Kegeln, Faustball, Skat : Diese Sportarten kämpfen ums Überleben

<p>Die Hochzeit von Traditionssportarten wie Skat, Faustball oder Kegeln in SH ist längst vorbei.</p>
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Die Hochzeit von Traditionssportarten wie Skat, Faustball oder Kegeln in SH ist längst vorbei.

Vor 30 Jahren wurde das Vereinsleben in SH noch ganz anders betrieben. Nach Feierabend traf man sich zum Kartenspielen oder Bewegen. Was ist aus den alten Traditionssportarten geworden?

shz.de von
03. Januar 2018, 21:24 Uhr

Kegeln war einst eine Art Volkssport. „Nicht nur Sportclubs füllten die Kegelhallen, sondern auch Betriebssportgruppen und viele Freizeitkegler, die sich nach Feierabend trafen“, sagt Kai Christensen, Vorsitzender des Vereins Husumer Kegler. Heute kämpft die Traditionssportart um jeden Kegler und vor allem gegen das Aussterben. 1985 waren in Schleswig-Holstein noch 13.032 Mitglieder in Kegel- und Bowlingsportvereinen organisiert, heute sind es nur noch 2062 Sportler.

Die starke Konkurrenz durchs Internet und andere Freizeitaktivitäten betrifft nicht nur den Kegelsport. Dieses Problem teilen viele Vereine. „Die einzige Sportart rund um Husum, deren Mitgliederzahl steigt, ist vermutlich der Golf. Aber auch hier gilt wieder: Individualität first. Golfer sind zeitlich und örtlich flexibel“, überlegt Christensen. Gründe für das rückläufige Interesse am Vereinsleben sieht der Vorsitzende unter anderem in der steigenden Anzahl von Freizeitmöglichkeiten. „Ich glaube, dass die Leute sich nicht mehr auf eine Sportart oder einen Sporttag festlegen wollen“, so Christensen.

Die Kegler stehen mit ihrem Problem nicht alleine da. Auch die Skatspieler haben große Nachwuchssorgen. Bei den Faustballern, Rhönrad- sowie Trampolinturnern läuft auch nicht alles rund.

Kegeln – Stirbt die Sportart aus?

Der Kegelsport ist über 150 Jahre alt, seine Hochzeit feierte er Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren. Damals wurde in Husum eine neue Acht-Bahnen-Kegelsportanlage gebaut, schließlich sogar auf zwölf Bahnen erweitert. „Das löste einen Boom aus, sodass wir Anfang der 1980er-Jahre knapp 700 Mitglieder im Verein hatten“, weiß Christensen, Vorsitzender des Vereins Husumer Kegler. Heute liegen die Zahlen bei etwa 120 Mitgliedern. „Wir werden immer weniger Kegelsportler in Schleswig-Holstein – landesweit und auch in Husum“, so das Vorstandsmitglied des Schleswig-Holsteinischen Sportkegelverbands (SHKV). Landesweit gebe es noch knapp 60 Keglervereine. Sie sind Dachverbände für mehrere Kegelsport-Clubs in einer Region. Der Husumer vereint beispielsweise rund 14 Clubs mit jeweils sechs bis 39 Mitgliedern.

Diese rückläufige Entwicklung kann auch Rainer Goerke, Pächter der Gastwirtschaft in der Husumer Kegelsporthalle, bestätigen. „Früher lief die Vermietung ganz alleine, heute müssen wir viel mehr Werbung machen“, sagt Goerke.

Im Vergleich zum vergangenen Jahr seien die Mitgliederzahlen in Husum nur gering gesunken – durch Todesfälle. Das Problem sei unter anderem auch die Alterstruktur. „Etwa zwei Drittel sind 60 Jahre alt oder älter“, sagt Christensen. Schwierig sei es, neue Mitglieder zu generieren. „Wir laden mindestens einmal im Jahr alle Grundschüler, teilweise auch Schüler von weiterführenden Schulen zum Tag der offenen Tür ein. Wenn wir dann von 80 Teilnehmern etwa ein bis zwei Anmeldungen haben, ist das schon ein Erfolg“, erklärt der Vorsitzende.

Viele Vereinshallen haben in den vergangenen Jahren geschlossen, einige Vereine sich aufgelöst, weiß Christensen als SHKV-Referent für Öffentlichkeitsarbeit. „Für Husum habe ich eine leise Hoffnung. Als Vorsitzender und Miteigentümer der Kegelsporthalle habe ich den Ansporn, dass die Zahlen nicht weit unter 100 Mitglieder fallen, damit wir die Halle halten können.“

Skat – die Vereine überaltern

<p>Die Skatvereine plagen landesweit starke Nachwuchssorgen.</p>
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Die Skatvereine plagen landesweit starke Nachwuchssorgen.

 

Der Skat-Sport hat ähnliche Probleme wie die Kegler. „Wir überaltern so langsam. Es wird immer schwieriger, Nachwuchs heranzuschaffen“, sagt Hans-Hermann Fuchs, Vorsitzender des Skatverbands Schleswig-Holstein/Hamburg. Als er jung gewesen sei, habe es noch keine Computer gegeben. „Da hat man sich zuhause anders beschäftigt – beispielsweise mit Karten spielen.“ Ein anderer Grund: Man müsse auch immer Leute in den Vereinen finden, die sich intensiv ein bis zweimal in der Woche mit dem Nachwuchs beschäftigen – ehrenamtlich.

Dafür gebe es aber auch positive Beispiele wie eine Gruppe in Rantrum, wo die Jugend stark gefördert wird. Viele Jugendliche haben zudem irgendwann andere Dinge im Kopf: Mädels, Fußball oder Handball. „Da kann man nur hoffen, dass sie später wieder zum Skat zurückkommen“, so Fuchs. Skat sei immer noch sehr populär. Aber viele wollen es beim Hobby belassen und meiden den Leistungsdruck in den Vereinen.

All dieses Gründe sorgen dafür, dass die Mitgliederzahlen in den Skatvereinen stetig sinken. 1995 habe es bundesweit noch etwa 40.000 Mitglieder im Deutschen Skatverband gegeben, heute sind es noch knapp die Hälfte. „In Schleswig-Holstein und Hamburg gibt es noch etwa 180 Vereine mit etwa 2600 Mitgliedern“, weiß der Vorsitzende des Landesverbandes. In seinem Verein in Hademarschen liege der Altersdurchschnitt bei etwa 63 Jahren. „Es wäre schön, wenn wir wieder eine Gruppe Jugendlicher – eine Clique – zusammen bekommen.“

Dass Klischee man treffe sich zum Skatspielen, Rauchen und Trinken in der Kneipe, treffe nicht zu. Die Veranstaltungen sind rauchfrei. Viele kommen auch mit dem Auto und können gar nichts trinken. Also wird auch Nicht-Alkoholisches und Kaffee ausgeschenkt", bekräftigt Fuchs.

Faustball - Vereine brechen weg

<p>Vereine, die Faustball anbieten, werden immer weniger. Die Mitgliederzahlen in SH bleiben aber seit Jahren gleich.</p>
Foto: imago/blickwinkel

Vereine, die Faustball anbieten, werden immer weniger. Die Mitgliederzahlen in SH bleiben aber seit Jahren gleich.

 

„Man kann schon sagen, dass pro Jahr etwa ein Faustball-Verein in Schleswig-Holstein verschwindet“, sagt Thomas Boll, Landesfachwart Faustball. Anfangs behelfe man sich noch mit Gründungen von Spielgemeinschaften. Mehrere Vereine tun sich zusammen, um weiterhin am Spielbetrieb teilnehmen zu können, irgendwann lösen sie sich dann aber doch auf. In den 1980er- bis Anfang der 1990er-Jahre gab es noch etwa 80 bis 90 Vereine in Schleswig-Holstein, heute sind es noch rund 55 auf Landesebene.

Dennoch hat sich die Zahl an schleswig-holsteinischen Faustballern seit Jahren bei etwa 1200 eingependelt. „Zu Spitzenzeiten hatten wir mal rund 1600 Mitglieder. Seit Jahren zählen wir aber zwischen 1150 und 1200“, sagt Boll.

Der Grund: die Nachwuchsarbeit anderer Vereine kann die wegfallenden Sportler ausgleichen. „Vereine, die keine Jugendarbeit leisten, brechen hingegen irgendwann weg“, so der Landesfachwart. Um Werbung für den Faustball zu machen, gibt es einen Schulsportbeauftragten, der sowohl Sportlehrer ausbildet, als auch landesweite Schulmeisterschaften durchführt. Boll: „Natürlich muss dann auch in der näheren Umgebung des Wohnortes ein Faustballverein existieren, damit die Jugendlichen am Ball bleiben.“ Das sei aber gerade im Norden des Landes ein Problem und deswegen seien die Mitgliederzahlen dort rückläufiger als im Süden.

Rhönradturnen – Spaß steht im Fokus

<p>Rhönradturnen ist noch immer beliebt. Allerdings sinkt die Anzahl an Leistungssportlern stetig.</p>
Foto: Marcus Dewanger

Rhönradturnen ist noch immer beliebt. Allerdings sinkt die Anzahl an Leistungssportlern stetig.

 

Mit einem generellen Mitglieder-Schwund hat die Rhönradsparte des TSB Flensburg nicht zu kämpfen, ist Jo Russer, Verantwortlicher und Gründer der Sparte, überzeugt. Während der Verein in seiner Hochzeit um 2012 noch etwa 90 Mitglieder zählte, sind es heute noch 63. „Dass die Sportart ausstirbt, befürchte ich nicht.“ Das Problem liege mehr darin, was die Mitglieder machen. „Für die meisten steht der Spaß im Fokus. Es gibt nur noch vereinzelt Leute, die mit zwei Trainingseinheiten in der Woche versuchen, leistungsorientiert zu turnen“, so Russer. Um erfolgreich Rhönrad zu turnen seien allerdings mindestens drei bis vier Wocheneinheiten notwendig.

Von den 63 Mitgliedern sind sieben Erwachsene im Alter von 40 und 70 Jahren. Die restlichen Turner sind zum Großteil Mädchen im Alter von sieben bis 15 Jahren. Diese wollen vor allem eins: Spaß haben.

Das war mal anders. Bis 2014 gehörten dem Verein große Rhönradturner wie Tim Seidel und Weltmeister Christoph Clausen an. „Das war eine Konstellation junger Männer, die im gleichen Alter und auch privat befreundet waren. Als sie aufhörten – das war die Wende vom Leistungssport zum Spaßturnen“, sagt Russer.

Die Nachbarschaftsvereine wie Munkbrarup oder die Trainingsgemeinschaft Grundhof hätten ähnliche Probleme. Wie die Mitgliederzahlen landesweit aussehen, weiß Russer nicht. Als das Rhönradturnen seine Hochzeit hatte, habe der Schleswig-Holsteinische Turnverband entschieden, dass es reiche den Sport von den einzelnen Vereinen tragen zu lassen. Diese seien stark genug. Deswegen blieben Positionen wie der Landesfachwart Rhönradturnen im Schleswig-Holsteinischen Turnerbund unbesetzt. Das soll sich jetzt wieder ändern - laut Russer noch im Januar.

Trampolinturnen – hohe Kosten, hohes Risiko

<p>Die Trampolinturner haben einen hohen Zulauf. Ein Grund ist die Zunahme von „Jump“-Häusern in SH.</p>
Foto: Michael Staudt

Die Trampolinturner haben einen hohen Zulauf. Ein Grund ist die Zunahme von „Jump“-Häusern in SH.

 

In Schleswig-Holstein gibt es nur noch 15 Vereine, die Trampolinturnen als Leistungssport anbieten, vor 20 Jahren waren es mindestens 25 Vereine. Durchschnittlich haben diese heute etwa 20 Mitglieder. Die Turner verteilen sich aber ganz unterschiedlich. Der Verein Lübeck 1876 hat beispielsweise 58 Mitglieder, während der MTV Lübeck nur sechs zählt.

Dennoch bleiben die Mitgliederzahlen relativ konstant. Es gibt zwar einige Abgänge. „Aus unterschiedlichen Gründen: Kindern, die sich nicht an die Regeln halten und sich so verletzen, müssen wir beispielsweise sagen, dass es keinen Zweck hat“, sagt Köhne. Andere bekommen Angst oder werden einfach älter.

„Aber wir haben auch Zulauf ohne Ende“, sagt Christian Köhne, Landesfachwart Trampolinturnen und Vize-Präsident Sport des Schleswig-Holsteinischen Turnverbandes. Fast täglich kämen Anfragen für Probetrainingseinheiten. Das Problem sei mehr, Hallen zu finden, in denen das Trampolinturnen erlaubt ist. Für die Sportart sei nämlich eine Deckenhöhe von neun Metern Voraussetzung. Die meisten Sporthallen sind allerdings nur 7,50 Meter hoch.

Eine weitere Hürde sind die hohen Anschaffungskosten der Trampoline. „Ein neues Gerät kostet rund 10.000 Euro. Das kann sich nicht jeder Verein leisten“, gibt Köhne zu bedenken. Nachdem es um die Jahrhundertwende zu zwei schweren Unfällen mit Querschnittslähmung als Folge im Schulsport kam, wurden die Trampoline in den Turnhallen der Schulen verboten und günstig an Vereine verkauft. „Um ein effektives Training zu gewährleisten, sollten sich nicht mehr als sechs Leute ein Gerät teilen“, so der Landesfachwart.

Der Grund für den Zulauf liegt unter anderem an den „Jump“-Häusern, die überall im Land entstehen und die Werbetrommel für das Trampolinturnen rühren. Vor Kurzem haben zwei weitere Vereine in Schleswig-Holstein eine Trampolin-Sparte gegründet. „Ich hoffe, dass es so weitergeht. Aber es ist natürlich immer mit hohen Kosten verbunden“, so Köhne. Ein weiteres Problem ist die fehlende Perspektive im Leistungssport. „Wenn man nicht täglich trainiert und das mehrere Stunden, hat man keine Chance, in der weltweiten Szene mitzuhalten“, so der Vize-Präsident Sport. Und das können nur die wenigsten leisten.

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