Interview zum WM-Start : Draxler: „Ich bin nicht mehr der kleine Jule“

Im Interview spricht Julian Draxler über seine Erwartungen an die WM.
Im Interview spricht Julian Draxler über seine Erwartungen an die WM.

Im Interview spricht Julian Draxler über seinen Führungsanspruch im Nationalteam und Leroy Sané.

shz.de von
14. Juni 2018, 17:23 Uhr

Moskau | Beim Titelgewinn 2014 feierte Julian Draxler nur einen Kurzeinsatz im legendären Halbfinale gegen Brasilien (7:1). Für das Turnier in Russland hat sich der Ex-Schalker, der nach einem unglücklichen Gastspiel beim VfL Wolfsburg seit 2017 bei Paris Saint-Germain spielt, viel vorgenommen. Im Rahmen einer Interviewrunde vor dem Abflug nach Russland sprach er über seine Erwartungen – und die des Bundestrainers.

Herr Draxler, welche Erwartungshaltung haben Sie an Ihr zweites WM-Turnier?

Julian Draxler: Persönlich: Mehr zu spielen als 2014. Damals war ich in einer anderen Ausgangsposition. Ich war ganz jung und kam aus einer schwierigen Phase bei Schalke. Jetzt bin ich bereit. Ich spiele bei einer großen Mannschaft in Paris, und habe mich an das Niveau angepasst, was man abrufen muss, wenn man so ein Turnier spielen möchte. Ich hoffe, dass ich meine Einsätze bekommen werde und dem Bundestrainer zeigen kann, dass er auf mich bauen kann.

Sehen Sie sich in einer Führungsrolle?

Früher oder später schon. Das Ziel habe ich. Seit ich 18 bin, bin ich permanent bei der Nationalmannschaft dabei. Ich kenne die Abläufe und bin als Spieler gereift. Die Zeit kann man nicht aufhalten, ein Umbruch wird irgendwann kommen und dann wird es Spieler geben, die in neue Rollen reinwachsen müssen. Es wäre wünschenswert für mich, eine dieser Rollen einzunehmen. Aber ich stelle mich jetzt nicht hier hin und sage, okay, ab heute bin ich Führungsspieler. Das ist ein Prozess.

Was hilft dabei?

Jede Erfahrung. Ich hatte bei Schalke am Ende eine schwierige Phase mit dem Vereinswechsel nach Wolfsburg, wo ich als Mensch gereift bin.

Jetzt erkunde ich mit Paris eine neue Stadt, ein neues Land. Ich habe mich gegen Widrigkeiten durchgesetzt. Eigentlich hatte ich ein super erstes halbes Jahr, dann aber mit Mbappe und Neymar zwei nicht so schlechte Konkurrenten vor die Nase gesetzt bekommen. Aber ich bin auf meine Spiele gekommen. Ich glaube, dass ich an den Aufgaben wachse. Ich bin noch nicht am Ende meiner Entwicklung und habe noch Luft nach oben.

Sie sind mit Leroy Sané befreundet. Wie hat er die Entscheidung aufgenommen, nicht bei der WM dabei zu sein?

Er ist sicher nicht so locker, wie er vielleicht immer tut. Er wäre schon sehr gerne dabei gewesen und es geht ihm nicht am Allerwertesten vorbei. Aber er wird sich darauf besinnen, dass er eine starke Saison bei City gespielt hat, dass er englischer Meister wurde. Er wird jetzt im Urlaub Kraft tanken und dann im nächsten Jahr wieder angreifen und sicher wieder dabei sein.

In den finalen Kader hat es Leroy Sané (links) nicht geschafft. Foto: dpa/Christian Charisius
dpa/Christian Charisius
In den finalen Kader hat es Leroy Sané (links) nicht geschafft. Foto: dpa/Christian Charisius

Sie könnten auch sagen: Ein Konkurrent weniger . . .

Leroy war sicher mit Marco Reus ein Konkurrent von mir. Ich glaube, dass der Bundestrainer mir insgesamt vertraut, deswegen habe ich jetzt nicht im Zimmer die Faust geballt, weil Leroy nicht dabei ist. Ich konzentriere mich auf mich.

War Ihre Leistung beim Confed-Cup im vergangenen Jahr ausschlaggebend?

Auf jeden Fall. Das Turnier war für viele Spieler ein gutes Sprungbrett für die Weltmeisterschaft. Ich konnte dem Bundestrainer zeigen, dass er mir vertrauen kann. Deswegen habe ich mir auch keine Sorgen gemacht, dass ich nicht bei der WM dabei sein werde.

Wie ordnen Sie Ihre Position in der Teamhierarchie ein?

Dass ich nach dem Confed-Cup nicht Kapitän bleibe, war mir natürlich klar (lacht). Aber ich glaube schon, dass ich mir eine Menge Respekt erarbeitet habe bei den gestandenen Spielern. Ich bin nicht mehr der kleine Jule.

Welche Erwartungshaltung hat Löw an Sie?

Ich hatte mehrere gute Gespräche mit ihm, in denen er gesagt hat, dass ich eine entscheidende Rolle im Team einnehmen kann.

Was macht Ihnen noch Hoffnung für die WM, was fürchten Sie vielleicht?

Es ist ein Vorteil, dass wir die die Dimension eines solchen Turniers kennen und mit Drucksituationen umgehen können. Ich glaube allerdings nicht, dass es ein Vorteil ist, dass wir das Turnier 2014 gewonnen haben. Im Gegenteil. Die anderen Mannschaften werden alles versuchen, um uns vom Thron zu stürzen.

Besonders Frankreich macht einen starken Eindruck. Sie kennen die Franzosen, sind sie eine besondere Gefahr?

Die müssen auch erstmal beweisen, dass sie wirklich so stark sind. Sie haben großes Potenzial in der Mannschaft, ich kenne die viele Spieler ja aus der französischen Liga, aber die Drucksituation bei einer Fußball-WM ist noch einmal etwas ganz anderes. Ich schätze Frankreich sehr stark ein, es gehört zu den Top-Vier-Favoriten. Aber gute Einzelspieler haben noch kein Turnier gewonnen.

Beim Confed-Cup hatte sich der DFB für Schwarzmeerstadt Sotschi als Teamquartier entschieden. Jetzt für Watutinki, 40 Kilometer vor Moskau, in einer eher trostlosen Gegend. Waren Sie ein Sotschi-Verfechter?

Sotschi wäre sicherlich schöner gewesen mit viel Sonne, Strand und Meer. Aber wir haben uns intern auch noch mal gesprochen mit einigen Spielern, die beim Confed-Cup dabei waren. Am Ende dauert so ein Turnier sehr lange. Dass wir uns mit dem Quartier bei Moskau mehrere Reisetage und eine ganze Menge Flugstunden ersparen, kann am Ende entscheidend sein. Deshalb haben wir uns für die Nähe Moskaus entschieden.

In der neuen Saison bekommen sie mit Thomas Tuchel einen deutschen Trainer, ein Vorteil?

Das wird sich zeigen. Es ist schon von Vorteil, wenn man die Kommunikation auf Deutsch hat. Ich bin von Unai Emery als Trainer überzeugt, aber die Kommunikation mit ihm war nicht immer ganz leicht. Ich spreche nicht perfekt Französisch, er auch nicht. Vielleicht haben wir ab und an aneinander vorbeigeredet. Jetzt bin ich sehr gespannt auf Thomas Tuchel und freue mich auf ihn.

Haben Sie Ihre Ernährung schon umgestellt?

(lacht) Vielleicht hat er den ein oder anderen Tipp für mich. Mittlerweile weiß aber schon, was mir bekommt und was nicht. Ich glaube nicht, dass ich komplett auf vegan umsteigen werde, aber vielleicht kann er mich überzeugen.

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