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Vor Eröffnung in Aserbaidschan : Europaspiele 2015 in Baku: Viel Sport und ganz viel Kritik

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Die Debatte um Menschenrechtsverletzungen überstrahlt die Premiere der Spiele. Der sportliche Wert ist fraglich.

shz.de von
erstellt am 11.Jun.2015 | 17:39 Uhr

Baku | Am Freitag beginnen die Europaspiele. Die Glitzer-Fassade Bakus vermittelt nicht nur den deutschen Athleten olympisches Flair, noch überstrahlt aber die Debatte um Menschenrechtsverletzungen die Europaspiel-Premiere. Hinter der Kulisse mit dem Hochglanz moderner Sportanlagen steht wenige Stunden vor Eröffnung des Events mit 20 Sportarten weiter der autoritär regierte Gastgeber im Fokus.

Die ersten Europaspiele finden vom 12. bis 28. Juni im aserbaidschanischen Baku statt. Die Stadt war der einzige Bewerber für die Ausrichtung der Spiele und wurde mit 38 zu 8 Stimmen gewählt. Veranstalter der ersten Austragung sind die Europäischen Olympischen Komitees. Insgesamt sind 20 Sportarten vertreten, 16 olympische und vier nicht-olympische. Vergleichbare Multisportveranstaltungen gibt es auch in anderen Regionen der Welt, wie beispielsweise die Asienspiele oder die Ozeanienspiele. Die aserbaidschanische Regierung von Staatspräsident Ilham Aliyev wird von Menschenrechtsorganisationen für ihr hartes Vorgehen gegen kritische Journalisten, Menschenrechtsverteidiger und Oppositionelle kritisiert.

Am Donnerstag wurde einem englischen Journalisten die Akkreditierung und damit die Einreise nach Aserbaidschan verweigert. Die Berichte über die Pressefreiheit hätten sich nicht geändert, „wir sind weiterhin besorgt“, hatte DOSB-Vorstandschef Michael Vesper zuvor noch zur Situation im Land erklärt.

Zum Sportlichen: Vesper berichtete nach seiner Ankunft im Flieger mit Fahnenträger Fabian Hambüchen von „Neugier“ auf die ersten Europaspiele. „Ich bin gespannt wie die Spiele laufen. Manchmal hat man den Eindruck, dass der Sport hier gar keine Rolle spielt, aber er spielt eine Rolle. Es ist im Kern ein Sportfest.“ Dies muss sich an den 17 Wettkampftagen mit der Vergabe von 253 Goldmedaillen beweisen.

 

Bei der Zeremonie im Nationalstadium wird Kremlchef Wladimir Putin sich neben dem europaweit kritisierten aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev präsentieren, die deutsche Spitzenpolitik fehlt hingegen.

Die Verhältnisse im Gastgeberland seien ihm keinesfalls gleichgültig, betonte Fahnenträger Hambüchen, für den am Wochenende der erste Wettkampf ansteht. „Du lebst im Dorf, aber das heißt nicht, dass du vom Land nichts mitbekommst. Wenn du auf politische Dinge stößt, sollte man als Sportler interessiert sein.“ Einen Boykott lehnt der zweimalige Olympiamedaillengewinner - wie auch Menschenrechtler - ab.„Das bringt doch nichts. Das bestärkt nur die Politiker und die machen ihren Dreck dann weiter wie bisher.“

Nach mehreren Menschenrechtlern durfte auch Chef-Sportkorrespondent Owen Gibson vom „Guardian“ nicht nach Baku einreisen. Der Antrag auf Akkreditierung und damit sein Visum wurden nach Zeitungsangaben am Donnerstag abgelehnt. Das Europäische Olympische Komitee erklärte in einem Statement, dass der Bann gegen Journalisten „komplett gegen den Geist des Sports“ sei. Auf „höchster Ebene“ würden nun Gespräche mit der Regierung geführt. Aserbaidschans Sportminister Azad Rahimov erklärte lediglich: „Er hat aus verschiedenen Gründen keine Akkreditierung bekommen.“

Zum Auftakt seiner Pressekonferenz hatte EOC-Präsident Patrick Hickey noch ausschweifend Präsidenten-Gattin Mehriban Aliyeva als Vorsitzende des Organisationskomitees gelobt. Spyros Kapralos von der Koordinierungskommission für die Europaspiele schwärmte mit Blick auf den anstehenden Formel-1-Grand-Prix und Spiele bei der Fußball-EM 2020: „Diese Events machen Aserbaidschan stärker und bringen den Beweis, dass Aserbaidschan für die größte Veranstaltung von allen bereit ist - damit meine ich Olympia.“

 

Die deutschen Sportler fühlten sich nach ihrer Ankunft angesichts der Größe des Events mit mehr als 6000 Athleten schon an Sommerspiele erinnert. „Es ist für uns eine ganz neue Erfahrung. Es hat den Style Olympischer Spiele, das Gefühl ist ähnlich wie bei Olympia“, berichtete Volleyball-Kapitän Jochen Schöps nach den ersten Eindrücken und fügte schmunzelnd mit Blick auf die Betonbauten mit bis zu 17 Stockwerken für die Athleten hinzu. „Unsere Unterkünfte sind sogar ein bisschen höher als in London.“

In diesem Dorf der Sportler wurden am Donnerstag drei Mitglieder des österreichischen Synchron-Schwimmteams nach Angaben des nationalen Verbands auf dem Fußweg von einem Shuttle-Bus angefahren. Zwei Schwimmerinnen wurden so schwer verletzt, dass sie nach einer Behandlung im Krankenhaus zurück nach Wien geflogen wurden.

Sportlich gibt es deutliche Unterschiede zu Olympia. Bei den Becken-Wettbewerben wie Schwimmen oder Wasserball starten nur Junioren, in der Leichtathletik findet aus Ermangelung an Unterstützung des europäischen Verbands lediglich ein drittklassiger Nationenwettbewerb ohne deutsche Beteiligung statt. Eine „Schwachstelle der Spiele“, formulierte DOSB-Präsident Alfons Hörmann und meinte zur Zukunft der Europaspiele: „Spätestens nach dem zweiten Mal muss man einen Strich drunter machen und wägen und wiegen, wie die Erfahrung ist, ob das Projekt dauerhaft Sinn macht.“

Zunächst muss aber ein neuer Gastgeber für die 2019 geplante zweite Auflage gefunden werden. Der ursprüngliche Ausrichter Niederlande hatte sich vor allem aus finanziellen Gründen zurückgezogen. EOC-Chef Hickey berichtete von zwei ungenannten Städten, die schon zuvor interessiert gewesen seien. Nach den Baku-Spielen soll entschieden werden, zu den ursprünglichen fünf weiteren Kandidaten gehörte auch Weißrussland - weitere Diskussionen wären vorprogrammiert.

Die sportlichen Fakten der Europaspiele auf einen Blick:

Wie lange dauern die Spiele? 17 Tage (12. bis 28. Juni)
Wie viele Sportarten gibt es? 20
Wie viele Athleten sind dabei? Mehr als 6000
Wie viele Nationen treten an? 50
Wie viele Goldmedaillen werden vergeben? 253
Wo werden die Spiele im deutschen TV gezeigt? Sport1

 

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