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50 Jahre Dynamo Berlin : Die Retortenclubs des Fußballs: Hoffenheim ist fast überall

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Aus der Onlineredaktion

Vor einem halben Jahrhundert fing beim BFC Dynamo die Ära der Retortenclubs an. Ein Blick auf die Vereine, die für manchen „ihre Seele verkauften“ – oder nie eine hatten.

shz.de von
erstellt am 13.Jan.2016 | 18:44 Uhr

Retortenvereine haben sich in den letzten Jahren überall in der höherklassigen Fußballwelt eingenistet – zum Leidwesen der Fußball-Puristen. Ohne Hilfe durch Investoren, Mäzene oder Staat wären die Clubs nicht existent und unter jetzigen Gegebenheiten nicht überlebensfähig – das sei Wettbewerbsverzerrung und Hohn für die Ehrlichen meinen Viele. Ein historisch gewachsenes Vereinsleben bis in die Basis gebe es dort ohnehin nicht.

Viel dieser abstufenden Wertung hängt vom fußball-kulturellen Gedächtnis ab. Uralte Clubs wie Manchester City oder Bayern 04 Leverkusen haben andererseits zwar eine langjährige Fußball-Tradition vorzuweisen, jedoch wären sie ohne Almosen nie in der Spitzengruppe anzusiedeln. Manch anderer Club hingegen krabbelt als Traditionsclub in den unteren Regionen der zweiten Liga herum und wird – obwohl kein „Erfolgsverein“ – dennoch als Retortenclub bezeichnet. Es ist nicht einfach, das Plastik vom reinen grünen Bolzplatzrasen zu trennen.

BFC Dynamo, der „Stasi-Club“

Das System funktionierte doch: Der Minister für Staatssicherheit der DDR, Erich Mielke, gratuliert Andreas Thom zu DDR-Meisterschaft 1987.
Das System funktionierte doch: Der Minister für Staatssicherheit der DDR, Erich Mielke, gratuliert Andreas Thom zu DDR-Meisterschaft 1987. Foto: Imago/sp
 

Vor 50 Jahren, am 15. Januar 1966, wurde in Berlin aus dem SC Dynamo der Fußballclub BFC Dynamo: Der Premium-Zweckverein für die Funktionäre der inneren Sicherheitsorgane der DDR war gestanzt – die Form gegossen von der Stasi. Das Andenken von zehn DDR-Meistertiteln am Stück (von 1979 bis 1988) ziert noch heute mit einem Stern das Trikot des Clubs. Die „Leistungskonzentration“ brachte den Erfolg. Sie erlaubte es, Spielertransfers von überall im Land mit dem Fingerschnipps von Club-Boss Erich Mielke gen Berlin zu beordern – noch ganz ohne Ablösesummen. Doch auch in der richtungweisenden Jugendarbeit flocht man in Berlin mit viel Intensität mächtiges Reeb: Die späteren Bundesliga-Stars Andreas Thom, Frank Rohde und Falko Götz durchliefen die bis heute anerkannte Schule des BFC.

Um den Westberliner Fußball war es zu Dynamos Gründerzeit gar nicht gut bestellt gewesen. Der Abstiegskandidat Hertha BSC wurde 1965 wegen der Zahlung damals verbotener Handgelder in die Regionalliga herabgestuft. Auch auf Druck des Axel Springer Verlages verfrachtete der DFB Tasmania 1900 als Westberliner Club in die Bundesliga. Der allumfänglich überforderte Neukölner Verein entpuppte sich dort jedoch als desolat chancenlos und wurde zum Inbegriff eines deplatzierten Absteigers. Während die West-Clubs der geteilten Stadt sich also fleißig blamierten, nutzten die politischen Funktionäre der DDR die Gelegenheit, dem „überlegenen“ Ost-Teil der geteilten Stadt einen echten Spitzenclub zu verpassen.

Nach der Wende begann die Talfahrt ins Amateurlager und die Insolvenz. Doch in den letzten Jahren ging es aufwärts. Der heutige Regionallist BFC Dynamo dürfte durch seine zehn Meistertitel als einziger Club neben Bayern München drei Sterne auf der Brust tragen. Die DFL intervenierte jedoch, so dass es bei einem Stern für die ehemalige Stasi-Sportvereinigung bleibt, in dessen Mitte eine „10“ steht. In der Anhängerschaft des sozialistischen Geburt tummeln sich heute zu Teilen gewaltbereite, rechte Hooligans.

RB Leipzig: Aufbau-Ost mit Brause-Millionen

Foto: dpa

In Leipzig ist alles vorhanden: Tradition, ein großes Stadion und gehörige Fußballbegeisterung. Doch den klangvollen DDR-Namen Lokomotive, VfB, FC Sachsen und Chemie Leipzig wollte der Sprung in den Profi-Fußball der Bundesrepublik trotzdem nicht dauerhaft gelingen. 2009 kam ein Investor aus Österreich und rührte zum Entsetzen der Fans ein Vereins-Projekt aus Plastik an. Der Club RasenBallsport Leipzig e. V, kurz RB Leipzig (der Name Red Bull Leipzig wurde nicht erlaubt) wurde 2009 auf Initiative der Red Bull GmbH gegründet. Keine sieben Jahre nach Beginn des Kapitalflusses von Ulrich Mateschitz sind die „roten Bullen“ im Begriff, die erste Liga zu erreichen. Die Zuschauer kommen inzwischen in Scharen. Ob das Fan-Sammelsurium auch in sportlich schwierigen Perioden auf den Rängen applaudiert, wird sich zeigen. Zu den Projekten des Brause-Multis gehören zusätzlich RB Salzburg und RB New York.

TSV 1860 München: Kein König für die Löwen

Hasan Ismaik ist Fluch und Segen für 1860.
Hasan Ismaik ist Fluch und Segen für 1860. Foto: dpa

Kann ein Traditionsverein mit latentem Misserfolg ein Retortenverein sein? Beim TSV 1860 München sagen viele: „ja“. Der Bau der Allianz-Arena gemeinsam mit dem Erzrivalen Bayern München hat den TSV 1860 – kurz zuvor zeitweise ein Spitzenclub – Anfang des Jahrtausends finanziell völlig überfordert. Der Club musste Spieler verkaufen und stieg ab. Fast zwölf Jahre kicken die stolzen Löwen nun im Unterhaus und haben dem Lokalrivalen von der Säbener Straße das Attribut „FC Hollywood“ abgenommen.

Als der Verein 2009 in die Insolvenz abzustürzen drohte, reichte der flüssige jordanische Investor Hasan Ismaik (Foto) die rettende Hand. Trotz der eingeflossenen Millionen herrscht beim deutschen Meister von 1966 endloses Theater. Der Geldgeber hat schon lange keine Lust mehr auf dieses Hobby und ist kaum noch zu sprechen. Das Präsidium trat nach dem Klassenerhalt durch Relegation gegen Holstein Kiel in der Sommerpause 2015 mit sofortiger Wirkung geschlossen zurück. Die vorausgegangenen Misserfolge des Vereins und gescheiterten Verhandlungen mit dem Investor waren ausschlaggebend. Der Club hängt am Tropf des Jordaniers.

1899 Hoffenheim: Die Jungs vom Dorf

Foto: dpa
 

Wer von 1960-1980 keine Legenden in oberen Ligen bildete, kann heute kaum mehr ein Traditionsverein werden – da nützt auch ein „1899“ im Clubnamen nichts. So fragte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenige einst spottend über die aufstrebende Truppe der TSG 1899 Hoffenheim: „Wo waren die eigentlich die letzten 100 Jahre?“ Die TSG aus dem Sinsheimer Stadtteil Hoffenheim ist längst kein Neuling mehr. Mäzen Dietmar Hopp hat den Club mit viel Geld zu einer festen Größe im Bundesliga-Zirkus hochgemästet. Beginnend 1990 in der Kreisliga zauberte sich der Club 2008 zum Aufstieg ins Oberhaus und begeisterte dort wider Erwarten die neutralen Fans mit lebendigem Fußball – und der Herbstmeisterschaft. Inzwischen soll sich der Verein finanziell selber tragen, Leistungsträger gingen für viel Geld von Bord. Der verhasste Mäzenverein kämpft inzwischen gegen den Abstieg.

Genüsslich nahmen die Spotter (Stichwort: „die haben keine Fans“) ein Ereignis bei einem Bundesligaspiel am 13. August 2011 gegen Borussia Dortmund auf. Dort kam es durch eine eigenmächtige Maßnahme eines Mitarbeiters zu einer akustischen Attacke auf die Borussenfans. Nach eigener Aussage wollte er durch die über Lautsprecher eingesetzten Hochfrequenzklänge nicht etwa die Stille beseitigen, sondern die lauten Schmähgesänge gegen Dietmar Hopp übertönen.

FC Málaga: Scheich hin und weg

2012 wurde der FC Málaga von der Uefa mit einer harten Strafe belegt: Aufgrund von Verstößen gegen die Financial-Fair-Play-Richtlinien dürfen die Südspanier bei ihrer nächsten Qualifikation zur Strafe ein Jahr nicht in europäischen Wettbewerben antreten. Diesen Mechnismus hatte der europäische Fußballdachverband eingeführt, um Wettbewerbsvorteile durch Investorengelder zu mildern. Von den oft hoch verschuldeten spanischen Vereinen ist der FC Málaga wohl der schillerndste Griff in den Retortenkasten. 2010 kam Scheich Abdullah Bin Nasser Al Thani mit der Geldspritze aus Katar, kaufte den Club für 25 Millionen Euro und übernahm die 70 Millionen Schulden gleich mit. Insgesamt pumpte er 150 Millionen Euro in die Kassen. Mit Stars wie Santi Cazorla, Jérémy Toulalan oder Joaquín bestückt, marschierte der Verein kurzfristig in ungewohnte Höhen. Doch 2012 machte sich der Scheich aus dem Staub. Er hinterließ einen zahlungsunfähigen Club, der nur mit Transfererlösen die laufenden Gehälter finanzieren konnte. Der Verein etablierte sich mit Profis von niedrigem Marktwert im Mittelfeld.

FC Getafe:  Geldsegen als Rückschritt

Foto: dpa

Erst 1983 gegründet wurde der FC Getafe aus der Madrider Vorstadt. 2011 ging der Club zu 100 Prozent ins Vermögen der Royal Emirates Group of Companies aus Dubai (VAE). Man wolle einen „Verein der Spitzenklasse hinter Real Madrid und dem FC Barcelona“ aufbauen, verriet der Präsident Ángel Torres nach der Vertragsunterzeichnung. Ein sportlicher Segen war der fußballreligiöse Tabubruch für den zuvor durchaus erfolgreichen Club, der im Europapokal einst beinahe die Münchener Bayern aus dem Wettbewerb war, nicht. Ergebnis 2014/15: Abstiegskampf.

Paris Saint-Germain: Elitenclub in Investorenhand

Foto: dpa
 

Der französische Hauptstadtclub, der heute Superstars wie Zlatan Ibrahimović (Foto) und Thiago Silva unter Vertrag hat, galt schon immer als Plastikverein. Bis 2006 gehörte er dem Fernsehsender Canal+, dann stieg das US-amerikanische Unternehmen Colony Capital als Mehrheitseigner ein. Mit dem Eintritt der Qatar Sports Investments 2011 – offiziell als „Sponsor“ – konnte der 1970 auf Initiative von Pariser Eliten gegründete Verein also nicht mehr seine Seele verkaufen. 600 Millionen Euro sollten bis 2016 fließen. Kritiker behaupten, der Sponsor aus Qatar umgehe damit mit einem einfachen Trick die Financial-Fair-Play-Vorgabe der Uefa.

Wirtschaftlich zuvor nur die Nummer drei in Frankreich, wurde der Club auf Knopfdruck zum Gehalts-Mekka. Internationale Top-Profis entdeckten die eher graumäusige französische Ligue 1. Als Präsident wurde der Ex-Tennis-Profi Nasser Al-Khelaifi installiert. Seine Aufgabe: Den Verein zur nationalen und internationalen Nummer 1 zu machen. National ist die Mission bereits gelungen: Paris SG wurde zuletzt drei Mal Meister. Ultra- und Hooligangruppierungen gewaltbereiter Natur hat Paris Saint-Germain trotz der eher „kalten“ Tradition leider auch.

Auch der AS Monaco spielt in Frankreich beflügelt von Investorengeld: Durch den russischen Milliardär Dmitri Rybolowlew gehörte AS Monaco im Sommer 2013 zu den Fußballvereinen in Europa, die das meiste Geld für Spielertransfers ausgaben.

Schachtar Donezk: Zuckerhut am Kalmius

Foto: dpa

2009 holten der Bergarbeiterclub aus der Ukraine mit zahlreichen Brasilianern auf dem Platz den Uefa-Pokal. In den folgenden Jahren spielte man auch in der Championsleague eine Rolle. National schritt man ohnehin auf der Erfolgsspur. Von 2010 bis 2014 gewann die Mannschaft aus Donezk fünf nationale Meisterschaften in Folge. Möglich wurden die Erfolge durch den spendablen Multimilliardär Rinat Achmetow (Foto), der ein Faible für brasilianische Spieler hat. Schachtar Donezk gehört zwar zu den vier Mannschaften, die noch nie aus der Premjer-Liha abgestiegen sind, ein Spitzenteam war der Club vor den Geldzuwendungen jedoch nie.

Die Mailänder Clubs:  Kapitalfluss als Tradition

Foto: Imago/sp

In Italien gehört es lange zur Tradition, dass private Geldgeber Geld in die Vereine pumpen. So wäre es vermessen, den AC Milan, Inter und AS Rom als Retortenclubs zu bezeichnen. Silvio Berlusconi (Foto: 1986) erwarb bereits 1986 die Aktienmehrheit bei „Milan“. Die „Associazione Calcio Milan S.p.A.“ wurde eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Finanzholding Fininvest S.p.A., die dem späteren italienischen Ministerpräsidenten gehörte. Aber niemand bestritt, dass er ein „echter Fan“ eines traditionsreichsten Vereine der Welt war. Der Einstieg eines asiatischen Investors beim italienischen Erstligisten erfolgte erst 2015 – nachdem man international wie national über Jahre nicht mehr mithalten konnte. Bee Taechaubol – von den Medien schnell „Mr. Bee“ getauft – erwarb für 480 Millionen Euro 48 Prozent der Anteile, mehr wollte Berlusconi nicht hergeben. Außerdem betonte er, er wolle nicht an jemanden verkaufen „der nur schnell berühmt werden will“. Ob der Deal wirklich zustande gekommen ist, wird bezweifelt, denn angeblich soll kein Geld geflossen sein. Bei Stadtrivalen Inter sehen die Mehrheitsverhältnisse anders aus.

2013 übernahm die indonesische Investmentgruppe International Sports Capital 70 Prozent der Anteile von Intern Mailand übernimmt. Einer der drei Investoren, Erick Thohir, übernahm das Amt des Vereinspräsidenten. Der langjährige Vorgänger und Öl-Tycoon Massimo Moratti wurde zum Ehrenpräsident der Nerazzurri ernannt. Thohir ist auch Miteigentümer der Philadelphia 76ers.

Leicester City  – wahre Helden der Premier League?

Foto: dpa

Während in Deutschland mit der 50+1 Regel Vereinsverkäufen an Investoren – mit Ausnahme der von Konzernen betriebenen „Werksclubs“ VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen – der Deckel zugemacht wurde, ist der englischen Fußball schon seit Jahren in Investorenhand. Die Vereine der Premier League können gar nicht anders. Mit dem viel zitierten milliardenschweren TV-Deal wird klar: Die Premier-League soll die Weltmarke der Sportevents schlechthin werden – wenn sie es nicht schon ist.

Mit dem FC Chelsea und Manchester City sind in den letzten Jahren zwei Clubs zu Top-Adressen herangezüchtet worden, die früher eher in den unteren Regionen der Tabelle mitliefen. Arsenal London konnte finanziell aufschließen. Manchester United und der FC Liverpool leiden eher unter ihren geschäftshungrigen Eigentümern, als dass sie ihnen nutzen. Beim Blick auf die derzeitige Tabelle erhascht den Fußballfan dann Hoffnung: Leicester City, ein kleiner Club mit riesiger Fan-Basis und einem Viertel des Marktwertes von Manchester United auf Rang 2? Der letzte David zwischen der Goliath-Maschine?

Auch hier ist es eher Kitt als Kitsch: Wie der FC Portsmouth, der im FA-Cub für Furore sorgte, ist Leicester ist kein zahnloser Club, der sich im Konzert der Milliarden einen legendären Durchmarsch in die Championsleague gönnt. Der serbisch-amerikanische Multimillionär Milan Mandarić war von 2007 bis 2010 Mehrheitsaktionär und befreite den Verein mit den Spendierhosen aus der Drittklassigkeit. Anschließend verkaufte er den Club an Vichai Srivaddhanaprabha. Der thailändische Duty-Free-Milliardär mit dem fantastischen Namen sorgte nicht nur für eine volle Kasse, sondern auch für einigermaßen stabile Verhältnisse auf der unter Mandarić äußerst rutschigen Trainerbank. Die von Verpflichtung von Claudio Ranieri 2015 erwies sich als Glücksgriff. Mit Rock-Musik treibt der Italiener seine Mannschaft zu Siegen: Von wegen Plastik.

 

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