro Saison den Trainer aus. In den meisten Fällen wurde dann auch entsprechend im Kader rotiert. Frisches Blut aus der Zweiten musste helfen, vermeintliche Routiniers wurden degradiert oder Spieler, die vom Vorgänger abgesägt worden waren, feierten ein Comeback in der ersten Mannschaft. Bei (fast) allen Trainern dasselbe Ergebnis: Erfolgslosigkeit.

Unruhiges Umfeld

Nein, die Trainer waren nicht die einzigen, die munter beim HSV ein- und ausgingen. So feierten Dietmar Beiersorfer und Bernd Hoffmann Comebacks in unterschiedlichen Funktionen in der Führungsriege. Auch Störgeräusche wie die peinliche Rucksackaffäre – ausgelöst vom ehemaligen Sportdirektor Peter Knäbel – oder das ständige Einmischen von Klaus Michael Kühne beziehungsweise das Gelderbetteln des HSV beim eben genannten Gönner waren für die Außendarstellung nicht förderlich. Die Glaubwürdigkeit des Bundesliga-Dinos schrumpfte kontinuierlich – professionelle Arbeit sieht anders aus.

Transferpolitik

Walace, Alex Silva, Marcus Berg, David Rozenahl, Thiago Neves, Alen Halilovic – das sind nur sechs von insgesamt unzähligen Fehleinkäufen des HSV. Bitter: Alle haben enorm viel Geld gekostet, niemand schlug ein. Natürlich haben auch andere Bundesliga-Vereine mit ihren Neuverpflichtungen daneben gelegen. Aber das Verhältnis von Transfersumme und Leistung klafft bei keinem anderen Verein so weit auseinander wie bei der Einkaufspolitik des HSV. In den jüngsten Jahren kaufte der Bundesliga-Dino ausschließlich nach Namen. Ein Beispiel: Filip Kostic spielte eine ordentliche Saison beim damaligen Absteiger VfB Stuttgart. Für 14 Millionen Euro wechselte der Serbe an die Elbe.

<p>War Filip Kostic wirklich 14 Millionen Euro wert?</p>
Imago/Hübner

War Filip Kostic wirklich 14 Millionen Euro wert?

Auch der VfL Wolfsburg war am Spieler dran. Gehaltstechnisch dürfte der HSV also die Wölfe ausgestochen haben. Die Leistung Kostics ist keine 14 Millionen Euro wert, im Gehaltsranking dürfte er im Bundesliga-Vergleich ziemlich weit oben stehen. Und genau hier ist das Problem: Hungrige, junge Spieler wechseln zum HSV. Dort werden sie mit Geld zugeschüttet und lehnen sich entsprechend zurück. Dieses Prinzip zieht sich bei der HSV-Transferpolitik über Jahre hinweg wie ein Roter Faden durch. Sobald ein leistungsstarker Spieler das Trikot mit der Raute überzieht, scheint er den Ehrgeiz, den Hunger und schlichtweg das Talent zu verlieren.

Keine Identifikation

Wer kämpfte wirklich für den Klassenerhalt des HSV und nicht für seinen eigenen Marktwert? Spontan fallen da nicht allzu viele Akteure ein, die die Raute nicht nur auf dem Trikot, sondern im Herzen tragen. Spieler wie Lewis Holtby und Kyriakos Papadopoulos sind sogenannte Mentalitätsspieler. Sie reißen die Mannschaft und das Publikum mit. Aber aus dem aktuellen Kader hat sich lediglich Kapitän Gotoku Sakai zum Verein bekannt – auch in der 2. Bundesliga. Verständlich, dass kein Spieler gerne von der Bundesliga in die 2. Bundesliga geht. Allerdings wäre ein Signal an die Fans, an das Umfeld wichtig gewesen. Spieler, die mit dem HSV ohne Zweifel verbunden sind, gab es seit Jahren nicht mehr. Der Dienstälteste heißt Dennis Diekmeier. Dieser wird den HSV nach der Saison verlassen – kein Bekenntnis, kein Drama. Die Spieler kommen und gehen. Das Gehalt lockt die Talente zum HSV, nicht die Raute. Ein Gegenbeispiel: der 1. FC Köln. Die Leistungsträger Timo Horn und Jonas Hector – seines Zeichens immerhin Nationalspieler – gehen mit den Geißböcken in die 2. Bundesliga. An Alternativen dürfte es sicherlich nicht gefehlt haben.

Erwartungen

Sechs Meisterschaften, drei DFB-Pokal-Siege und ein Champions-League-Triumph – der HSV hat schon einige Trophäen gesammelt. Das Problem: Der jüngste Titel – der Pokalsieg 1987 – liegt schon über 30 Jahre zurück. Die Erwartungen sind beziehungsweise nach dem Abstieg waren schon immer enorm hoch. Die Fans träumten von den besseren, den erfolgreicheren Zeiten. 

Das ist überhaupt nicht verwerflich. Was dem HSV allerdings geschadet hat: Diese Erwartungen wurden stets von der Vereinsführung mitgetragen. Die Realität wurde gerne und nicht nur einmal in den Hintergrund geschoben. Der Abstiegskampf wurde stets zu spät angenommen. Nach dem Motto „das wird schon, das ist ein Ausrutscher“ wurde sich von Saison zu Saison geschleppt in der Hoffnung, das es nächstes Jahr besser wird.  

Der HSV wurde europaweit immer gerne als schlafender Riese bezeichnet. Aufgewacht ist er nun jedoch in der 2. Bundesliga.

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