Nach Rücktritt von Mesut Özil : Ehemaliger DFB-Sprecher Stenger: Grindel "der schlechteste Präsident"

Mesut Özil ist nach einem Rundumschlag aus der Nationalmannschaft zurückgetreten.
Mesut Özil ist nach einem Rundumschlag aus der Nationalmannschaft zurückgetreten.

Die Reaktionen zu Mesut Özils Rücktritt aus der Nationalmannschaft sind mitunter heftig.

shz.de von
22. Juli 2018, 21:41 Uhr

Hamburg | Mesut Özil verteidigte die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und holte anschließend gegen die Medien und DFB-Sponsoren aus – aber den Hammer behielt er sich bis zum Schluss auf: den Rücktritt aus der Nationalmannschaft. In einem dreiteiligen Statement holte der Weltmeister von 2014 zum Rundumschlag aus. Besonders an DFB-Präsident Reinhard Grindel ließ Özil kein gutes Haar.

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Lob aus der Türkei

Türkische Regierungspolitiker haben sich auf die Seite des Fußballers geschlagen. Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb am Sonntagabend auf Twitter: "Wir unterstützen die ehrenhafte Haltung unseres Bruders Mesut Özil von Herzen." Justizminister Abdulhamit Gül gratulierte dem gebürtigen Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln, weil dieser mit seinem Rücktritt das "schönste Tor gegen den faschistischen Virus geschossen" habe.

Der Sprecher des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, Ibrahim Kalin, begrüßte Özils Aussage, dass er den türkischen Präsidenten wieder treffen würde. Weiter schrieb er auf Twitter: "Aber stellen Sie sich vor, welchem Druck Herr Mesut in diesem Prozess ausgesetzt war. Wo sind Höflichkeit, Toleranz, Pluralismus geblieben...?!"

Linken-Chefin ärgert sich

Linken-Chefin Katja Kipping hat die Debatte um  Fußballstar Mesut Özil als vielschichtig und "ärgerlich" bezeichnet. "Man weiß gar nicht, worüber man sich mehr ärgern soll: Über das deplatzierte Foto mit dem Despoten Erdogan oder über die rassistische Debatte, die danach über Mesut Özil hereingebrochen ist", sagte Kipping im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag). Es gebe viele Gründe für das Vorrunden-Aus der Nationalmannschaft, ganz bestimmt habe es aber nicht am Foto Özils mit dem türkischen Staatspräsidenten  Recep Tayyip Erdogan gelegen, betonte die Vorsitzende der Linken. Dieses Foto sei "ärgerlich" - nicht weil Erdogan Staatspräsident sei, "sondern weil er ein Despot ist, der die Meinungsfreiheit und Menschenrechte mit Füßen tritt".

Zwanziger "tief traurig"

Theo Zwanziger (73), von 2004 bis 2012 Präsident des DFB, bedauert Özils Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft. Durch den Entschluss des türkischstämmigen Weltmeisters von 2014 befürchtet er im Interview der Deutschen Presse-Agentur Folgen, die über den Fußball hinaus gehen. Beim DFB sieht er Fehler in der Kommunikation.  

Zwanziger: "Ich bin tief traurig über die von Mesut Özil getroffene Entscheidung. Wenn es zu Konflikten kommt, muss man unglaublich schnell versuchen, diese Konflikte durch Gespräche zu erledigen. Das hat der DFB vor der WM aus welchen Gründen auch immer nicht geschafft und jetzt kommt der Vorgang wieder hoch. Durch Fehler in der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen. Wenn dieser Eindruck entsteht, muss man gegensteuern."

"Der schlechteste Präsident"

Der frühere Pressesprecher des Deutschen Fußball-Bundes, Harald Stenger, hat DFB-Präsident Reinhard Grindel unmittelbar nach dem Rücktritt von Nationalspieler Mesut Özil scharf kritisiert. "Grindel war und ist der schlechteste DFB-Präsident, den ich je erlebt habe", sagte der 67-Jährige in einem Interview des TV-Senders Sky Sport News HD. Für Stenger ist der CDU-Politiker an der Spitze des DFB nicht mehr tragbar.

"Das Problem von Reinhard Grindel war, dass er es nicht geschafft hat, von Anfang an eine klare Linie zu ziehen. Er hat immer nur rumgeeiert und wollte das alles aussitzen. Es war alles nur populistisch und so kann man einfach keinen Verband führen", prangerte Stenger in Bezug auf die Causa Özil an.

Dieser hatte nach 92 Spielen im Nationaltrikot am Sonntagabend über Twitter seinen Rücktritt erklärt. Er begründete dies auch mit Rassismus innerhalb des DFB. Zugleich warf er Grindel vor, dass dieser ihn zum "Sündenbock" für das schlechte Abschneiden bei der WM machen wolle. "Wenn er ehrlich ist, muss er sehen, dass seine Zeit als DFB-Präsident abgelaufen ist", sagte Journalist Stenger über Grindel.

Heftige DFB-Kritik im Netz

Für seine Kritik an Grindel bekommt Özil im Netz größtenteils Zustimmung. Allerdings fehlt vielen eine Selbstreflexion, was die Fotos mit Erdogan angeht. Ein Überblick:

Bundestagsabgeordnete Renate Künast (Grüne) fordert den Rücktritt Grindels:

Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sieht die Rassismus-Vorwürfe Özils gegen den Deutschen Fußball-Bund als Signal für ein tieferliegendes gesellschaftliches Problem:

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), schrieb auf Twitter, es sei "gut, dass sich Özil endlich erklärt hat":

NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU), die selbst türkische Wurzeln hat, twitterte:

 

Formel-1-Rennfahrer Nico Rosberg bedankt sich bei Özil:

Auch Ex-Nationaltorhüter Bodo Illgner äußert sich zum Özil-Rücktritt:

Selbst der südafrikanische Comedian Trevor Noah von der Late-Night-Show "The Daily Show" nimmt Özils Satz "Ich bin ein Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Immigrant, wenn wir verlieren" auf:

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