Interview mit TV-Kommentator : Béla Réthy: „Je bekannter man wird, desto stärker polarisiert man“

Béla Réthy.
Béla Réthy.

Er ist die ZDF-Stimme bei Sportereignissen: Kommentator Béla Réthy kommentiert möglicherweise wieder das WM-Finale. Im Interview spricht er über seinen WM-Favoriten, den Umgang mit Fehlern und seine Reaktion auf Kritik.

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09. Juni 2018, 16:10 Uhr

Münster | Herr Réthy, was machen Sie am 15. Juli?

Béla Réthy: Ich würde mich freuen, an diesem Tag das WM-Finale zu kommentieren. Allerdings wird die Besetzung beim ZDF nie so weit im Voraus festgelegt. 2014 war Tom Bartels mit der ARD an der Reihe. Ich habe ihm mit dem 7:1 im Halbfinale einen schönen Pass gegeben, so wie Schürrle auf Götze (lacht), und er hat ihn dann im Finale wunderbar verwandelt.

Schafft es Deutschland erneut ins Finale?
Ich würde es mir wünschen – am liebsten gegen Brasilien, wo ich selbst lange gelebt habe. Aber wie schwer das sein wird, sieht man daran, dass bei den letzten beiden WM-Turnieren der Titelverteidiger jeweils in der Vorrunde ausgeschieden ist. Mein persönlicher Favorit sind die Franzosen. Die haben eine unglaubliche Offensive.

Vor Ihnen liegen fünf Wochen Fußball-Weltmeisterschaft. Das klingt nach Traumjob…
Ganz ehrlich, ich mache das noch so gerne wie am ersten Tag. Eine WM bietet neue Erfahrungen, neue Länder, neue Kulturen. Allerdings geht es für mich gleich sportlich los: Am 16. Juni kommentiere ich das Spiel Frankreich-Australien in Kasan, fliege direkt danach nach Moskau, am nächsten Morgen dann weiter nach Rostow am Don, wo abends Brasilien gegen die Schweiz spielt. Alleine in der Vorrunde stehen sechs Spiele auf meinem Programm. Wir fliegen morgens oft in aller Herrgottsfrühe los, um früh genug im Hotel zu sein, falls weitere interessante Spiele anstehen, die man zur Vorbereitung schauen sollte. Das ist ein Vollzeitprogramm.

Wie sehr schmälern die (sport-)politischen Diskussionen um das WM-Gastgeberland Russland den Genuss?
Die Erfahrung vorheriger Großereignisse lehrt, dass es manchmal sogar positiv sein kann, wenn ein umstrittenes Gastgeberland eine Zeitlang derart im Fokus der Öffentlichkeit steht – und dadurch auch kritische Themen stärker an die Oberfläche kommen. Ich halte mich ans Sportliche: Ich werde die besten Fußballspieler der Welt erleben, und darauf freue ich mich.

Wie „hautnah“ können Sie ein Spiel erleben, wenn Sie es kommentieren?
Natürlich erlebe ich ein Spiel anders, als wenn ich auf dem Sofa säße oder privat ins Stadion ginge, aber durchaus sehr intensiv. Ich freue mich gerade auf das Überraschende, das Unerwartete. Beim Fußball ist man ja vor nichts gefeit. Andererseits gilt die Konzentration vor allem dem Handwerklichen. Man erlebt die 90 Minuten anders, wenn man versuchen muss, möglichst jeden Satz ordentlich hinzukriegen und dabei hofft, dass der liebe Gott einem immer das passende Verb im richtigen Moment schenkt (lacht).

Und wenn Sie mal falsch liegen?
Wenn man mal einen Vornamen verwechselt, dann versendet sich das, aber wenn man mal einen falschen Fakt benannt hat, und man wird zum Beispiel durch eine Zeitlupe korrigiert, ist es ein absolutes Muss, das zu korrigieren. Das ist doch eine Dienstleistung. Es geht ja nicht um unsere Eitelkeiten. Als ich mit dem Live-Fußball anfing, ging alles noch gemächlicher zu, das Tempo hat seitdem unglaublich zugenommen. Auch die Regeln sind viel komplizierter geworden. Man muss höllisch aufpassen und viel konzentrierter sein als früher.

Als Sie 2014 das WM-Spiel Deutschland-Brasilien kommentierten, schauten mehr als 32 Millionen Menschen zu. Rutscht da selbst einem TV-Routinier das Herz in die Hose?
Nein, ich bin nicht der Typ, der deshalb Druck verspürt. Ich blende das komplett aus. Handwerklich ist ein Halbfinale Deutschland-Brasilien für mich identisch mit der 1. Pokalrunde bei Greuther Fürth. Natürlich empfinde ich eine andere Art von Anspannung, aber die würde ich eher als Vorfreude bezeichnen. Außerdem bin ich schon zu lange im Geschäft, um das als Belastung zu empfinden. Mein erstes Finale habe ich 1996 bei der EM in England kommentiert, als Oliver Bierhoff das Golden Goal erzielte. Das waren noch andere Zeiten, Fußball war nicht der Mittelpunkt der Welt und stand nicht derart im sozial-medialen Fokus.

Das hat sich grundlegend geändert. Sie müssen im Netz viel Kritik einstecken.
Mit den sozialen Medien hat sich das Niveau der Diskussion tatsächlich verändert. Je bekannter man wird, je bedeutender die Spiele sind, die man kommentiert, desto stärker polarisiert man. Anfangs hat das etwas geschmerzt, weil man gar nicht wusste, worüber die reden. Inzwischen ist es ein Teil des Ganzen – ohne nennenswerte Bedeutung. Wer damit nicht umgehen kann, kann den Job nicht machen. Aber wissen Sie was?

…was denn?
In mehr als 25 Jahren als Live-Reporter beim Fußball hatte ich keine einzige – ich betone: keine einzige – negative persönliche Begegnung. Ich habe ständig Kontakt zu Fans, beispielsweise rund um eine Bundesliga-Begegnung, aber in solchen Situationen ist wirklich alles nur Friede, Freude, Eierkuchen. Und der eine oder andere fragt, ob wir ein Selfie zusammen machen können.
 

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