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Liverpool gegen Dortmund : BVB gegen Klopp: Ist das noch ein Heimspiel?

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Aus der Onlineredaktion

Dortmund winkt ein Fußball-Schmankerl, doch der Ball ist den Kameras schon fast egal. Jürgen Klopp ist gelandet und die Manie erreicht neue Dimensionen.

shz.de von
erstellt am 06.Apr.2016 | 19:30 Uhr

Dortmund | Live-Feed von der Ankunft am Flughafen, Twitter-Trend, Handy-Fotos aus dem Busch: Der Fußball-Papst ist heimgekehrt nach Dortmund. Folgt man dem medialen Hall, müssen sich die Spieler von Borussia Dortmund am Donnerstagabend emotional ordentlich zuschnüren, wenn die ehemalige Integrationsfigur Jürgen Klopp erstmals in Liverpool-Kluft an der Seitenlinie im Signal Iduna Park herumtanzt und englische Kommandos brüllt. Die Kameras werden argwöhnisch auf den Meistermacher blicken, auch während der Ball rollt.

Mehr Sorgen als der Einfluss auf die Profis bereiten den Dortmunder Vereinsbossen allerdings die romantischen Gefühle der Fans gegenüber der lebenden Vereins-Legende. Ein warmes Willkommen für einen gegnerischen Trainer ist im Fußball doch recht selten. Ist das noch ein Heimspiel?

Sobald das denkmalgeschützte Vereinsgesicht in falschen Kleidern einläuft, werden die Emotionen überkochen und wenn dann noch die mit den Fans der „Reds“ geteilte Einlaufhymne „You never Walk alone“ aus allen Hälsen erklingt, könnte selbst die „Gelbe Wand“ weichgespült dahinrutschen. Klopp wolle Mannschaft und Fans einlullen, mahnt dann auch einer, der den Trainer bestens kennt, BVB-Geschäftsführer Joachim Watzke. „Wir sollten im Wettkampfmodus und nicht im Umarmungsmodus sein“, so der Dortmund-Boss, „wenn die Fans Kloppo bei seiner Rückkehr abfeiern, sollten sie das erst nach dem Spiel machen“. Watze denkt als einer der wenigen an das nur drei Tage später anstehende Revierderby auf Schalke.

Während die Dortmunder Verantwortlichen Nüchternheit statt Vollrausch einfordern, schmückt sich die Stadt bereits am Vortag des Duells für das Zufalls-Rendevouz mit dem Ex. In Dortmund gibt es für Klopp schon vor der Ankunft im Hotel eine besondere Begrüßung: An drei Straßenbrücken hängen Banner mit dem süffisanten Aufdruck: „Lieber Jürgen Klopp, zuhause auf'm Platz sind Auswärtsniederlagen am besten zu ertragen. Willkommen in der tollen Stadt“. Das Motto gibt es auch als T-Shirt zu kaufen.

Inzwischen ist der Gast von der Insel in Dortmund angekommen und die ersten Fans der Reds wurden bereits singend in der Stadt getroffen.

Dringend erwartet wurde am Mittwochabend die Pressekonferenz mit Jürgen Klopp - fast schon dringender als der Anpfiff.

Und Jürgen Klopp war ganz der alte. In vertrauter Umgebung meisterte der Trainer des FC Liverpool das minutenlange Blitzlichtgewitter mit einem Dauerlächeln. Die Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte bereitete ihm sichtliches Vergnügen. Auf die vielen Fragen nach seinem Gefühlsleben antwortete er in gewohnt lockerer Manier: „Ich bin an einem Ort, an dem ich eine wunderschöne Zeit hatte. Besser hier als in Nordkorea. Aber bei einem Tor von Borussia Dortmund werde ich sicher nicht jubeln.“ Wie groß die Wertschätzung für ihn in der Revierstadt noch immer ist, bekam der Fußball-Lehrer auch zu spüren, als ihm während der Pressekonferenz ein Präsentkorb mit kleinen Aufmerksamkeiten aus der einstigen Nachbarschaft angeboten wurde.

Bereits im Vorfeld hatte Klopp gesagt: „Früher haben wir zusammen gejubelt, jetzt jubelt am Ende nur einer - das ist besser als gar keiner“. Der Hype, den es in den zwei Spielen um seine Person geben werde, gehe dem ungewollten Protagonisten vor der Viertelfinal-Schlacht aber ganz schön auf die Nerven. Jeder andere hätte sich wohl über Stalking beschwert, so wie Smartphones, Mikrofone, Anrufe und Kameras ihn verfolgen. Klopp beschwert sich nicht, er freut sich auf die Zeit: „Dass das speziell werden wird, ist ja klar. Ich war superglücklich in Dortmund“, so der Mann mit der Mütze. Was passiert, wenn Liverpool ein Tor in seinem alten Wohnzimmer schießt? „Natürlich werden ich jubeln“, sagt Klopp gegenüber dem Portal goal.com. Spätestens dann würde es auch mit der Harmonie im Stadion geschehen sein.

In England hatte sich das Kloppo-Spektakel zuletzt etwas normalisiert, weniger Paparazzi in den Büschen und angesichts nüchterner Ergebnisse weniger Messias. Doch die Story von der Rückkehr des Strahlemanns verkauft sich auch auf der Insel wie geschnitten Brot.

Im Ruhrpott nimmt man die Dramatik der kommenden Aufgabe aber doch eher gelassen. So wird dem Mann der Herzen gleich mal eine volle Hose angedichtet. Wie sagte doch Paul Breitner in einem der bedeutendsten Fußballerbonmots: „Dann kam das Elfmeterschießen. Wir hatten alle die Hosen voll, aber bei mir lief's ganz flüssig“.

Dieser Tweet ist natürlich auch nur ein Fake.

Bei all der Personifizierung wäre das Duell der beiden Traditionsvereine auch ohne das Klopp-Phänomen ein fußballromantischer Leckerbissen. Man denke an die Gemeinsamkeiten der Clubs, an das große Lied von Gerry an the Pacemakers, das die Schwarz-Gelben mit den Jungs und Mädels aus der Beatles-Stadt verbindet. Oder an die gemeinsame Abneigung gegen Blau-Weiß – ironischerweise bei beiden Clubs die Gründungsfarben – die für die heutigen Erzrivalen Schalke 04 und FC Everton stehen.

Foto: dpa

Und dann gab es da ja dieses Spiel vor 50 Jahren, ohne das die Borussen wohl kaum den Status von heute hätten. Noch heute geraten Traditionalisten beim Rückblick auf das erste Aufeinandertreffen beider Teams im Hampden Park am 5. Mai 1966 ins Schwärmen. Vor 50 Jahren traf Reinhard „Stan“ Libuda in der Verlängerung zum 2:1-Sieg und bescherte dem BVB als erstem deutschen Club mit dem Europapokal der Pokalsieger einen europäischen Titel. Dieser wurde anschließend mit einer riesigen Auto-Korso-Party von Zehntausenden Fans am Borsigplatz gefeiert – so wie sie Klopp es sich zu seinem Abschied noch einmal vergeblich gewünscht hatte.

Die Welten haben sich umgehrt. Klopp ist kein Borusse mehr und die Favoritenrolle – daran besteht auch laut Klopp kein Zweifel – fällt diesmal eindeutig dem Bundesligazweiten zu. Sportwettenanbieter bwin geht d'accord: Quote 1:1,5 für einen Dortmunder Erfolg, 1:6 für den Tabellenneunten von der Mersey. Dortmunds Manager Michael Zorc erwartet eine ganze enge Kiste: „Für Liverpool ist es die einzige Möglichkeit, durch einen Finalsieg noch die Champions League zu erreichen. Deshalb erwarte ich zwei enge Spiele“, warnte Zorc.

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Foto: dpa

Und Dortmunds Trainer Thomas Tuchel, für den sich so recht niemand zu interessieren scheint, kommentiert die Einschätzung der Kräfteverhältnisse („absoluter Außenseiter“) durch seinen Vorgänger mit den Worten: „Jürgen Klopp hat vor jedem Spiel von Borussia Dortmund gegen Mainz gesagt, dass Mainz Favorit ist. Und Sie haben ihm das jedes Mal geglaubt“.

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